Hand in Hand

Gibt es ein Wort dafür, wenn man sich nach einer riesigen Anstrengung einfach nur müde ins Bett plumpsen lässt? Falls ja: bitte hier einsetzen. Falls nicht: ich denke, ihr versteht, was ich meine. 😉

Heute Abend muss ich tatsächlich mal um Worte ringen. Ich bin dermaßen müde und k.o. von dieser Woche, dass selbst meine Finger beinahe zu schwer sind, um diesen Text zu verfassen. Aber das macht alles nix, denn es ist eine gute Müdigkeit. Eine „Ich hab’s geschafft“- Müdigkeit. Und genau jetzt ist der Moment gekommen, auf den ich seit Montag hin gefiebert habe: diese Woche erfolgreich hinter mich gebracht zu haben.

Der heutige Tag war verglichen mit gestern viel entspannter. Wie ich ja schon berichtete, konnte ich relativ gelassen in das heutige Jobinterview gehen. Es stand keine Präsentation mehr auf dem Programm, nur noch ein informelles Gespräch mit dem Chef meiner potentiellen Chefin in spe und ihr selbst. Von der angepeilten Stunde benötigten wir gerade einmal 20 Minuten, denn da wir uns ohnehin schon viele Jahre kennen und alle Fragen soweit geklärt waren, beschränkte sich das Gespräch im Wesentlichen auf meinen Werdegang und meine Motivation, die Stelle als Agile Organizational Coach anzutreten. Easy.

Unterstützung

Ansonsten war heute durchaus noch bemerkenswert, wie viele Kolleg*innen mir alles Gute für die OP wünschten, aber auch Freunde und Bekannte aus den verschiedensten Ecken. Am meisten Halt gab mir am Abend dann zu meinem eigenen Erstaunen eine Nachricht einer Teilnehmerin aus meiner Therapiegruppe. Die Wortwahl unterschied sich nicht bedeutend von denen der anderen, aber ich spürte eine ganz andere Verbindung. Denn sie äußerte ein gewisses Maß an Neid (im positiven Sinne), diese OP jetzt schon machen zu können, transportierte bei ihren guten Wünschen aber so viel Verständnis und Kraft, dass es mich sehr berührte. Vielleicht lag das auch daran, dass wir den gleichen Weg beschreiten und wir beide sehr gut die Lage der jeweils anderen nachvollziehen können.

Wie neidisch war ich damals, als ich von den ersten Transfrauen hörte, die die GaOP bereits hinter sich hatten. Für mich war das noch so weit weg und gefühlt unerreichbar. Doch das ist Unsinn und das möchte ich anderen Betroffenen auch ganz klar sagen: vor allem hier in Deutschland sind die Möglichkeiten, verhältnismäßig zügig durch die Transition zu kommen, besser als in den meisten anderen Ländern dieses Planeten! Manchmal braucht es natürlich etwas Glück und vor allem Unterstützung, aber es ist machbar! Nie im Leben wäre ich Mitte 2020 auf die Idee gekommen, dass ich gerade einmal 19 Monate später meine GaOP haben würde! So wahnsinnig viel hat sich in dieser Zeit verändert…

Ich weiß noch, wie ich damals zum Beispiel Angst davor hatte, mir Nagellack auf die Fußnägel zu machen, geschweige denn auf die Finger! Bloß niemand sollte das sehen. Auch nicht meine Kinder. Es war eine fürchterliche Qual und ein Versteckspiel. Und heute? So vieles ist anders! Heute kann ich Nagellack tragen, wann immer ich will. Niemanden bekümmert es. Viel mehr bekomme ich noch Lob für die schöne Farbe. Und selbst die anfängliche Überkompensation mit keinem Tag ohne Nagellack hat abgenommen. Bedingt durch die bevorstehende OP trage ich seit einigen Tagen kein farbigen Nägel mehr und kann damit super gut leben, ohne mich gleich „unweiblich“ zu fühlen. Damals ging das gar nicht. Damals musste das Außen das Innen aufbauen und tragen. Diese Dynamik kehrt sich mehr und mehr um und das fühlt sich einfach nur gut an!

Und wenn ich jetzt an die OP und mein Leben danach denke, ist das einfach nur schön und richtig und jetzt schon so dermaßen erleichternd. Es ist eine weitere Befreiung für mich.

Heute Mittag rief mich ein weiterer Kollege an und wünschte mir für die OP alles Gute. Er fragte nach, welche OP genau ich denn jetzt machen lassen würde und da wir uns gut kennen, berichtete ich ihm davon. Seine Reaktion war nochmals wie eine Bestätigung, das Richtige zu tun: ich konnte ihn förmlich am Telefon zusammenzucken sehen, als er sich die OP vorstellte. Seiner Stimme war der gleiche Schmerz zu entnehmen, den ich auf eine bestimmte Weise sogar nachvollziehen kann. Doch wie sagte er so schön? Ich hoffe, ich kriege seine Worte noch zusammen:

Für mich wären das echt große Schmerzen, aber für dich nicht, oder?
Selbst wenn du körperliche Schmerzen hast, so werden es keine seelischen Schmerzen sein.

Und damit hat er so unglaublich Recht! Ich kann mir gut vorstellen, dass der Verlust des Genitals für viele Cis-Männer wirklich einen großen seelischen Schmerz bedeuten würde. Vorstellen, aber nicht nachfühlen. Es stellt für mich keinen Verlust dar. Und schon gar keinen seelischen Schmerz. Eher eine Befreiung oder eine Art „Upgrade“. Denn sind wir mal ehrlich, wir Frauen sind einfach die tolleren und schöneren Menschen. 😉 – kleiner Spaß am Rande, nix für ungut, liebe Männer!

Unterbrechung der Hormontherapie

Ich merke gerade, die bleierne Schwere meiner Finger hat sich gelöst. Es fließt wieder. 🙂 Und gerade huschen mir zum wiederholten Male Schmetterlinge durch den Bauch, weil ich immer wieder realisiere, was gerade hinter mir und vor mir liegt. Jetzt gerade ist einfach alles gut! Wie cool ist das denn?!

Ein wenig befremdlich war es aber dennoch, vorhin meine vorläufig letzte Dosis Östrogen aufzutragen. Die Tage vor der OP wird mein Östrogenspiegel also fröhlich in den Keller gehen und mein Körper aller Voraussicht nach mit einer Mehrproduktion an Testosteron reagieren. Ein Umstand, der mir zutiefst widerstrebt, aber vor der OP ist das leider notwendig. Ich bin wirklich mal sehr gespannt, ob ich so kurzfristig eine Wirkung der ausbleibenden Hormone werde feststellen können, hoffe aber, dass konkrete Symptome ausbleiben werden. Mögliche Auswirkungen könnten vermehrte Stimmungsschwankungen, Kopfschmerzen, Müdigkeit oder unerwünscht verstärkte (männliche) Libido sein. Beides doof, aber ich weiß ja, wofür ich es mache. Also Augen zu und durch! Die Zeit der Testosteronproduktion in meinem Körper ist gezählt.

Die nächsten Schritte

Der morgige Tag wird ansonsten von Vorbereitungen für die Abreise geprägt sein. Die meisten Sachen haben zwar schon ihren Weg in meinen Koffer gefunden, ein paar fehlen aber natürlich noch. Was in diesem Zusammenhang leider auch fehlt, ist Platz in meinem Koffer. Heute Mittag war ich noch recht optimistisch, da die zweite Kofferhälfte noch fast leer war. Dann kamen aber Hausschuhe, ein warmer Pulli und noch ein paar Kleinigkeiten hinzu und schon war der Koffer fast voll. Das kann ja noch heiter werden. 🙂 Ich ahne zwar, dass ich ohnehin viel zu viele Klamotten dabei habe, aber frau braucht ja eine gewisse Auswahl, nicht wahr? Außerdem richte ich mich gedanklich auf 3 Wochen in der Klinik ein, da kann ich schließlich nicht die ganze Zeit die selben Klamotten tragen. Und ob man die dort waschen lassen kann? Wer weiß das schon?

Morgen Abend wird es dann recht früh ins Bettchen gehen, denn gegen 08:30 wartet die Bahn auf mich. Es heißt also: früh aufstehen. Bäh! Das mag ich ja gar nicht! Übrigens ein Punkt, auf den ich mich in der Klinik gar nicht freue: dort wird man schon um 06:30 Uhr oder so geweckt. Warum nur?! Ich bin doch dort, um zu genesen, nicht um das Morgenmagazin zu schauen. Diese Sklaventreiber! 😉

In diesem Sinne und in großer Vorfreude, morgen noch einmal ausschlafen zu können, sende ich endlich wieder entspannte Grüße an euch liebe Leser*innen, bitte um Nachsicht für das emotionale Auf und Ab der vergangenen Woche(n) und wünsche einen wunderschönen Freitagabend.

Bis morgen!

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