Langeweile

Zwei Wochen ist meine GaOP nun schon her. Und so langsam wird mir hier in der Klinik ein wenig langweilig. Abwechslung bieten immerhin Gespräche mit Followern bei Instagram, YouTube und co.

Es ist ja nicht so, als hätte ich nicht genügend Kram hier, um mich abzulenken. Doch nach 14 Tagen werden Netflix, iPad und Switch auch langsam öde. Meine Bücher habe ich ausgelesen und schon begonnen meine eBooks zu lesen, die ich noch dutzendfach im Kindle liegen habe.

Davon mal abgesehen empfahl mir Dr. Taskov heute, ich solle ganz generell spazieren gehen. Leicht gesagt, wenn man nicht aus der Klinik darf. Die Gänge sind nicht allzu lang und ständig das Treppenhaus zur Cafeteria runter und wieder hoch zu laufen, um mich mit Kaffee zu versorgen, ist auch nur bedingt spannend. Also beschränkt es sich eben genau darauf und auch gelegentliches Holen neuer Wasserflaschen. Ich gehe schon seit Tagen für jede Flasche einzeln, um meine Schrittzahl zu erhöhen. Oder nutze Telefonate, um dabei im Zimmer auf und ab zu tigern.

Ihr merkt, so richtig spannend ist das hier im Augenblick nicht. Für etwas Abwechslung könnte heute eine Neubelegung des zweiten Bettes in meinem Zimmer sein, wobei das auch noch nicht feststeht. Da drängt sich also langsam die Frage auf, wann ich denn nach Hause darf. So ganz genau konnte man mir das noch nicht sagen, da es noch ein paar Stellen gibt, die erst noch besser ausheilen müssen. Und natürlich will ich nichts überstürzen. In diesem Punkt bin ich tatsächlich ganz froh, noch bleiben zu dürfen, denn es treten doch immer mal wieder Fragen auf, die ich daheim nicht mal eben stellen könnte. Nichtsdestotrotz wurde mir in Aussicht gestellt, mit etwas Glück Anfang kommender Woche entlassen zu werden. Aufregend! Denn dann bin ich auf mich allein gestellt. Mehr oder weniger. Das klingt vielleicht komisch, aber hier in der Klinik befindet man sich schon ein bisschen in einer Blase der Glückseligkeit. Hier wird mir viel abgenommen. Alleine das Essen. Oder Putzen. Oder die Wundversorgung und -kontrolle. Um all das muss ich mich daheim allein kümmern. Das ist nun nichts Dramatisches, aber nach so viel Fürsorge fällt es ein wenig schwer, wieder in die Welt hinaus zu gehen. Der sichere Rahmen fehlt. Wobei das eigentlich Quatsch ist, denn daheim habe ich auch meine Ärzte und viele Menschen, die mich unterstützen. Ein wenig erinnert mich das an die Zeit der Entlassung aus meiner Reha 2016. Ich hatte wahnsinnigen Bammel davor, wieder in den Alltag zurück zu gehen, fühlte mich schutzlos ausgeliefert. Es brauchte einige Tage, bis ich mich wieder eingelebt hatte und irgendwie darauf klar kam. Das dürfte hier ähnlich sein.
Damals war die Veränderung, dass meine Ehe gerade frisch beendet war und ich zu meinem Vater zog. Ich weiß nicht, welche Veränderung größer ist. Das oder die OP.

Was mich aber etwas am bisherigen Alltag partizipieren lässt, sind Telefonate oder Chats mit Kollegen, Freunden und Familie. Und das Kennenlernen neuer Menschen. Denn durch meine regelmäßigen Berichte über die OP auf Instagram kommen einige – vor allem Transfrauen – auf mich zu und suchen den Kontakt, haben Fragen oder suchen Unterstützung. Daraus ergeben sich nette und auf Anhieb vertrauensvolle Kontakte, da es per Definition schon um recht intime Themen geht. Und damit meine ich gar nicht mal unbedingt die OP, sondern auch innere Empfindungen. Ängste und Hoffnungen vor oder während einer Transition.
Was mir dabei immer wieder auffällt ist, wie sich viele Geschichten im Kern gleichen. Dass wusste ich zwar schon, aber es wirklich jedes Mal wieder transparent vor Augen geführt zu bekommen, ist schon erstaunlich. Die Details unterscheiden sich, aber die Probleme und Ängste sind die gleichen. Und in fast allen Fällen geht es nicht um Themen der Selbstakzeptanz oder andere Themen, die aus den Betroffenen selbst heraus entstehen. Es geht fast ausschließlich um die Außenwelt! Die anderen Menschen, die Gesellschaft und ihre Regeln. Dabei treten Fragen auf wie: Wie werden Familie oder Kollegen reagieren? Verliere ich meinen Job? Muss ich hier eventuell sogar wegziehen, weil man mich nicht akzeptieren wird? Und wie kann ich es schaffen, zum Beispiel endlich mit einer Hormonsubstitution zu beginnen?
Und überall schwingt eine gewisse Angst mit, abgelehnt zu werden oder Steine in den Weg gelegt zu bekommen. Weil man eben ist, wie man ist.

Das finde ich traurig. Geradezu dramatisch. Keine Transperson, kein einziger Mensch sollte Angst davor haben, der Mensch sein zu dürfen, der er ist! Davon sind wir aber so, so, so wahnsinnig weit entfernt! Meine Transition ist weitgehend eine rühmliche Ausnahme und dahingehend ein schlechtes Beispiel, aber gerade bei Menschen, die sich erst in späteren Jahren in eine Transition begeben, türmen sich bisweilen große Hürden auf. Egal ob soziale Verpflichtungen oder ein (zwangsläufig) selbst erschaffenes Gefängnis aus stereotypen Handlungsformen, die nicht der eigenen Geschlechtsidentität entsprechen, sondern lediglich der Anpassung an gesellschaftliche Regeln dienen. Dass die Menschen davon innerlich kaputt gehen, sieht man oft erst, wenn es zu spät ist. Bis dahin haben viele von uns schon so viel Leid ertragen müssen, so unendlich viel Energie in eine Maskerade gesteckt, die sie innerlich ausgebrannt und zerrüttet hat. Und das nicht, weil wir queeren Menschen irgendwie falsch wären oder so. Sondern weil es Teile der Gesellschaft gibt, die außer über den Tellerrand ihres heteronormativen, binären Geschlechtsverständnisses nicht hinausblicken können oder wollen. Egal ob verletzende Kommentare auf der Straße wie „Ey, krass! Das ist ein Mann!!!“ oder „Ha, warum sprichst du denn so komisch?!“ Beides sind reale Begebenheiten, die ich (mit-)erlebt habe.
Oder aktive Ausgrenzung aus dem gesellschaftlichen Leben mittels Jobverlust oder offene Anfeindungen wie „euch sollte man alle verbrennen“ in sozialen Medien. All diese Facetten zeichnen ein trauriges Bild unserer Gesellschaft in diesem Bereich.

Welt, du hast noch vieles zu lernen. Und Deutschland, du ganz besonders! Liebe Grüße aus der Minderheiten-Ecke.
An dieser Stelle ein großer Shout Out an die beiden Bundestagsabgeordneten Tessa Ganserer und Nyke Slawik! Gut, euch in Berlin zu haben!

Jetzt bin ich ein wenig vom Thema „Langeweile“ abgekommen, denn langweilig ist dieser gesellschaftliche Diskurs sicherlich nicht. Und wie ich hier so schreibe, verfliegt die Langeweile gleichsam wie die Zeit.

Berührungsängste

Um den Fokus noch einmal auf die Heilung nach der OP zu lenken: heute früh kam Dr. Taskov wieder zur Visite und schaute sich alles an. Soweit war er weiterhin zufrieden. Das Bougieren funktioniert soweit auch, ich gewinne täglich etwas an Tiefe, so dass ich in den kommenden Tagen wahrscheinlich auf den nächst größeren (länger + dicker) Bougierstab umsteigen kann. Was ich jedoch heute noch lernen musste, war der korrekte Umgang mit der Hygiene der äußeren Yoni. Zwar dusche ich sie zwei Mal täglich vor dem Bougieren aus, doch es scheint so, als habe die warme Dusche nicht alle Hautfalten erwischt, so dass sich einiges an altem Blut im Bereich rund um die Klitoris und unter den großen Schamlippen angesammelt hatte. Das sollte im Sinne des Infektionsschutzes natürlich nicht sein. Bis dato war ich davon ausgegangen, dass Ausduschen reicht, heute wurde ich eines Besseren belehrt. Das stellt insofern eine kleine Herausforderung für mich dar, da gerade der Bereich um die Klitoris noch unheimlich (schmerz-)empfindlich ist. Empfindlich natürlich ohnehin, da sie ja aus der Spitze der männlichen Eichel gebildet wird, also mit Nervenzellen übersäht ist. Das macht eine mechanische Reinigung mit den Fingern nicht gerade angenehm, ist aber leider notwendig.

Ich sehe das Ganze aber insofern positiv, als dass es ein weiterer Schritt ist, meine kleine Freundin weiter kennen zu lernen. Ihre Form und ihren Aufbau zu erkunden und zu verstehen. Die Wahrnehmungen bei Berührung einordnen zu können. Dennoch manchmal pikst es an Stellen, die mein Gehirn an Stellen lokalisiert, die nicht mehr existieren. Phantomschmerzen. Das muss erst alles neu verdrahtet werden. Aber diese Empfindungen werden weniger. Nicht das Piken, aber die falsche Zuordnung. Und dabei kann ein vermehrtes Anfassen bei einer Reinigung sicherlich gute Dienste leisten. Außerdem bemerke ich dadurch, welche Bereiche wieder etwas mehr Gefühl erhalten und wo es noch taub ist. Wenn das alles nur nicht so schmerzempfindlich wäre, würde das sicherlich alles etwas mehr Spaß machen, aber das kommt noch.

Heilungsverlauf

Heute habe ich einen kleinen Fotovergleich des Heilungsprozesses zwischen Woche 1 und Woche 2 durchgeführt. Den werdet ihr hier aber nicht zu sehen bekommen. Das geht dann doch zu weit. Wie es in meiner Hose aussieht geht 99,9999% der Weltbevölkerung schlicht und ergreifend nichts an. Aber: in Einzelfällen mit „fachlichem Bezug“ (andere Transpersonen, die sich über OP-Ergebnisse informieren möchten, zum Beispiel) werde ich sicherlich Bilder teilen. Aber nicht auf breiter Front. An dieser Stelle werde ich es bei verbalen Beschreibungen belassen. Das aber nur am Rande.

Was jedenfalls beim Fotovergleich auffällt ist, dass insbesondere die Heilung der seitlichen Narben (V-förmig, rechts und links neben den großen Schamlippen) recht deutlich sichtbar ist. Nach Woche 1 sah das alles noch recht knubbelig und chaotisch aus, mittlerweile ist das alles etwas abgeheilt und ebener geworden. Durch die Fäden sieht es allerdings weiterhin recht wild aus. Insgesamt wirkt der gesamte Bereich „besser integriert“. Soll heißen, die Hautfarbe gleicht sich langsam mit dem umliegenden Gewebe an, es wirkt weniger wie ein optischer Fremdkörper. Die Blutergüsse haben sich auch weitgehend verabschiedet.

Nichtsdestotrotz sieht alles noch ein wenig nach Einsatz der Abrissbirne aus. Wenn ich nicht schon Vergleiche von anderen Transfrauen gesehen hätte, wie das Ergebnis nach 6 oder 12 Monaten aussieht, würde ich möglicherweise weinen. Aber insgesamt scheint das alles gut zu sein, wie es ist. Die Ärztin erklärte mir gestern bei der Visite etwas von einsetzender „sekundärer Wundheilung“. Ich müsste das noch mal googlen, aber es scheint ein gutes Zeichen zu sein. 🙂

Schmerztechnisch hat sich die Situation ein klein wenig verschlechtert. Die Nahtstellen schmerzen zwar nicht, wenn ich die Gefühle richtig lokalisiere, aber zum Einen fühle ich mich innerlich etwas wund vom Bougieren (aktuell noch eine leicht blutige Angelegenheit) und vor allem das Gewebe rund um die Klitoris schmerzt unangenehm. Manchmal pikt es für eine Sekunde so stark, dass ich kurz nach Luft schnappen muss. Da hilft auch kein IBU 600. Woher die Schmerzen genau kommen, kann ich nicht sagen. Möglicherweise hat es etwas mit dem oben beschriebenen Hygieneproblem zu tun, so dass die betreffende Region einfach etwas angegriffen ist. Laut einer Bekannten sind gerade die stechenden Schmerzen aber auch auf die Neubildung von Nervenverbindungen zurück zu führen. Wahrscheinlich ist es beides.

Das wird sich schon alles geben, aber genau wegen solcher Sachen bin ich froh, noch etwas hier bleiben zu können. Ich hätte doch etwas Sorge, dass sich da etwas übel entzündet oder schlimmer, wenn nicht täglich jemand mit entsprechender Expertise drauf schaut und gegebenenfalls aktiv wird. Ich weiß einfach noch viel zu wenig über mein neues Organ, das muss ich erst alles lernen.

Vielleicht ist das die perfekte Möglichkeit, meine Langeweile los zu werden und noch mehr darüber zu lernen. Ich gehe jetzt jedenfalls erst einmal die „sekundäre Wundheilung“ recherchieren…

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