Raus aus der Komfortzone

Meine Energie kehrt langsam zurück. Und damit auch meine Kraft, meine Komfortzone mal wieder zu verlassen. Und dafür hat mich der heutige Tag reich belohnt.

Über die vergangenen Wochen hatten sich verschiedene To-Do’s angesammelt, zu deren Erledigung mir schlicht die Energie fehlte. Heute kehrte sie immerhin soweit zu mir zurück, dass ich mich Teilen dieser To-Do’s annehmen mochte. Konkret: 2 Telefonate.

Wer mich kennt weiß, dass ich nicht sonderlich gerne telefoniere. Schon gar nicht mit fremden Menschen. Ich schreibe lieber, wann immer das möglich ist. Schon in der Kindheit schlug mir mein kleines Herzchen bis zum Hals, wenn ich irgendwo anrufen sollte. Über die Zeit entwickelte ich dann Strategien, um mit dieser Aufregung umzugehen. So legte ich mir in der Regel sehr genau zurecht, wie ich das Gespräch beginnen wollte, um mich nicht vor Aufregung zu verhaspeln. Dieses Konzept habe ich bis heute in Grundzügen beibehalten, bin bei Telefonaten allerdings etwas entspannter geworden. Übung hilft. Gerade bei „offiziellen“ Anrufen erweist mir meine Strategie aber immer mal wieder gute Dienste. So auch heute bei meinen Anrufen.

Zunächst stand ein Gespräch mit meiner Krankenkasse auf der Liste, da es Klärungsbedarf wegen meiner langen Krankschreibung gab. Zwar legte ich mir nicht jedes Wort zurecht, jedoch nahm ich mir vor, heute mal meine „neue Stimme“ einem Praxistest zu unterziehen, was ich im Alltag bisher sonst bestenfalls an der Supermarktkasse mit wenigen Worten mache. Diese Lernaufgabe hatte ich wochen- und monatelang vor mir hergeschoben, da ich mich dabei völlig unwohl fühlte. Heute war das erstaunlicherweise überhaupt kein Problem und ich hatte auch keine Angst davor. Schon seltsam, oder?

Es klingelte und zu meiner Überraschung nahm nicht die freundliche Dame ab, die mir auf die Mailbox gesprochen hatte. Stattdessen hatte ich einen Kollegen erwischt. Ich trug den Grund meines Anrufs vor, nannte dabei jedoch nur meinen Nachnamen. Ohne jede Verzögerung oder Unsicherheit sprach mich der Herr mit „Frau Kalder“ an und mein Herz hüpfte und hüpfte. So brachten wir das Gespräch zu einem guten Ende und verabschiedeten uns.

Ich legte mein Handy zur Seite und jubelte! Das war das erste Mal, dass meine Stimme von mir fremden Menschen weiblich gelesen wurde und ich ein entsprechendes (indirektes) Feedback erhielt. Wooooooohoooooooo!!! Ich habe sooo verdammt lange auf diesen Augenblick gewartet und es sogar als ultimatives Ziel der Logopädie ausgegeben, dass ich am Telefon als weiblich erkannt werde. Nun kann ich noch gar nicht so recht glauben, dass das heute wirklich geklappt hat! Denn wann immer ich mir meine täglichen Stimmaufnahmen anhöre, überzeugen sie mich noch immer nicht. Offenkundig sind das aber Details, an denen ich gemeinsam mit meiner Logopädin noch feilen kann.

Dieser Tage wird in anderem Kontext häufig von einer Zeitenwende gesprochen: dieses Telefonat war für mich heute eine ganz persönliche Zeitenwende.

Der zweite Anruf war dann im Grunde schon zu vernachlässigen, denn es war lediglich eine Terminabklärung mit Dr. Taskovs Praxis zwecks Nachkontrolle nach 3 Monaten. Anfang Mai werde ich nun noch einmal nach Erding fahren und dort auch ein Wochenende mit meiner besten Freundin verbringen. Ich freue mich schon sehr darauf.

Langsame Heilung & existenzielle Gedanken

Was die Heilung anbelangt, habe ich das Gefühl, dass sich der Prozess verlangsamt hat. Zumindest rein optisch und auch was die Schmerzen anbelangt. Da ändert sich aktuell nicht viel. Es gibt noch immer eine äußere Stelle an einer Narbe, die immer mal wieder leicht anfängt zu bluten, das finde ich natürlich nicht so cool. Heute ersuchte ich Dr. Taskov dazu um Rat und warte nun auf seine Antwort. Ich ahne jedoch, dass sich da wenig zusätzlich machen lässt. Ich behandle die Stelle schon regelmäßig mit Lavanid, einem richtig guten Wundgel, das mir die Klinik damals auch für das Bougieren und zur Nachsorge empfohlen hatte.

So langsam nehme ich leider auch wieder ein steigendes Stresslevel wahr, da ich in etwas mehr als einer Woche wieder zur Arbeit muss und mich dafür noch überhaupt nicht bereit fühle. Zwar bietet mein Arbeitgeber eine betriebliche Wiedereingliederung, die greift jedoch frühestens nach 7 Wochen Krankschreibung. Da komme ich nur knapp drüber und erst nach dieser Zeit wird der betriebliche Prozess dazu angestoßen. Dann bin ich jedoch schon wieder voll im Einsatz, obgleich mir für die erste Zeit ein Arbeitspensum von 2 oder 3 Stunden am Tag schon genug wären. Das scheint mit dem vorliegenden Konzept leider hinfällig zu sein, es sei denn, mein Frauenarzt nimmt mich nächste Woche noch länger aus dem Verkehr.

Das ist schon alles recht komisch im Augenblick. Ich mache den ganzen Tag nicht so arg viel verglichen mit vor der OP. Dennoch wird mir nie langweilig. Die Ruhe tut sehr gut und mein Körper fordert sie auch ein. Ich habe auf diese Weise natürlich viel Zeit zum Nachdenken. Über dies und das. Unter anderem auch über meine eigenen Zukunft. Dabei kommen dann bereits besprochene Themen wie mögliche Partnerschaften auf, aber auch generell die Frage, was ich überhaupt mit meinem Leben anfangen möchte. Es gibt aktuell so viele Optionen. Ich habe eine ganz klare Mission und Passion mit meinem neuen Job gefunden und freue mich total auf diese Herausforderung. Gleichzeitig kommen viele Transpersonen über soziale Medien auf mich zu und suchen Hilfe und Unterstützung. Und nun muss ich in den vergangenen Tagen noch erkennen, was eigentlich viel wichtiger ist: die Unversehrtheit von Menschenleben aus der Ukraine und generell der Menschheit. Auch hier gibt es so viel zu tun und ich hätte so viel zu geben, um diese Welt ein klein wenig besser zu machen. In allen drei Aspekten spielt Menschlichkeit und ein respektvoller Umgang miteinander eine zentrale Rolle. Im Job stehen dahinter natürlich zusätzlich auch knallharte wirtschaftliche Interessen, aber eben nicht nur. Dazu kommen noch Gespräche mit Followern auf Instagram, die sich zum Beispiel politisch für LGBTQ’s einsetzen, was auf das gleiche Konto einzahlt, wie die anderen Themen.

Da liege ich nun so auf dem Bett rum und höre sehr deutlich den Ruf, etwas zu tun. Mehr zu tun. Dieser Blog und meine sozialen Kanäle sind ja immerhin schon „etwas“ und helfen anderen Betroffenen oft weiter. Ich habe aber nicht das Gefühl, dass das ausreicht. Daraus resultieren dann Fragen wie: engagiere ich mich in einer politischen Partei? Oder gehe ich zu Demos? Oder spende ich Geld für die Ukraine? Oder biete ich Geflüchteten aus der Ukraine für eine Weile ein Zimmer und ein Bett an, sofern sich das irgendwie organisieren lässt? Auch Gedanken daran, mein Auto im Sinne des Klimaschutzes abzustoßen, treiben mich um, sind aber aufgrund meiner räumlichen Verflechtungen nicht ohne dramatische Einschnitte umsetzbar. Meinen Speiseplan habe ich im Verlaufe der vergangenen Monate schon soweit umgestellt, dass ein Großteil der Lebensmittel bio sind und höchstens noch einmal pro Woche Fleisch auf den Tisch kommt. Kuhmilch wurde auch weitgehend gestrichen und durch Hafermilch ersetzt (die im Übrigen fast wie Kuhmilch schmeckt).

Also…wenn ich das so schreibe, ist das nicht „Nichts“, aber es kommt mir dennoch so wenig vor. Andere Menschen sammeln Spenden und fahren einfach mal zur polnisch-ukrainischen Grenze, um Hilfsgüter zu verteilen. Das fühlt sich „machtvoller“, wirksamer an. Kommt allerdings in meiner aktuellen Gesundheitsverfassung ohnehin nicht in Frage. Bemerkenswert finde ich in dem Kontext übrigens, dass mein Arbeitgeber all jenen 5 Tage bezahlte Freistellung genehmigt, die sich um Geflüchtete aus der Ukraine kümmern. Großes Kino!

Tja, solche Gedanken treiben mich um, sind aber noch zu unspezifisch, um wirklich Wirkung zu entfalten.
Vielleicht braucht es noch den richtigen Trigger…winke, winke, Gesetz der Anziehung! Naja, die Energien kehren jedenfalls langsam zu mir zurück.

Nachtrag

Eigentlich wollte ich diesen Artikel eben schon veröffentlichen, da klingelte es an der Tür. Mit wackeligem Kreislauf tappte ich die Treppe hinab und nahm ein farbenfrohes Päckchen entgegen, dass mein Nachbar freundlicherweise für mich angenommen hatte. Absender: eine Freundin und Arbeitskollegin.
Doch das war nicht alles! Ich öffnete das ordentlich verpackte Päckchen, zog ein kleines Tütchen heraus, das mit unheimlich viel Flausch gefüllt war. Zunächst dachte ich an plüschige Hausschuhe oder ein Stofftier, aber weit gefehlt: es war eine unverschämt flauschige Kosmetiktasche, gefüllt mit Gesichtsmasken, Mascara, Nagellack und Lippenstift. OMG, wie süß war das denn?!? Doch das beste kam erst noch! Diesem Genesungsgeschenk lag noch eine Karte bei, die mich unmittelbar zum Weinen brachte…sie war nicht nur von besagter Freundin, sondern zwei weitere Kolleginnen aus meinem Team hatten sich daran beteiligt. Jede für sich hatte tief berührende Worte gefunden, die nicht nur eine Genesungsgeste waren, sondern mich direkt ins Herz trafen. So voller Zuneigung, Bewunderung und Freude darüber, dass „ein neues Mädchen geboren worden ist“. Ich kann es gar nicht recht wiedergeben, ohne die Zeilen hier abzutippen. Aber das mag ich gerade auch gar nicht, denn sie sind tief in meinem Herzen und da sollen sie gerade auch noch bleiben.

Ich bin absolut sprachlos über diese liebevolle Geste und freue mich jetzt schon auf ein Dinner mit diesen Mädels, das mir heute schon angekündigt wurde.
Ich kann einfach nur mit großen Augen dastehen und beobachten, was da alles Wundervolles geschieht und kann noch immer nicht glauben, womit ich das alles verdient habe. Jedes dieser Ereignisse ist wie eine weitere Initiierung und Aufnahme in die Frauenwelt. Das ist sooo wunderschön. Bilden sich da etwa gerade Mädelsfreundschaften? Weitere? So wie mit meiner besten Freundin? Ich kann das alles noch gar nicht glauben, dass das wirklich passiert…aber ich liebe es…denn es ist einfach alles richtig…so wie es immer hätte sein sollen.

Es fühlt sich an, wie die goldene Zeit der Ernte nach der mühsamen Zeit der Saat und Pflege…

Danke, Universum! Danke!!!

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