[Expliziter Inhalt] GaOP & weibliche Sexualität

Frau

Kleine Vorwarnung: in diesem Artikel wird’s intim. Es geht um den Zusammenhang von GaOP, weiblicher Sexualität und…*räusper*…einem ultrakrassen YouTube-Video.

Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Artikel schreiben möchte. Denn das Thema ist sehr intim. Letzten Endes habe ich mich aber aus zwei Gründen dafür entschieden, meine Erfahrungen offen mit euch zu teilen:

Erstens gehört die Erkundung und das Ausleben meiner weiblichen Sexualität – speziell nach der GaOP – zu meiner Transition und meinen damit verbundenen Erlebnissen. Und damit sind sie auch Teil meines Tagebuchs, meines Blogs. Davon mal abgesehen ist Sexualität nichts, worüber schamhaft geschwiegen werden sollte. Über diese Phase sind wir hinaus, oder?!

Zweitens habe ich in den vergangenen Tagen und Wochen wiederholt Fragen zu diesem Themenkomplex erhalten, sogar noch als ich in der Klinik war. Und ich halte es – gerade für andere Transfrauen, die eine OP in Erwägung ziehen – für notwendig, darüber Bescheid zu wissen, worauf sie sich einlassen. Daher möchte ich dazu nun endlich mal einen Artikel verfassen.

Dann wollen wir mal…

Natürlich ist die sexuelle Lust ein hochgradig individuelles Unterfangen und meiner Auffassung nach bei allen Geschlechtern stark kopfgesteuert. Fehlt zum Beispiel aufgrund von Stress die Möglichkeit sich fallen zu lassen und zu entspannen, wird aus dem besten Sex wahrscheinlich ein Rohrkrepierer. Allerdings habe ich den Eindruck, dass diese Verkopftheit bei Frauen noch intensiver ausgeprägt ist. Und genau auf diesen Aspekt wies mich schon Dr. Taskov in der Klinik hin. Es ging ganz allgemein um das Thema Orgasmusfähigkeit nach der GaOP, das meine Zimmernachbarin aufbrachte. In den meisten Fällen ist diese Fähigkeit rein anatomisch gegeben, der Knackpunkt nach der GaOP sind eher zwei Sachen:
Der Körper muss zum Einen neu lernen, was schön ist. Erogene Zonen müssen neu erkundet werden, der Körper erforscht werden. Und bei uns Transfrauen, die sich in der Hormontherapie befinden, ergeben sich wie bei Cisfrauen natürlich noch wesentlich mehr Möglichkeiten für erogene Zonen, allen voran die Brüste. Obgleich die meiner Erfahrung während des Wachstums eher schmerzempfindlich und damit weniger sexuell erregend sind.
Die zweite Sache ist laut Dr. Taskov der Kopf. Und diese Meinung teile ich uneingeschränkt. Druck und Stress sind der Tod für jede Libido und schöne Empfindungen. Das ging mir vor der OP schon so, ist jetzt aber noch viel deutlicher ausgeprägt. Die Heilungsschmerzen und Überempfindlichkeit insbesondere der Klitoris zähle ich mal im weitesten Sinne zum „Stress“ dazu.

Eure Fragen

Um auf die Fragen aus der Community zu kommen:
Insbesondere wurde ich gefragt, ob ich mich (an der Vulva) schon spüren und fühlen könnte und wie das sei.

Nun, in erster Linie kann ich da auf frühere Artikel verweisen, in denen ich beschrieb, wie das gesamte Gewebe entweder noch zu taub oder viel zu empfindlich ist, so dass ich Berührungsängste hatte. Das hat sich mittlerweile allerdings geändert, obgleich ich aufgrund der Heilungsschmerzen noch immer etwas vorsichtig bin. Die Taubheit nimmt aber stetig ab und die Empfindlichkeit nimmt zu. Das veranlasste mich dann doch vor einigen Tagen dazu, mich vorsichtig auf Selbsterkundung zu begeben, was sensationell unspektakulär und völlig unlustvoll war. Der Lustfaktor bewegte sich irgendwo zwischen Zähneputzen und einer leichten Schultermassage. Also nicht so richtig scheiße, aber von „total geil“ auch Meilen entfernt.

Aber ich war ja neugierig…es gibt so unheimlich viele tolle Spielzeuge für Frauen auf dem Markt und ich wollte doch mal schauen, ob ich damit etwas anfangen kann. Der erste Impuls war tatsächlich eher meinem Forschungsdrang zuzuschreiben und gekoppelt an den Gedanken, dass ich beispielsweise bei einem Vibrator ja noch zusätzlich die Nervenverknüpfungen „trainieren“ könnte. Ob das tatsächlich hilft, weiß ich natürlich nicht, aber irgendwie erscheint mir die Idee plausibel, da die Vibration nicht zuletzt die Durchblutung fördert. Im zweiten Gedanken wollte ich natürlich auch die ersten vorsichtigen Gehversuche in Sachen weiblicher Lust machen.
Also entschied ich mich für einen „Satisfyer“, ein Klitorissauger, der durch sanfte Schallwellen eben diese stimulieren soll. Und das tatsächlich auch tut. Der erste Eindruck war…nett. Wenn sich diese pulsierenden Vibration sich bei richtiger Haltung in das umliegende Gewebe verteilen, ist das schon wirklich angenehm, wurde aber nach kurzer Zeit schmerzhaft. Also landete mein kleiner Freund wieder in der Schublade. Das war offenbar noch zu früh.

Von männlicher und weiblicher Sexualität

Nun sei noch ein Wort zu den Unterschieden männlicher und weiblicher Sexualität zwischengeschoben, so wie ich sie ganz subjektiv und persönlich wahrnehme: während Männer beim Sex stark auf einen „Abschluss“ (Orgasmus) aus sind, so ist bei Frauen eher der Weg das Ziel. So empfinde ich es jedenfalls bei mir zunehmend. Zwar bemerke ich noch immer manchmal die alte Denke, die den Orgasmus als heiligen Gral, das ultimative Ziel glorifiziert, das ändert sich jedoch zusehends. Das wird immer unwichtiger. Was aber nicht heißen soll, dass ich auf Orgasmen verzichten mag. Ganz im Gegenteil!
Daher machte ich mich auch mal bei verschiedenen Quellen schlau, nach welcher Zeit Transfrauen post OP denn den ersten Orgasmus hatten. Die Zeitspanne reicht von wenigen Wochen bis zu über 18 Monaten oder niemals. Die Aussagen sind also für die Tonne und wie eigentlich immer in der Transition ist es hochgradig individuell. Letzten Endes spielt es für mich aber auch keine Rolle, ob das nun nächste Woche oder in einem Jahr passiert. Seit der GaOP ist meine Libido ohnehin völlig im Keller. Die hormonelle Umstellung macht sich da sicher gerade bemerkbar. Und die Medikamente möglicherweise auch.

I can’t get no satisfaction

Anyway. Über die letzten Tage gab ich dem kleinen Satisfyer vereinzelt nochmal eine Chance, die Erlebnisse waren aber jedes Mal schmerzhafter als beim ersten Mal und außer einer vorsichtigen Intimmassage kam nicht viel dabei rum. Aber auch das war ok. Ich erwarte keine Wunder, möchte aber dennoch am Ball bleiben. Alleine schon aus Neugier, denn das neue Körpergefühl ist sooo anders, das muss ich einfach erforschen. Das macht wirklich Spaß. Cisfrauen tun das doch ganz sicherlich in der Jugend…ich hole das jetzt mit großen Wissensdurst nach. 🙂

Heute Abend geschah dann etwas recht Beeindruckendes. Ich war irgendwie etwas gestresst von den üblichen Nachrichten und ziemlich aufgewühlt. In solchen Situationen mache ich mir manchmal ein Meditationsvideo bei YouTube an, um mich wieder zu erden und zur Ruhe zu kommen. Heute kam mir dann die Idee, mal eine erotische Meditation für Frauen auszuprobieren, von denen ich schon mal gehört hatte. Und so landete ich bei diesem Video, was eine gute Stunde dauert und sich selbst nicht Meditation, sondern Hypnose nennt. Ich persönlich kann mich relativ gut auf so etwas einlassen, insofern nahm ich mir die Zeit. Von dem „Höhepunkte“-Versprechen im Titel versprach ich mir nicht allzu viel, da diese Art von Titeln meist eher dazu dienen, Zuschauer*innen anzulocken.

Nachdem ich mich aber in die ruhige Stimme des Sprechers eingefunden und mich entspannt hatte, entfaltete er seine Magie. Ich habe nicht auf die Zeit geschaut, aber ich schätze erst nach 30 – 45 Minuten leitete er die Hypnose in eine Richtung, die angeblich zu einem natürlichen Orgasmus ohne körperliche Berührungen führen sollte.

Spoiler: das hat nicht geklappt. Aber! Dickes Aber!

In einem bestimmten Zyklus wiederholt der Sprecher Phasen der Entspannung und der mentalen wie körperlichen Erregung. Es geht dabei fast ausschließlich um die eigene Körperwahrnehmung. Es wird keineswegs mit erotischen Phantasien oder ähnlichem gearbeitet. Reine Körperwahrnehmung. Naja, das war ja soweit ganz nett, viel versprach ich mir davon aber dennoch nicht.
Beim zweiten oder dritten Durchgang hatte er mich zu meiner Überraschung dann doch am Haken. Diese Suggestion funktionierte erstaunlich gut. Schockierend gut! Wie gesagt, es reichte nicht für einen Orgasmus, aber im Ernst…viel fehlte da nicht. Mein Körper prickelte einfach überall und ein bis dato unbekanntes Gefühl stieg in meiner kleinen Yoni auf. Ziemlich cool! Diese Erfahrung nahm mich körperlich schon dermaßen mit, als habe ich tatsächlich einen Orgasmus gehabt. Umso schlimmer war es, dass er seinen Zyklus noch mehrere Male wiederholte und ich schlicht und ergreifend nicht mehr konnte und wollte.
Am Schluss dieser Hypnose fühlte ich mich trotz dieser „Überreizung“ gegen Ende aber doch erstaunlich erfüllt und zufrieden. Auch ohne Orgasmus.

Dieses Erlebnis war derart prägend, dass es mir ganz neue Eindrücke in weibliche Lust gewährte. Das, was ich da heute erleben durfte, war in vielerlei Hinsicht so viel komplexer als männliche Lust, die wie gesagt oft einfach nur zielfixiert ist. Der Spannungsaufbau im Körper war ein ganz anderer, beschränkte sich nicht nur auf die Lenden, sondern erfüllte fast den gesamten Körper. Die Erregung baute sich schrittweise auf und es fiel mir schwer, sie wieder gehen zu lassen, obgleich das Teil des Hypnose-Zyklus war. Muskelzucken durchfuhr mich, alles war wie aufgeladen. Vereinzelte Bilder in meinem Kopf gaben dann schon noch kleine Kicks dazu, waren aber nicht ausschlaggebend. So krass…dieser Unterschied.

Wenn man mich jetzt fragen würde, was mir besser gefällt, männliche oder weibliche Sexualität, liegt die Antwort wohl auf der Hand. Sowas von eindeutig die weibliche! Wie gesagt, sie ist so viel intensiver und bezieht den ganzen Körper mit ein. Ja, es ist viel schwieriger, sich auf die Lust einzulassen und sie dann auch aufsteigen zu lassen. Aber wenn sie dann da ist, ist sie da. Und wie sie da ist. Halleluja! Ernsthaft…was mag da noch kommen? Das war heute nur eine kleine Hypnose-Meditation ohne nennenswerten körperlichen Einsatz. Wie sieht das denn dann bitte mit einem Partner aus, auf den ich mich voll einlassen kann?! Holy…

Die männliche Einöde 2.0

Ich hatte es damals schon zu Beginn der HRT angemerkt, jetzt weite ich mein Statement noch aus:

Liebe Männer, ihr tut mir leid!

Sowohl die in Bezug auf die emotionale Bandbreite geht euch durch das Testosteron so viel Gefühl verloren! Diese Bandbreite will ich persönlich nie wieder missen! Und eine ähnliche Erfahrung mache ich nun bei der Erkundung der eigenen weiblichen Sexualität. Auch hier geht euch so viel verloren. Warum muss Sex schon nach 5 Minuten zu Ende und das einzige Ziel der Orgasmus sein?! Sex ist soviel mehr, das wird mir gerade erst so richtig bewusst. Die Stunde des YouTube-Videos verflog in Windeseile und mit einem realen Partner wäre das für mich erst der Anfang gewesen. Sex birgt so viele Geheimnisse und intensive Gefühle, die durch den kurzen männlichen Geschlechtsakt einfach über Bord gehen. Wie schade das ist!

Hach…aber sei’s drum. So ist die Natur des Menschen. Ich bin jedenfalls noch völlig beseelt von diesem Erlebnis und bin davon überzeugt, dass noch viele aufregende Erfahrungen und Erkundungen vor mir liegen. Ganz besonders, wenn die Heilung irgendwann mal abgeschlossen sein wird. Hammer! Ich empfand Sex früher ja meistens eher als stressig und habe jetzt das erste Mal im Leben das Gefühl, dass sich das ändern und Sex etwas Lustvolles in meinem Leben werden könnte.

Unglaublich. Ich bin jedes Mal von Neuem sprachlos, was sich durch die Transition quasi nebenbei einfach mal zum Besseren wendet…

Ich fühle Befreiung. Dankbarkeit. Erleichterung. Soviel Erleichterung, dass ich fliegen könnte…

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