Kätzchen

Tag 1 im neuen Alltag ist überstanden. Die Chronik eines unmenschlichen Morgens und denkwürdiger Wendungen zum Nachmittagstee.

05:30 Uhr. Der barbarische Weckton meines iPhones reißt mich aus einem wirklich schönen Traum. Miststück! Ich drücke Snooze.

05:39 Uhr. Das markerschütternde Geklingel nimmt einen neuen Anlauf. Snooooooze! Decke über den Kopf.

05:45 Uhr. „Love me like you do“ von Ellie Goulding leitet endgültig den Anfang vom Ende ein. Was um Himmelswillen hat mich denn da geritten, diesen Klingelton einzuschalten?!

05:48 Uhr. Snoooooooooooooze!!! Schmerzen durch meinen tollkühnen Versuch, auf der Seite zu schlafen, lassen ein Weiterschlafen als Wunschtraum verblassen. Ich taste unbeholfen auf dem Nachttisch, um das sonnengrelle Licht der Salzkristalllampe zu entzünden und kicke dabei meine Brille fast auf den Boden. Lasst mich doch alle in Ruhe!

05:57 Uhr. Ich will den Erfinder dieses Wecktons langsam und schmerzhaft töten. Das ist doch ein Verstoß gegen die Genfer Konventionen! Die Straßenlaterne scheint durch den Rolladen und trifft mein Auge. Jaaaa, ist ja gut, ich stehe ja gleich auf…Mann ey!!!

06:00 Uhr. Der abartig ausgeschlafen wirkende Nachrichtensprecher des WDR trägt die neuesten Nachrichten vor. Gut, die Welt ist noch nicht ganz untergegangen. Dann sollte ich diesen Tag möglicherweise nutzen, um etwas für ihren Erhalt zu tun. Ich hasse sie gerade trotzdem.

06:01 Uhr. Während ich schlaftrunken den Türrahmen zum Bad mit der Schulter anremple, bin ich doch ein bisschen stolz auf mich. Die Transition ist ja eine krasse Sache, aber früh aufstehen…das ist die Champions League! Aber ich hab es immerhin schon ins Bad geschafft. Jetzt kann nicht mehr viel schief gehen.

06:03 Uhr. Beim Summen der Zahnbürste läuft schon der erste Kaffee durch. Oh, Kaffee! Mein bester Freund!

06:05 Uhr. Ich blicke in ein teilweise unrasiertes Gesicht und hasse, was ich sehe. Doch nachher ist endlich wieder ein Termin zur Bartepilation. In neuen Räumlichkeiten. Ich hoffe, ich bekomme einen Parkplatz. Nebenan fährt der Arbeitslaptop hoch. Es könnte ja sein, dass mal wieder Updates fällig sind, die ein Arbeiten für Stunden unmöglich machen. Vorsicht ist besser als Nachsicht.

06:34 Uhr. Die morgendlichen Berichte im WDR nerven. Ich kann’s gerade nicht mehr hören. Ich schnauze Alexa an, sie möge das nun endlich ausmachen und höre stattdessen die letzten 20 Minuten des Hörbuchs „Female Choice“, über denen ich gestern Abend gestresst und mit Schnappatmung eingeschlafen war.

07:46 Uhr. Mittlerweile bin ich in Kapitel Wasweißich des Hörbuchs „Frausein“ angekommen. Es langweilt mich, erfüllt nicht meine Erwartungen. Ich packe – vom zweiten Kaffee halbwegs wach – meinen Bougierkram bei Seite, rolle mich schmerzbedingt aus dem Bett und watschle ins Bad. Frage mich, was ich dort wollte. Vielleicht sollte ich mich vorher fertig anziehen. Also watschle ich zurück, schön wenn der Schmerz nachlässt.

07:48 Uhr. Die Skinny Jeans passt ganz gut, ein wenig mehr Hintern könnte aber nicht schaden, wenn ich so in den Spiegel gucke. Hormone?! An die Arbeit! Hopp, hopp!

07:50 Uhr. Heute landet der Mascara nicht im Auge. Ich bin dank meines tyrannischen Weckers…ähm…meiner Glanzleistung des frühen Aufstehens nicht in Eile. Stattdessen wabert der Duft frischer Brötchen durch die Wohnung. Wie lange habe ich vor der Arbeit nicht mehr gefrühstückt! Es bleibt bei mit Honig eingesauten Brötchenhälften, die dank des wasserähnlichen Bio-Öko-Fair-Trade-Honigs in selbigem zu ertrinken drohen. Was für ein Fehlkauf. Aber lecker ist er trotzdem.

08:45 Uhr. „Frau Kalder“, schallt es mir in der ersten Telefonkonferenz des Tages entgegen. „Willkommen zurück!“ „Julia, schön, dass du wieder da bist!“ Ich wünschte, ich könnte dieser Aussage ohne dreiste Lüge beipflichten. Ja, es ist schön, diese Menschen wieder zu sprechen. Ich merke, dass ich sie vermisst habe. Beim Geplauder über die anstehenden Aufgaben des Tages vergeht mir jedoch schon wieder die Lust. Vor allem die besonders lästigen Aufgaben haben wirklich 7 Wochen brav auf mich gewartet. Für eine Sekunde wünsche ich mir, das Angebot für 2 weitere Krankheitswochen meines Gynäkologen angenommen zu haben. Egal. Der Alltag hat mich wieder, es war irgendwie klar, dass das passiert. Aber bald würde all dieser alte Ballast hinter mir liegen und ich mit dem neuen Job ohne selbigen neu beginnen können.

09:21 Uhr. Ich verstecke mein unrasiertes Gesicht unter einer Atemschutzmaske und mache mich auf den Weg zur Bartepilation.

09:52 Uhr. Parkplätze. Oh, ihr kleinen Biester. Zeigt euch! Wegen euch komme ich nicht zu spät, nein, nein, nein!

09:54 Uhr. Ein Auto verlässt zügig eine Parklücke, die ich ohne mit der Wimper zu zucken belege und aufatme. Danke, Universum!

09:58 Uhr. Leicht verfrüht klingle ich an der neuen Praxistür, die mit Glasornamenten aus den Siebzigern verzieht und von einem Alurahmen gestützt wird. Nun…okay. Ich betrete die Praxis. Sie ist geschrumpft, aus drei Behandlungsräumen wurde einer.

10:51 Uhr. Meine Kosmetikerin reibt sich den Nacken. Wir machen eine Pause, schlürfen Ricola-Tee, quatschen über neue gesetzliche Bestimmungen für Elektrolysegeräte und mir zieht dabei blauer Dunst einer selbstgestopften Zigarette entgegen. Vom offenen Fenster her ist es kühl, aber der Tee wärmt.

11:03 Uhr. Mir wird eröffnet, dass erfahrungsgemäß die Barthaare nach der GaOP insgesamt etwas langsamer wachsen und dass die 3 Tage, in denen ich die behandelte Stelle nicht rasiert hatte, schon hart an der Grenze waren, um sie mit der Pinzette zu greifen. Na klasse, künftig werde ich die Zuchtzeit also auf 4 Tage ausdehnen müssen. Eigentlich ja erfreulich, da diese Entwicklung sicher auch andere Körperpartien betrifft, doch 4 Tage unrasiert zu bleiben und schlimmstenfalls damit noch ins Büro zu müssen, legt mir Steine in den Magen.

11:58 Uhr. Mit geschwollenem Gesicht unter der Maske wandle ich zurück zu meinem Auto. Im Gepäck ein nächster Bartepi-Termin erst Ende des Monats. Alles ausgebucht. Uff. So dauert das Prozedere wirklich noch Jahre.

12:30 Uhr. Virtueller Teamlunch. Meine Kolleg*innen kauen mir Sandwiches und Salat im Video Call vor, aber wir haben viel Spaß zusammen und plaudern. Es herrscht noch Unsicherheit, ob ich nun wieder Vollzeit zurück sein. Jap. Wenn schon, denn schon, oder?!

13:30 Uhr. Mein Kollege berichtet mir vom ganz normalen Wahnsinn der vergangenen Wochen. Meine Aufgaben halten sich glücklicherweise noch in Grenzen. Ich will ohnehin meine Projekte erst mal wieder aufräumen. Sie haben in den 7 Wochen dann doch ein wenig gelitten.

15:13 Uhr. Mein Kollege und ich quatschen noch immer, sind aber mittlerweile bei Themen angekommen, die man nur unter Freunden bespricht. Ich berichte ihm von meinen Erfahrungen im Kontakt mit Männern und meinen sich verändernden Empfindungen und Veränderungen. Und versichere ihm, dass wir Frauen eigentlich total simpel zu durchschauen sind, wenn man genau hinschaut. Er winkt lachend ab und beschwert sich über die 20 verschiedenen Arten von „Ja“ oder „Nein“ und deren unterschiedliche Bedeutung. Ich verstehe das Problem nicht, ist doch alles total logisch! Wir lachen. Ich genieße das. Ich bin auf der richtigen Seite angekommen. „Hätte ich dich mal vor 10 Jahren gekannt und du wärst damals schon so weit gewesen, wie heute„, feixt mein Kollege. „Du hättest mir voll wichtige Tipps für die Frauen geben können.“ Wir lachen wieder.

16:01 Uhr. In einem Gespräch mit meinem Chef sucht mich dann der ganze Mist heim, der brav die 7 Wochen auf mich gewartet hat. Ich verdrehe innerlich die Augen. Doch das werden die letzten Aufgaben sein, die es vor dem schrittweise Jobwechsel zu erledigen gilt. Er sendet eine Einladung ans Team. „Kurzes Team Meeting“ ist der Betreff. Sekunden später bricht im Team Chat eine wilde Spekulation los, was denn los sei. Wer werde das Team verlassen?! Mein Chef wirft humoristische Nebelkerzen, ich schweige. Doch eine Kollegin, die von meiner Bewerbung wusste, riecht den Braten und fragt mich im Einzelchat direkt. Ja, in dem Termin wird mein Wechsel bekannt gegeben. Anfang nächster Woche. Ich erwarte teils entsetzte Gesichter und mein Herz schmerzt mir ein wenig, meine lieb gewonnenen Kollegen zurück zu lassen. Aber ich weiß auch, dass das der richtige Schritt für mich ist.

17:03 Uhr. Ich hasse Abschiede. Würde das Team Meeting nicht virtuell stattfinden, würde ich vermutlich bei der Verkündung anfangen zu heulen. Doch ich schulde dem Team dann noch einen Abschiedskuchen. Tradition.

23:24 Uhr. Mein Dating Profil bei der Dating App „Bumble“, das als Testballon mit einer Prise Ernsthaftigkeit dient, hat binnen 2 Stunden über 50 Likes bekommen. Von Männern. Nur Männern. Heute habe ich mal ganz bewusst auf Frauen verzichtet. Fühlte sich noch etwas zittrig, aber irgendwie richtig an. Und nun werde ich förmlich überrannt. „50+“ steht nur da. Krass! Doch ich müsste Geld bezahlen, um ihre Profile sehen zu können. So dringend ist es dann doch nicht. Es bleibt aber die Erkenntnis, dass meine Chancen auf dem Datingmarkt vielleicht doch gar nicht so schlecht stehen würden, falls ich es drauf anlegen würde. Gut zu wissen.

23:25 Uhr.Betrügerin„, flüstert mir eine innere Stimme zu. „Du hast doch auch nur Bilder von dir hochgeladen, auf denen du geschminkt bist. Was ist abgeschminkt und mit Bartschatten, hm?! Glaubst du dann noch immer an 50+ Likes?! Hm?!“ Ich verziehe die Mundwinkel und wedle den Gedanken mit den Händen fort. Er setzt sich neben mich auf’s Bett und beobachtet mich eindringlich. Ich beschließe, ihn zu ignorieren und wische bei einem besonders ansprechenden Profil nach rechts…

00:19 Uhr. Alles wird sich jetzt verändern, oder? Ich habe Bauchgrummeln dabei. Vor Freude. Und ein bisschen auch vor Angst. Wegen dem, was im neuen Job auf mich warten wird. Und dem, was mit mir gerade innerlich passiert und meine romantischen Vorlieben mal eben auf links dreht. Und auch wegen Angst vor Ablehnung. Vielleicht sind diese ganzen Dating Apps doch keine so tolle Idee, solange ich mich mit mir und meinem Körper noch nicht im Reinen fühle. Etwas treibt mich aber dennoch an und lässt mich hoffen, dass es da jemanden gibt, der mich ganz so akzeptieren und lieben kann, wie ich bin. Egal ob mit oder ohne MakeUp. Und ganz, ganz, ganz seltene Profile von Männern lassen mich tatsächlich glauben, dass diese Hoffnung berechtigt ist.

00:32 Uhr. Ich muss dringend schlafen. „Zombie“ von The Cranberries dudelt gerade durch meine Playlist. Wie passend. In mehrfacher Hinsicht. Morgen früh wird mich Ellie Goulding wieder aus dem Bett flöten und mich vielleicht für einen schlaftrunkenen Moment von wahrer Liebe und Nähe träumen lassen. Buenas noches!

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