La­ger­kol­ler, der (Substantiv, maskulin)

Frau schaut genervt

Iiiih, etwas Maskulines?! Hier im Blog?! Skandal!!! Nein, kleiner Scherz. Heute mag ich euch mal einen Einblick in meinen Tagesablauf hier in der Klinik geben. Kleiner Spoiler: der Artikel nimmt eine unerwartete Wendung…

Er bahnte sich ja in den letzten Beiträgen schon an, der Lagerkoller. Doch mittlerweile ist er angekommen, hat seinen Koffer ausgepackt und sich gemütlich neben mir eingerichtet. Interessant daran finde ich, dass ich ein derartiges Gefühl zum Beispiel im Corona Lockdown oder HomeOffice nie hatte. Zwar verbrachte ich ebenfalls viel Zeit alleine in meinen vier Wänden, aber die Decke fiel mir dabei nie auf den Kopf. Vielleicht auch einfach aus dem Grund, dass ich etwas mehr Abwechslung hatte. Kochen, Einkaufen, Haushalt, Arbeit, Freizeit. Hier ist das natürlich anders: die ersten vier Punkte dieser Liste entfallen, es bleibt die Freizeit. Gut, und die Genesung. An sich ist das ja auch gut so, nur so kann der Körper wirklich zur Ruhe kommen und sich erholen. Mein Kopf ist allerdings mittlerweile unterfordert. Denn die Tage hier verlaufen alle mehr oder minder gleich:

  • 07:00 Uhr: Frühstück
  • 08:00 Uhr: Im Bad frisch machen
  • 09:00 Uhr: Blutdruck & Temperatur messen
  • 09:15 Uhr: Duschen & 60 Minuten Bougieren
  • 11:45 Uhr: Mittagessen
  • 13:00 Uhr: Kaffee
  • 13:30 Uhr: Snackverkauf
  • 14:00 Uhr: Spaziergang zur Cafeteria für einen weiteren Kaffee, um nicht einzuschlafen
  • 17:00 Uhr: Abendessen
  • 19:00 Uhr: Trombosespritze
  • 19:30 Uhr: Abduschen & 60 Minuten Bougieren
  • 21:00 Uhr: kurze Visite durch die Nachtschwester

Und irgendwo dazwischen findet dann noch die reguläre Visite statt. Dr. Taskov kommt meist recht früh morgens, da muss das Bougieren dann vorverlegt werden, da er aktuell gerne sehen möchte, wie es läuft. Iiih, früh aufstehen!

Mittlerweile nutze ich die Zeit zwischen Abendessen und Trombosespritze zum Schauen von Nachrichten, die restliche Zeit am Tage verbringe ich mit Blogartikeln, Netflix, Instagram, Telefonaten und sonstigen Unterhaltungsformen.

Es. Ist. Sooo. Öde. Echt jetzt!

Blöde Öde

Geistig fordert mich gerade nichts ernsthaft, so dass ich mir schon ein englischsprachiges Buch über Kulturveränderungen in Unternehmen mit Hinblick auf meinen Job gekauft habe. Oft bin ich dann aber doch zu müde, um mich längere Zeit auf den Fachtext konzentrieren zu können (obgleich das wirklich super spannend ist). Die Schmerzmedikamente scheinen müde zu machen und die Heilung fordert sicherlich auch ihren Tribut.

Außerdem vermisse ich meine alte Zimmernachbarin. Gespräche mit meiner neuen Zimmergenossin fallen eher kurz und oberflächlich aus. Wir verstehen uns zwar grundsätzlich, 100%ig die gleiche Wellenlänge haben wir aber leider nicht. Andere Weltanschauungen. Sie hat den Plan, sich nach Abheilen der OP-Wunden in Staaten des Nahen Ostens zu prostituieren, um Geld zu verdienen. Kann man machen, entspricht aber sowas von gar nicht meinem Lebensentwurf und meiner Vorstellung von ausgelebter Sexualität. Diese Vorstellung stößt mich ab und hat meines Erachtens auch wenig mit Selbstrespekt zu tun. Völlig egal, wie viel Geld Männer bereit wären, für eine Stunde mit mir zu bezahlen: this never gonna happen, guys! Nennt mich altmodisch, aber Sex ist etwas sehr Intimes für mich und hat viel mit Nähe und Verbundenheit zu tun. Aber ich höre mir ihre Pläne dennoch gerne an und staune in mich hinein, wie unterschiedlich Lebensentwürfe sein können. Meins wäre das nicht und ich wünsche ihr, dass sie damit glücklich wird und vor allem gesund bleibt.

Doch offen gestanden bin ich mittlerweile etwas genervt von vielen Kleinigkeiten. Es ist fast wie nach einer langen Beziehung, wenn einem Kleinigkeiten am Gegenüber einfach schwer auf den Senkel gehen.
So hat sie – warum auch immer – kaum eigene Sachen dabei. Keine Kopfhörer, um ihre Serie zu gucken, die einige Stunden am Tag hier dudelt und mich aufgrund des aggressiven Sprach- und Audioflusses echt langsam selbst aggressiv macht. Sie hat keine eigene Haarbürste, so dass sie einmal ungefragt meine benutzte. Blut auf dem Klositz. Da hört der Spaß für mein Empfinden dann doch auf…aber das (Grenzüberschreitungen) soll hier garnicht das Thema sein.

Zurück zum Klinikalltag:
Nun war es anfangs ja so, dass viele neue Dinge geschahen. Wenn beispielsweise der Stent oder der Katheter entfernt wurden. Sowas passiert einfach aktuell nicht mehr. Oder sagen wir: fast nicht mehr. Denn heute wurden mir die letzten Fäden gezogen, was zu meiner Erleichterung weniger schmerzhaft war, als ich befürchtet hatte. Damit bin ich ab sofort fremdkörperfrei, yey!

Immerhin eine kleine Herausforderung galt es heute früh dann aber doch zu meistern: mein Zeitplan für’s Bougieren wurde umgestellt und die nächste Größe kam zum Einsatz. 15 Minuten mit dem kleinsten Bougierstab (3er), 30 Minuten mit dem 4er und 15 Minuten mit dem 5er. Das klappt zur Zufriedenheit von Dr. Taskov, obgleich diese zusätzliche Dehnung wie anfangs beim 4er echt unangenehm ist. Und damit es daheim nicht langweilig wird, wird es noch zwei größere Stäbe geben, damit befasse ich mich dann aber zu Hause. Die Dinger sind übrigens mit 35€ und 45€ unverschämt teuer. Auch das Einsteigerset mit den Größen 3, 4 und 5 lag schon bei über 60€. Frau gönnt sich ja sonst nix…

Derweil wird glücklicherweise das Ausduschen vor dem Bougieren routinierter. Gaaanz langsam bekomme ich ein Gefühl dafür, was wo ist, welche Partien es besonders zu beachten gilt und wie sich das anfühlt. Angenehm ist das weiterhin nicht, das kommt später, versicherte mir Dr. Taskov. Das liegt zum Einen weiterhin an der Überempfindlichkeit mancher Bereiche und zum Anderen – ganz gegensätzlich – an der Taubheit anderer Bereiche. Es ist eben alles noch wund und gereizt und geschwollen und blutet auch noch immer ordentlich nach (was aber normal ist).

Ich sitz-liege hier gerade so, meinen Laptop auf dem Schoß und zucke etwas lustlos mit den Schultern. Mir geht’s nicht schlecht, ganz im Gegenteil. Ich mag nur echt langsam nicht mehr hier sein. Morgen sind es 3 Wochen. Ich wäre dann jetzt bereit, wieder andere Dinge und Menschen zu sehen. Und wieder mehr Privatsphäre zu haben.

Ein kleiner Rant gegen Wie-auch-immer-man-das-nennt – oder: ist das schon Transphobie?

Bei aller Monotonie möchte ich aber bereits jetzt ein kurzes Fazit in Bezug auf die Klinik selbst ziehen. Alles in allem kann ich sagen: die guten Bewertungen der Klinik im Internet sind berechtigt! Ich bin wirklich sehr zufrieden hier. Das Personal ist mindestens freundlich, oft geradezu zuvorkommend und fröhlich. Und das, obgleich auch hier in der Klinik Covid-Fälle die Personaldecke arg strapazieren und teils Praktikantinnen zum Einsatz kommen mussten.
Und das Beste ist: es gab hier kein einziges Misgendern. Nie. Von niemandem! Der Umgang war vollkommen natürlich.  Respektvoll. Ich muss das leider so deutlich hervorheben, weil das alles andere als selbstverständlich ist! Ich wünschte, das wäre überall so!

Diese Klinik ist ein leuchtendes Vorbild im Umgang mit Transpersonen und Menschen im Allgemeinen. Ich fühlte mich uneingeschränkt angenommen, so wie ich bin. Einfach wie eine von Vielen. Ihr glaubt gar nicht, wie erleichternd und befreiend das ist!
Denn wenn ich mal ernsthaft drüber nachdenke, ist mir diese Form der Begegnung und Akzeptanz bisher noch in keinem Kontext begegnet. Akzeptanz natürlich schon, keine Frage. Oder in manchen Fällen wenigstens Toleranz. Aber dennoch schwang da meistens ein Hauch von „Sonderling“ mit. Dabei meine ich „Sonderling“ wertungsfrei. Was ich damit meine ist, dass ich seit meiner Transition bisweilen das Gefühl habe, dass einige Mitmenschen mich als – wie sage ich das am besten – „Besonderheit“ behandeln, vielleicht auch nur unbewusst. Die Gründe mögen vielfältig sein.
Bis jetzt fiel mir das nie so bewusst auf und im Grunde ist das auch nicht schlimm. Nach diesen Erfahrungen hier in der Klinik jedoch fällt mir auf, wie verkrampft manche Kommunikation wirkt (zum Glück sind das eher Ausnahmen als die Regel). Schade, denn: Hey, Leute, ich bin’s doch!

Wenn ich mir das so überlege, muss es für die betreffenden Mitmenschen ja teilweise total stressig sein, mit mir „richtig“ zu kommunizieren. Wobei ich mich dann frage: warum eigentlich? Hier in der Klinik kriegen sie’s ja auch hin!
Liegt es an der professionellen Distanz? Oder der Erfahrung? Oder hat das auch etwas mit persönlicher Attitüde zu tun?
Und was kann ich selbst tun, um es diesen Personen leichter zu machen?

Wobei…wait! Ich schwanke gerade zwischen einem gewissen Anspruchsdenken á la „Jetzt kommt endlich mal klar damit! So schwierig ist es nun wirklich nicht! Ich bin eine Frau und möchte auch so behandelt werden. Get over it!“ und einem mitfühlenden Verständnis, wie schwierig eine solche Veränderung für manche Menschen sein kann. Denn jeder Mensch geht immerhin unterschiedlich mit Veränderungen um und vermutlich ist es nur fair, jedem den Raum zuzugestehen, um das alles zu verarbeiten. Nichtsdestotrotz höre ich sehr deutlich die Stimme meines Therapeuten, die sagt: „Sie sind eine Frau und es ist Ihr gutes Recht, korrekt angesprochen und behandelt zu werden! Hauen Sie ruhig mal auf den Tisch! Es geht hier um Sie und nicht die Anderen.“ Und ja, Recht hat er.
Vermutlich ist nach 20 Monaten (!) Transition, erfolgter Vornamens- und Personenstandsänderung sowie der GaOP nun wirklich mal der Zeitpunkt für klare Ansagen gekommen. Ich meine, was braucht es denn bitte noch, damit mich diese Menschen als Frau anerkennen, richtig gendern und behandeln?! Ich bin es einfach so so so leid, immer wieder mit „er“ oder schlimmstenfalls sogar meinem Deadname angesprochen zu werden. Ey, Leute…20 Monate! Echt jetzt?! Kommt mal klar!

Bei allem Verständnis: das geht einfach gar nicht und offen gestanden verletzt mich das nicht nur sehr, es regt mich wirklich auf! Auch, wenn ich solche Situationen versuche mit Humor zu nehmen und nicht an mich heran zu lassen, innerlich ist mir alles andere als nach Lachen zu Mute. Und ich glaube, es ist an der Zeit, das betreffenden Menschen gegenüber auch auszudrücken!

Hm. Jetzt brodelt es in meinem Bauch. Mir ist einfach nur nach Schreien, Weinen und wild Rumstampfen zu Mute. Entschuldigt, ihr Lieben, zu Beginn dieses Artikels war diese Thematik echt nicht geplant, da wollte einfach etwas raus. Das hat mich jetzt selbst überrascht, aber es war gut so. Denn diese klaren Ansagen gehören zum Teil meines persönlichen Wachstums. Im Büro würden wir sagen: there is still room for improvement – da ist noch Raum für Verbesserungen. Der Klinikaufenthalt hat mir also in mehrerlei Hinsicht neue Perspektiven aufgezeigt.

Puh. Und wie kriege ich jetzt wieder den Bogen zurück zu „Lagerkoller, der“ und einem halbwegs versöhnlichen Ende?

Ich probier es mal hiermit:
Just in dieser Minute kam eine Schwester ins Zimmer, brachte das Abendessen herein und flötete dabei fröhlich: „Soooo, Lecker-Schmecker! Das Abendessen ist da!“ Da musste ich dann doch grinsen. Die Mädels hier sind einfach toll. Und so ein gaaaanz kleines bisschen werde ich sie vielleicht dann doch vermissen…

An Guad’n!

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