Mama und Tochter - Zeichnung

Das war ein viel zu kurzes Wochenende mit meiner Tochter. Aber dafür erfüllend, dicht und irgendwie anders als sonst. Etwas hat sich verändert.

Meine ältere Tochter hatte sich zu meinem Bedauern dieses Wochenende dagegen entschieden, mit zu mir zu kommen. Mutmaßlich, weil sie mit der Umstellung nach der GaOP noch nicht klar kommt. Das war zwar sehr schade, bedrückte mich aber nicht ernsthaft. Aus früheren Geschehnissen wie der Hochzeit im September 2021 habe ich meine Lehren gezogen und kann solche Dinge nun besser einfach „sein lassen“ und ihr den nötigen Raum lassen.

Immerhin für eine Übernachtung kam aber meine jüngere Tochter zu mir. Und nachdem wir uns das letzte Mal vor der GaOP gesehen hatten, war die Wiedersehensfreude riesig und irgendwie war alles so, als hätten wir erst letzte Woche Zeit gemeinsam verbracht. Die OP und die daraus entstandenen Änderungen waren gar kein allzu großes Thema, denn zwischen uns war alles, wie bisher auch. Nur, dass ich noch nicht wieder ganz so fit bin. Nach einer kurzen Absprache war auch klar, dass ich für das Bougieren Zeit alleine brauche und so verbrachten wir die Zeit in Rufweite, jede für sich. Völlig easy.

Doch bevor es dazu kam, besuchten wir meine Mutter und verbrachten schöne Stunden zusammen, obwohl mit Spazierengehen, Spielplatzbesuch, Abendessen und gemeinsam KIKA gucken gar nichts Spektakuläres passierte. Doch beim Essen entwickelte sich ein Gespräch über meine Anrede und Pronomen. In dessen Verlauf erklärte ich ihr behutsam, dass es für mich wirklich seltsam und unzutreffend wäre, wenn ich „Papa“ genannt werde, obwohl ich natürlich immer ihr leiblicher Vater bleiben würde. Das leuchtete ihr ein und begann sofort, andere Namenskreationen aus der Taufe zu heben. „Mapa“, „Pama“ und nicht zuletzt „Juli“ waren die heißesten Kandidaten. „Juli“ gefiel uns allen auf Anhieb am besten, das ist wirklich süß!
Im Laufe der nächsten Stunden experimentierte meine Tochter fleißig damit herum, sprang manchmal doch zurück zu „Papa“, dann mal wieder „Mapa“ und landete immer wieder bei „Juli“.

Später am Abend rief sie mich dann noch, verhedderte sich und nannte mich „Mama“. Sie korrigierte sich kurz, meinte dann aber: „Ach, ist doch egal! Ich nenne dich jetzt einfach Mama!“ Ich grinste in mich hinein und nickte.

Was für eine Veränderung! Und das ohne autoritären Zwang, sondern lediglich mit einer simplen Ich-Botschaft, wie ich die Betitelung „Papa“ empfinde und was ich mir stattdessen wünschen würde. Dieses Erlebnis widerlegt so manche Berichte anderer Transfrauen, die ihren Kindern aktiv verboten haben, sie weiterhin „Papa“ zu nennen. Das kam für mich nie in Frage und hätte sich so angefühlt, als würde ich ihnen gewaltsam etwas wegnehmen. Das war nicht der Weg, der mir passend erschien. Selbst wenn er vielleicht wesentlich früher dazu geführt hätte, dass sie mich richtig ansprechen. Aber um welchen Preis? Wir sehen ja aktuell in der Ukraine, dass aggressive Umgangsformen sowas von überhaupt nicht gehen und was sie binnen kürzester Zeit zerstören können. In erster Instanz das Vertrauen, dann die Verbindung zu einander. Und dann hinterlassen sie tiefe Narben.

Doch die aktuelle Weltpolitik soll hier und heute nicht Gegenstand der Betrachtung sein. Heute waren wir vielmehr auf Familienbesuch und in mehreren Situationen sprach meine Tochter in der dritten Person über mich. Nicht mehr als „er“ oder „der da“, sondern „sie“ und „die da“. Und „Juli“. Das war so süß und hat mich total berührt.
Wenn ich ein Jahr zurück denke, wäre das unmöglich gewesen. Und selbst bis vor der OP war ich immer noch „Papa“ und „er“. Das scheint sich an diesem Wochenende geändert zu haben.
Ob die OP damit nun in direktem Zusammenhang steht, kann ich nicht sicher sagen. Aber ich halte es durchaus für möglich, da meine Kinder die ersten Jahre nun einmal mit einem binären Geschlechterbild aufwuchsen. Zu Hause, aber auch im gesamten (wohnortbedingt tendenziell eher konservativen) Umfeld. Insofern mag es schon sein, dass ich jetzt nach der OP schlicht besser in ihre erlernte Welt passe. Obgleich diese Welt nicht vollständig ist und sie werden sicher noch lernen und verstehen, dass auch Transfrauen ohne Genitalangleichung Frauen sind. Und so weiter. Aber hey…die beiden sind ja noch jung.

Gemeinsames Reflektieren

Leider war unsere gemeinsame Zeit dann auch schon wieder viel zu schnell um und so fuhr ich sie gegen Abend zu ihrer Mutter. Diese Zeit nutzen wir oft, um über das Wochenende zu reflektieren, besonders um noch einmal darüber nachzudenken, was schön war an der gemeinsamen Zeit. Oder welche Pläne wir für nächstes Mal haben. Heute nutzte ich die Gelegenheit, um mich zu bedanken und ihr zu sagen, wie sehr es mich gefreut hat, dass sie mich „Juli“ nennt und „sie“ zu mir gesagt hat. „Und ‚DIE DA!‘„, fügte sie selbstbewusst hinzu. Ich musste lachen, denn es gab in der Tat eine ulkige Situation, in der sie über mich sprach, mit dem Finger auf mich zeigte und „DIE DA“ sagte. „DIE DA! Die Juli!

Ganz losgelöst von diesen schönen Erlebnissen war dieses kurze Wochenende für sie sehr wichtig, denke ich. Sie hatte vor der GaOP geweint und wollte aus mehreren Gründen nicht, dass ich die OP mache. Unter anderem aus Sorge, ich könne nicht wiederkommen, weil mir etwas hätte zustoßen können. Umso wichtiger empfand ich dieses Wochenende, um ihr Sicherheit darin zu geben, dass sich durch die OP für sie nichts Signifikantes geändert hatte. Außer, dass sie sich eben zwei Mal am Tag für eine Stunde ohne mich beschäftigen musste, was aber wie gesagt problemlos möglich war. Und außerdem ist selbst das nur vorübergehend der Fall, bis die Heilung abgeschlossen ist.

Als ich sie etwas später an der Haustür ablieferte, öffnete meine ältere Tochter. Meine Jüngere war richtig aufgeregt und wollte ihr von diesem Wochenende erzählen, am liebsten alles gleichzeitig. 🙂 Als Erstes präsentierte sie ihren neu erfundenen Kosenamen „Juli“ und erntete erst einmal irritierte Blicke. Nach einer kurzen Erklärung wurde klar, wovon sie sprach, doch so recht überzeugt war meine Große wohl noch nicht. Aber das ist ja okay. Ich habe das Gefühl, dass die (gar nicht mehr so) Kleine in diesem Fall als eine Art Botschafterin fungiert. Im Business-Kontext würde man sie auf Neudeutsch wohl „Ambassador“ nennen 🙂 Denn meine ältere Tochter braucht erfahrungsgemäß etwas mehr Zeit, um sich mit Veränderungen anzufreunden. Da kann ein Vorleben nur helfen. In der gesamten Familie, meine ich.

Es besteht also die reelle Chance, dass mein Therapeut (wie immer) Recht behält und sich auch dieses Thema mit genug Zeit in Wohlgefallen auflöst. Und gerade hier bin ich unheimlich dankbar, denn die Anrede mit „Papa“ und „er“ war zunehmend unangenehm für mich. Dennoch vermied ich eine aktive Korrektur (außer im öffentlichen Raum – da bat ich sie darum, mich nicht oder nur ganz dezent „Papa“ zu nennen), da ich meinen Kindern keinen neuen Namen aufzwingen wollte, sie also selbst die Freiheit haben sollten, diesen Weg zu erkunden. Selbst die Schlüsse daraus ziehen zu dürfen, wie sie mich nennen wollen. Dennoch war es auf diesem Wege meiner Auffassung nach wichtig und richtig, meinen Gefühlen in Bezug auf die falsche Ansprache als eine Art Leitplanke Ausdruck zu verleihen und ihnen damit vielleicht auch etwas Orientierung zu geben, sie mit der Erkundung also nicht gänzlich alleine zu lassen.

Ich bin jedenfalls sehr froh über diese einvernehmliche Entwicklung, zurückblickend merke ich doch, wie sehr mich die falsche Ansprache belastet hat.

Und wieder einmal zeigt sich: die wichtigste Tugend während der Transition ist und bleibt Geduld. Dicht gefolgt von Vertrauen in uns selbst, das Universum und darauf, dass am Ende alles gut wird…

PS: Der Titel dieses Artikels „Denn es ist Juli…“ ist übrigens einer Textzeile aus dem Song „November“ der Band „Juli“ entliehen.

PPS: Falls sich dieser Artikel etwas holprig liest, bitte ich das zu entschuldigen. Heute fällt mir das Schreiben und Finden abwechslungsreicher Formulierungen unerwartet schwer.

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