Leuchtturm im Sturm

Ok, der Titel ist etwas irreführend. Was hier wirklich zusammenstößt, sind äußere und innere Welten, alte und neue Denkweisen, alte und neue Gefühle. Der heutige Tag fühlt sich nach Neuanfang an und gleichzeitig brauchte es lange Gespräche mit Freundinnen, um damit irgendwie klar zu kommen.

Wir erinnern uns an Pia. Meine innere Kritikerin, die kleine Bitch. 😉 Verzeihung, sie hat mir auch durchaus große Dienste erwiesen, steht mir aber auch immer wieder im Weg und hat mit dem oben beschriebenen Zusammenstoß durchaus etwas zu tun.

Wo fange ich an?! Vielleicht zunächst bei einem Anruf meines HNO, den ich heute erhielt. Kurz angebunden teilte mir die Dame mit, dass meinem Wunsch nach einer weiteren Verordnung für die Logopädie nicht entsprochen werde. Stattdessen sende sie mir eine Überweisung zur Phoniatrie zur weiteren Untersuchung. Klatsch! Damit war mein Plan, meine Stimme mit Prosodie und so weiter auf ein neues Level zu heben, erst einmal auf Eis gelegt. Dass dieser Moment kommen würde, war mir zwar bewusst, doch zum aktuellen Zeitpunkt hatte ich ihn nicht erwartet.
Da mir die Bedeutung dieser Überweisung nicht klar war, fragte ich meinen Therapeuten. Der erklärte mir jedoch, dass das ein normaler Vorgang sei, der sogar durchaus wünschenswert wäre. Warum genau das so ist, klärten wir nicht, das war in dem Moment für mich nicht relevant. Wichtig ist erst einmal, dass das Ganze kein Stoppschild für mein Stimmtraining ist, vielleicht aber eine kurze Pause.

Offen gestanden weiß ich allerdings nicht, was man in der Phoniatrie mit mir anstellen möchte. Schließlich ist Stimmwahrnehmung hochgradig subjektiv und wie soll ein Arzt faktenbasiert belegen, ob eine weitere Logopädie angezeigt ist oder nicht? Letztlich kann es doch nur wieder über meinen persönlichen Leidensdruck gehen, wie so oft in der Transition. Und der ist definitiv noch vorhanden. Nicht mehr so stark, wie etwa vor 6 Monaten, aber dennoch stört mich meine Stimme weiterhin. Pia lässt grüßen. Blöde Kuh!

Denn hier kommt der Zusammenstoß zum Tragen. Die Äußerungen meiner Mitmenschen häufen sich in auffälligem Maße, dass meine Stimme mehr und mehr weiblich gelesen wird. Teilweise von Menschen, die meinen Hintergrund kennen, zunehmend aber auch von Menschen, die unvoreingenommen mit meiner Stimme konfrontiert werden.

Hier einige Zitate der vergangenen Tage:

Wenn du sprichst, dann höre ich eine Frau im unterem weiblichen Frequenzspektrum, deine Logopädie verzeichnet Erfolge (…)

Oder als Feedback auf mein aktuelles YouTube Video:

Closed my eyes and a lady was speaking.
(Ich schloss meine Augen und da sprach eine Dame.)

Noch eins:

(…) sie hört sich an wie ne Frau (…)

Und nicht zuletzt mein Erlebnis mit der Krankenkasse. Ich berichtete.

Pia, was um Himmels Willen braucht es denn noch, damit du überzeugt bist?!?

Ich führe wirklich einen heftigen inneren Kampf deswegen. Ich beginne, den Menschen zu glauben und meine Selbstkritik mehr und mehr zu hinterfragen. Dennoch höre ich diese Lady selbst noch viel zu selten, selbst wenn ich ganz bewusst auf die positiven Aspekte achte. Warum ist meine Wahrnehmung so krass unterschiedlich zu dem, was andere Menschen hören? Ist das wirklich nur mein Anspruch an mich selbst?! Oder stelle ich meine Stimme einfach nur deswegen so sehr in Frage, weil ich weiß, von welchem Ausgangspunkt ich gestartet bin? Ich meine, vor allem fremde Menschen kennen meinen Hintergrund nicht und denken vermutlich nicht im Geringsten über meine Stimme nach.

Dieser innere Kampf kostet mich neben der Heilung gerade wirklich viel mentale Kraft, da sich etwas in mir sperrt anzuerkennen, was ich offenkundig schon geschafft habe. „Gut ist nicht gut genug, Baby!“ So spricht Pia und sie mag nicht schweigen. Daher versuche ich ihr zuzuhören und zu verstehen, was sie mir sagen möchte. Wenn sie mit dieser Vehemenz agiert, scheint es offenkundig etwas sehr Wichtiges zu sein, was sie mir mitteilen möchte. Oder sie ist einfach irre. Das ist die andere Möglichkeit. 🙂

Am Rande bemerkt, hilft es mir gerade total, meine innere Kritikerin ein wenig von mir zu distanzieren und zu personifizieren. Auf Dauer ist das sicher eher ungesund, für den Moment erlaubt es mir aber einen reflektierten Umgang mit den Bedürfnissen, die hinter dieser inneren Kritik stecken, ohne von einem Gefühlschaos überrollt zu werden.

Noch mehr Zusammenstöße

Eine Motivations-App schickte mir heute folgenden Spruch:

Jemand, den du noch nicht einmal kennengelernt hast, fragt sich, wie es wäre, jemanden wie dich zu kennen.

Dieser Spruch passt witziger Weise wie die Faust auf’s Auge. Ohne aus Gründen der Vertraulichkeit in die Details zu gehen, schreibe ich seit Kurzem mit jemandem. Wir kennen uns noch nicht wirklich, aber ich nehme ein gegenseitiges Interesse wahr. Und genau deswegen treffen gerade alte und neue Gefühlswelt. Niemals hätte ich mir vor Jahren denken können, einen Mann kennenlernen zu wollen. Dass ich diese Impulse seit einigen Wochen verstärkt wahrnehme, schrieb ich ja schon. Heute fühlt sich das allerdings so an, als hätte man eine Sektflasche entkorkt, als sei da etwas Eingeschlossenes freigelassen worden. Eine gänzlich neue Welt tut sich da gerade vor mir auf, denn Männer kennenzulernen ist soooo viel anders als anders herum! Es ist wahnsinnig aufregend und es gefällt mir. Die Rollenverteilung ist endlich stimmig für mich. Ich empfinde das als wesentlich entspannter als früher. Richtiger. Dieses Wort verwende ich oft in letzter Zeit. Es trifft einfach zu. Es ist richtig so. Fertig.

Und obgleich sich das alles richtig anfühlt, zerwuselt mir das mein Hirn. Diese ganzen neuen Gefühle und Gedanken überfluten mich förmlich. Und ich fühle mich zeitweise wie ein Teenager, der das erste Mal mit einem Jungen spricht. Als hätte ich null Erfahrung damit. Als wären sämtliche Erfahrungen aus meinem vergangenen Leben völlig belanglos, denn jetzt ist alles anders!

Was jedoch geblieben sind, sind die Dinge, die ich aus meinen Beziehungen gelernt habe. Und damit das, was mir an einem Partner wichtig ist. Die Grundvoraussetzungen sozusagen. Und das sind echt ne ganze Menge. Habe ich hohe Ansprüche? Auf jeden Fall. Habe ich einen solchen Partner dennoch verdient. Oh ja, Baby! Das habe ich! Aber sowas von. Erschwert das das Finden eines Partners? Auch hier: ja, das tut es. Aber wie das Zitat oben schon sagt: jemand wartet auf mich.

Ich kann zwar wirklich gut alleine durchs Leben gehen und oft genug tue ich das auch sehr gerne. Doch von Tag zu Tag wünsche ich mir mehr eine starke Schulter an meiner Seite. Eine Hand, die liebevoll die meine nimmt und mit mir gemeinsam durch die Abenteuer dieser Welt geht.

Puh. Aufregend. Sehr aufregend.

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