Hope endures

Die letzte Woche vor meiner GaOP ist heute angebrochen. Die Zielgerade. Und so langsam möchte ich auch, dass es endlich geschafft ist. Denn so emotional, zerrissen und überspannt habe ich mich selten erlebt. Sehr anstrengend. Für mich. Und sicher auch für mein Umfeld. Sorry for that… 

Du bist gestresst, oder? Ich höre das an deiner Stimme.“ Das sagte mir heute ein Kollege und Freund. Und damit hatte er vollkommen Recht. Die inneren Kämpfe wegen der Stelle, die Nervosität vor der OP und die letzten Vorbereitungen derselben. Das ist einfach zu viel auf einmal, ganz klar. Und wenn ich nicht wüsste, dass dieses Theater in einigen Tagen vorüber sein wird, würde ich sofort die Notbremse ziehen. Ich denke aber, dass ich diese eine Woche trotz aller Klagen, Hochs und Tiefs noch irgendwie hinter mich bringen werde. Ein bisschen Gejammer müsst ihr an dieser Stelle also möglicherweise noch ertragen. 😉

Es fällt mir zwar nicht leicht, aber seit heute versuche ich mich wieder auf die Dinge zu konzentrieren, auf die ich mich von Herzen freue:

  • Das Gefühl, wenn ich am Freitag Feierabend machen und die Arbeit für die nächsten Wochen hinter mir lassen kann.
  • Darauf, meine Freundin nach einem halben Jahr in Erding endlich wieder zu treffen.
  • Auf das erlösende Gefühl, nach der OP aufzuwachen und zu wissen, dass es geschafft ist.
  • Das erste Mal wirklich in Damenunterwäsche hinein zu passen.
  • Vielleicht in den nächsten Wochen ein bisschen Schnee in München.
  • Das Eislaufen mit meinen Kindern, sobald ich wieder fit bin.
  • Unseren gemeinsamen Familiensommerurlaub auf unserem Lieblingsbauernhof im Allgäu.
  • Und und und…

Mir kam sogar schon vermehrt der erfreuliche Gedanke, dass es meinen Kindern nach der OP möglicherweise sogar leichter fallen wird, mich nicht mehr mit „er“ oder „Papa“ anzusprechen. Einige ihrer Andeutungen geben Anlass zu dieser Hoffnung, denn aus ihrer Perspektive scheine ich heute noch keine „echte Frau“ zu sein. Das ist zwar Unsinn, aber ich denke es braucht noch etwas Zeit bis sie nachvollziehen können, dass es auch Frauen mit männlichen Geschlechtsmerkmalen und umgekehrt geben kann. Ich habe oft den Eindruck, dieses Konstrukt ist ihnen noch zu abstrakt. Und genau daher könnte die OP uns da helfen.

Stellen-Wert

Obgleich ich heute Morgen eine Entscheidung bezüglich meiner Bewerbung traf, so rang ich dennoch eine ganze Weile mit mir, ob es nicht doch einen Ausweg geben könnte. Denn nach dem Hinweis, ich könne das Ganze ja mal mit unserer Gleichstellungsbeauftragten besprechen und über eine Verschiebung verhandeln, trat dies als weitere Option in meinen Raum der Handlungsmöglichkeiten ein.

Allerdings bedauerte man mir gegenüber kurze Zeit später, dass es dafür keine (rechtliche) Grundlage gäbe und legte mir nahe, einfach offen mit dem Thema an meine potentielle neue Chefin heranzutreten und sie um Verschiebung bis nach meiner Genesung zu bitten. „Das war offenbar einfach schlechtes Timing„, hieß es. Ja…ganz offensichtlich…das wusste ich aber auch schon vorher.

Auf der Fahrt zu meinem Frauenarzt kaute ich diese Option ordentlich durch und versuchte sie, gegen die anderen abzuwägen. Gefühlt kam es für mich aber am Ende auf das Selbe raus: ob Zurückziehen oder Verschiebung – beides hätte für mich ganz persönlich einen faden Beigeschmack des „Versagens“. Das mag nun mein eigener Leistungsanspruch sein und nicht der Realität entsprechen, aber wohl fühlte ich mich bei dem Gedanken nicht. Dann doch lieber durchbeißen und kämpfen! Und vor allem: das Thema abschließen. Denn tief im Inneren bin ich schon immer eine Kämpferin gewesen. Anstatt wochenlang nach der OP darüber nachzudenken, dass ich ja noch meine Fallstudie zu präsentieren habe, sobald ich wieder im Einsatz bin. Damit würde ich mir selbst keinen Gefallen tun.

Mein derzeitiger Chef war bei unserem heutigen Vor-Abwesenheits-Gespräch auch durchaus hilfreich: zum Einen bestätigte er meine Meinung, dass die Fallstudie für eine Bewerbung völlig überzogen sei und eher einer unbezahlten Probearbeit gleichkäme. Er warf sogar ein, ich solle bewusst nur einen Teil fertigstellen und den Rest quasi nur als Vorschau anbieten. Für die Zeit, wenn ich die Stelle bekommen hätte. Naja. Kann man machen, ist aber nicht mein Stil.
Zum Anderen stellte er aber fest, dass ich meine Bewerbung nach den beiden Gesprächen am Donnerstag und Freitag noch immer zurückziehen könnte. Und zwar ohne Gesichtsverlust.

Randnotiz: ich bin froh, dass ich hier im Blog über das Thema geschrieben habe und auch ein paar Leuten davon erzählt habe, dadurch habe ich viele Gedankenanstöße bekommen, die mir Handlungsoptionen aufgezeigt haben, auf die ich vorher nicht gekommen wäre. Danke dafür!

Warum aber das Zurückziehen nach den Gesprächen eine Option ist?
Ganz einfach: es mehren sich nach diversen Gesprächen mit Kollegen die Anzeichen, dass dieses Arbeitspensum in diesem Team die Regel zu sein scheint. E-Mail besagter Kollegen zu späten Stunden geben dafür weitere Indizien. Nach Work-Life-Balance klingt das nicht. Und offen gestanden, habe ich die letzten 2 Jahre viel zu hart für eben jene gekämpft, um sie nun leichtfertig wieder über Bord zu werfen. Das ist es mir nicht wert. Aber um diese Entscheidung wirklich treffen zu können, bedarf es noch ein paar Insider-Informationen von anderen Team-Mitgliedern, die ich zum Glück alle kenne. Ich schätze, meine Entscheidung für oder gegen die Stelle wird noch eine Weile dauern. Zumal auch noch andere Faktoren dabei eine Rolle spielen.

Es ist also alles offen und alles möglich.

Mit meiner Fallstudie bin ich jedenfalls heute ein Stück voran gekommen und kann mich morgen auf die vertrackten Teile konzentrieren, die ich noch nicht ganz rund finde. Und alles, was dann bis morgen Abend nicht steht, fällt hinten über. „Mut zur Lücke“ nannte das mein Chef heute. So sei es. Er signalisierte jedenfalls sehr klar, dass ich keine Angst vor einer Absage haben muss, mein alter Job wäre ja schließlich weiterhin für mich da. Das beruhigt und gibt etwas Sicherheit, unbefangener in die Präsentation zu gehen.

Abreisevorbereitungen

Genug von meiner Bewerbung, die rein thematisch auch gar nicht in diesen Blog gehört. Sie landete nur zufällig hier, weil sie meine Transition so stark tangiert und daher eine gewisse Relevanz hat. Doch zurück zu den OP-Vorbereitungen.

Wie ich eben schon andeutete, holte ich heute meine Untersuchungsergebnisse von vergangener Woche bei meinem Frauenarzt ab. Zwar waren beim Blutbild einige Werte außerhalb der Norm, nach einem klärenden Telefonat mit meinem Arzt gab es aber Entwarnung. Die betreffenden Werte seien mit Ungenauigkeiten durch mögliche „Transportschäden“ erklärbar und nicht weiter relevant. Eine kurze Recherche im Netz bestätigte diese Aussage und fügte sogar noch hinzu, dass einzelne Werte durch eine Hormontherapie entsprechend außerhalb der Normwerte liegen können. Zudem fiel mir auf, dass logischerweise Normwerte verwendet wurden, die für Cis-Frauen gelten. Bei den Werten, die für männliche Konstitutionen gelten, lag ich noch im grünen Bereich.

Also? Alles gut. Durchatmen.

Bis auf den PCR-Test liegen mir also nun alle Unterlagen vor und schlummern sicher in meinem halb gepackten Koffer. Jeden Tag werden nun weitere Kleinigkeiten ihren Weg dort hinein finden, bis es am Sonntag dann endlich los geht.

Erwähnte ich schon, dass das alles irgendwie noch irreal ist?! Naja, vielleicht 2-20 Mal…
Wie das Tasche packen vor einem bedeutsamen Urlaub. Verbunden mit der Gewissheit, dass bei meiner Rückkehr einerseits alles anders als jetzt und andererseits alles noch gleich sein wird. Kneif mich mal…

Eine Sache fällt mir gerade noch ein, die meine Perspektive auf meine OP ein wenig veränderte: in den Nachrichten wurde vorhin davon berichtet, dass das erste Mal ein genetisch verändertes Schweineherz einem todkranken Menschen erfolgreich implantiert wurde. Was für ein unfassbar großer Eingriff! Ohne ihn wäre der Mann gestorben. Und niemand wusste vorher, ob er nach der OP wieder erwachen würde. Wie schlimm das gewesen sein muss…und wie unfassbar schön, wieder mit einem neuen schlagenden Herzen zu erwachen. Wow. Die Kehrseite: das arme Schweinchen…das wirft natürlich ethisch ganz andere Fragestellungen auf, aber das ist ein anderes Thema.

Was ich damit sagen wollte ist: dagegen wirkt meine OP geradezu lächerlich einfach. Was sie sicherlich nicht ist, aber einfach mal in Relation betrachtet…

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