Alles ist gut

Heute früh dachte ich noch, es gäbe aktuell wenig von meiner Genesung und Transition im Allgemeinen zu berichten. Doch dann passierte etwas, was mich (positiv) aus den Socken gehauen hat.

Es kommt ja oft anders, als man denkt. So ein Tag ist heute. Und so fand ich mich plötzlich mit meinem Stoffpinguin im Arm (er hatte mich auch in die Klinik begleitet) auf dem Bett liegend, überströmt von Tränen. Doch dazu gleich mehr.

Genesung

So langsam bin ich auch mental wieder zu Hause angekommen. Mein Tagesablauf ist noch immer ein wenig konfus und die gesamte Nachsorge, speziell das Bougieren, braucht wahnsinnig viel Zeit. Aber in der Zeit dazwischen habe ich zunehmend Freude daran, auf meine Ernährung zu achten und (weiterhin) selbst zu kochen. Viel Gemüse, kaum Fleisch. Damit sind meine Tage dann tatsächlich vom Energielevel her auch schon gut ausgefüllt. Gestern unternahm ich mit meinem Papa einen längeren Spaziergang durch den Wald, was wirklich sehr gut tat. Und so lange ich in Bewegung war, waren meine Schmerzen wie weggeblasen. Lediglich Stehen und Sitzen sind weiterhin eine schmerzhafte Erfahrung. Dennoch konnte ich die IBU-Dosis von ursprünglich 3 Tabletten pro Tag auf 2 reduzieren. Gut so.

Etwas beschäftigte mich heute dann aber doch noch zusätzlich:
Schon unmittelbar nach der OP vor knapp 4 Wochen hatte ich bemerkt, dass etwas mit meinem linken Oberschenkel nicht stimmt. Er ist oberflächlich an manchen Stellen etwas taub, ganz besonders nach dem Bougieren. Nun war ich in der Klinik etwas dusselig und vergaß immer wieder, das abzuklären. Ich ahnte jedoch schon, dass vermutlich bei der OP ein Nerv beschädigt wurde, der für diese Hautpartie zuständig ist. Dieser Verdacht bestätigte sich heute bei einer weiteren Recherche, professionelle Abklärung erfolgt bei meinem nächsten Arztbesuch. Es scheint wohl tatsächlich so zu sein, dass die Nervenbahnen für das Bein durch die Leisten verlaufen. Da liegt der Verdacht natürlich nahe, dass diese bei der OP teilweise in Mitleidenschaft gezogen wurden. Zwar ist diese Taubheit bisweilen etwas lästig, beeinträchtigt mich aber nicht weiter und wird sich mit der Zeit sicherlich geben.

Ein besonderer Moment

Doch zurück zu diesem tränenreichen Moment heute. Schon lange vor der OP hatte ich mir diesen besonderen Augenblick vorgestellt, an dem ich endlich ohne störende Körperteile meine Unterwäsche tragen könnte. Bis heute hatte ich dieses Ereignis hinausgezögert, da noch immer das Tragen dieser super sexy Krankenhausunterhosen angezeigt war. Doch heute entschied ich mich, dieses Kapitel zu beenden und auf normale Unterwäsche umzusteigen.

Nach einer gegen Ende überaus schmerzhaften Bougier-Session rang ich zunächst nach Luft (gestern durfte ich auf den zweitgrößten Bougierstab umsteigen), denn dieser Dehnungsschmerz hatte mich trotz IBU 600 manchmal derselben beraubt. Doch es sind deutliche Fortschritte erkennbar, insofern passt das schon.
Jedenfalls packte ich zunächst meine Sachen wieder ordentlich ein und zelebrierte dann diesen besonderen Moment ein bisschen. Trotz der immer noch notwendigen Wöchnerinneneinlagen passte alles wie angegossen!

Wie? Genial? War? Das? Denn?!

Ich blickte an mir herunter. Wie schon etliche Male in meinem Leben zuvor. Und selbst wie schon etliche Male nach der OP. Doch heute war etwas grundlegend anders. Ich sah, was ich mein Leben lang erträumt hatte! Das Bild, was ich seit jeher in meinem Kopf mit mir herum getragen hatte, passte endlich zu dem, was meine Augen auch wirklich sahen! Mir stockte der Atem.

Dieser Anblick war einfach…perfekt!

Augenblicklich löste sich etwas in mir, eine Welle von irgendwas – vielleicht Erleichterung und Dankbarkeit – überflutete mich regelrecht und ich konnte einfach nur noch weinen. Minutenlang. Einfach so. Mit meinem Pingu im Arm, der hinterher ob der vielen Tränen selbst ein Handtuch hätte brauchen können, flüsterte ich einfach nur „Es ist gut. Es ist endlich gut!“ Wenig später blickte mich Pingu mit seinen schwarzen Knopfaugen etwas zerknautscht an, war aber in diesem Moment mein Verbündeter. War er immer. Schon in meiner Kindheit. Doch über viele Jahre hatte dieses Stofftier für mich keiner große Bedeutung mehr. Dadurch, dass ich ihn als emotionale Unterstützung mit in die Klinik genommen hatte, ist nun aber eine andere Art emotionaler Verbindung entstanden. Obgleich er doch nur ein Stofftier ist.

Nun, mit dieser heftigen emotionalen Reaktion hatte ich nun überhaupt nicht gerechnet. Doch durch dieses „Alles ist gut“-Gefühl hindurch bahnte sich offenkundig ganz viel Trauer und Leid der vergangenen 40 Jahre und suchte nach Ausdruck. So als würde man einen geliebten Menschen nach unendlich langer Zeit endlich wieder in die Arme schließen dürfen.

Ach, an dieser Stelle fällt mir erneut die Frage meiner Mutter ein, ob mir nach der OP nicht etwas fehlen würde?
Noch deutlicher als vor ein paar Tagen kann ich sagen: Nein! Absolut nicht! Obwohl rein materiell betrachtet etwas verschwunden ist, habe ich etwas dazu gewonnen. Etwas, das meins ist. Etwas, das mir selbst entspricht. Ich habe das Falsche durch das Richtige ersetzt. Es ist genau so, wie es sein soll.

Ich muss schon ein wenig den Kopf darüber schütteln, was so eine vermeintlich banale Situation, wie an sich hinab zu schauen, auszulösen vermag. Es überrascht mich immer wieder und stellt mir gleichzeitig die Frage, was da noch alles auf mich wartet? Nach einer Haartransplantation zum Beispiel?

Ja, ich bin noch auf der Reise und lange nicht am Ziel (sofern es das überhaupt gibt). Aber jetzt mal im Ernst:

Alles ist gut!

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