Unterschied

Vielleicht ist die Titelfrage dieses Beitrags eine, die wir uns mit zunehmendem Alter häufiger stellen. Mir war immer wichtig, einen Unterschied zu machen. Die Welt etwas besser zu hinterlassen, als ich sie vorgefunden habe. Menschen auf die eine oder andere Art zu helfen. Heute erhielt ich in diesem Punkt ein vorzeitiges Weihnachtsgeschenk…

Mein Antrieb, Menschen irgendwie zu helfen, hat sich in den vergangenen 20 Jahren zusehends verstärkt. Mal engagierte ich mich für die Kinder im Vorsitz des Elternrates der Kita. Oder ich spendete ganz banal Geld an Hilfsorganisationen. Eine Zeit lang erkundete ich auch die Untiefen der Politik, das war jedoch nichts für mich. Solche Sachen eben. Zu einem bestimmten Zeitpunkt fing ich an, die Welt mit anderen Augen zu sehen und tiefe Dankbarkeit für viele scheinbar selbstverständliche Dinge zu empfinden. Für allem für all die Hilfe, die mir andere Menschen im Laufe meines Lebens haben angedeihen lassen. Sei es die offen gehaltene Tür, ein weiser Rat, ein zugedrücktes Auge bei Schulnoten, eine zum Reflektieren herausfordernde Frage, tatkräftige Unterstützung beim Schleppen von Umzugskisten oder eine Schulter, an der ich mich ausweinen konnte. Ohne all diese Menschen und ihre Hilfe wäre ich heute nicht da, wo ich eben sein darf.

Kurzum, seither fühle ich mich reich beschenkt und im Vergleich zu großen Teilen der Welt sehr privilegiert. Da liegt es für mich nur allzu nahe, der Gesellschaft etwas davon zurück zu geben. Bezogen auf meine Transition äußert sich dies ganz besonders in meinem Hilfsangebot für andere Trans*Personen. Es ist mir ein Herzensanliegen, diesen Menschen bei ihrer Entwicklung eine Hand zu reichen und dem meist steinigen Weg ein Paar solide Wanderstiefel zur Seite zu stellen.

Mein heutiges vorzeitiges Weihnachtsgeschenk kam jedoch aus dem beruflichen Umfeld und erfüllt mich gleichermaßen mit Dankbarkeit und auch einem gewissen Maß an Schwermut. Dazu gleich mehr. Einem Kollegen wünschte ich heute frohe Weihnachten und einen guten Rutsch, woraufhin sich ein kleiner Plausch entfaltete, aus dessen Verlauf folgende Worte stammen:

This is my gift..Julia Kalder for me is: „That person who inspires those of us who see her getting stronger and stronger!!!“

Auf Deutsch bedeutet das sinngemäß:

Dies ist mein Geschenk an dich…Julia Kalder ist für mich: „Die Person, die jene von uns inspiriert, die sie stärker und stärker werden sehen!!!“

Wie wunderschön! Ein wenig musste ich über diese Formulierung nachdenken, da mir nicht direkt klar war, was er damit meinte.
Ich lese aber zwei Kernaussagen heraus: ich werde zum Einen offenbar als starker Charakter wahrgenommen (was nur bedingt meiner Eigenwahrnehmung entspricht), woran mein Weg der Transition sicherlich einen großen Anteil hat. Zum Anderen – und das freut mich besonders – ist diese Stärke für einige Kollegen eine Inspiration für sich selbst. Wow!

Ist das nicht eine grandiose Antwort auf die Titelfrage?! Mir verleiht dieses Feedback jedenfalls ein tiefes Gefühl von „Sinn“. Meine Arbeit, meine Attitüde und sogar meine Transition ergeben einen höheren Sinn, der weit über meine ganz persönliche Entwicklung hinausreicht. Und das ist ein wahres Weihnachtsgeschenk, denn genau dieser Sinn erfüllt mein Leben und beantwortet vielleicht einen Teil der Frage, warum wir, warum ich auf dieser Erde sein darf.

Müsste ich, aus welchen Gründen auch immer, morgen von der Bühne des Lebens abtreten, so könnte ich dies in dem Wissen tun, einen Unterschied gemacht zu haben, Spuren in den Herzen der Menschen hinterlassen zu haben. Ein erfüllender und befreiender Gedanke. Dennoch ziehe ich es vor, noch lange, lange hier zu bleiben und auch die Geschenke der Weiblichkeit voll auskosten zu können. 😉

Zukunftsperspektive

Doch warum sprach ich oben den Schwermut an?

Hintergrund dessen ist eine recht spontane Entwicklung der vergangen Tage, die ich bisher an dieser Stelle aus Gründen der Vertraulichkeit noch nicht offen legen wollte. Nun sind die Dinge soweit geklärt, dass ich offener darüber schreiben kann.

Vergangene Woche kam eine Kollegin der Personalabteilung auf mich zu und offenbarte mir, dass sie eine neue Stelle als „Agile Organizational Coach“ bei sich im Team zu vergeben habe. Nach einem kurzen Gespräch mit ihr war ich Feuer und Flamme, denn die Stellenbeschreibung umfasst genau das, was ich mir die letzten Jahre als Entwicklungsperspektive für mich gewünscht habe. Mehr Coaching, mehr Agilität im gesamten Unternehmen, mehr Strategieentwicklung, weniger operative Kleinarbeiten in Projekten. Für mich stellt diese Stelle insofern den nächsten logischen Entwicklungsschritt dar, auch im Hinblick auf meine oben diskutierte „Sinnfrage“.

Die Krux an der Sache ist nun lediglich der Umstand, dass mir mein aktueller Job auch gut gefällt und sich nach ziemlich mühsamen Kämpfen endlich sichtbare Erfolge meiner Bemühungen eingestellt haben. Wie die Aussage meines Kollegen andeutet, arbeite ich in einem wertschätzenden und sich gegenseitig unterstützenden Team, das in dieser Form keinesfalls selbstverständlich ist und für das ich sehr dankbar bin. Oder wie ein anderer Kollege es gerne ausdrückt: „Ihr seid der Grund, warum ich morgens aufstehe.“ True!

Dieses Team wäre mit der neuen Stelle für mich zwar nicht aus der Welt, dennoch bringt es ein gewisses Maß an Schwermut in mein Herz, diesem Team – das sich beinahe wie Familie anfühlt – den Rücken zu kehren.

Doch letzten Endes höre ich den Ruf der Veränderung, der neuen Herausforderung und der neuen Lernaufgaben sehr deutlich, es treibt mich schon länger zu neuen Ufern, allein die perfekte Gelegenheit hatte gefehlt. Ob dieser nächste Entwicklungsschritt tatsächlich Realität wird, wird sich allerdings erst kurzfristig vor meine Abreise nach München Mitte Januar entscheiden. Bis dahin kann ich erst einmal nur ob dieser spontanen und völlig ungeplanten Entwicklung tief durchatmen und mich innerlich sortieren. Eine neue Stelle unmittelbar nach der GaOP stand nun wirklich nicht auf meinem Plan für 2022…aber so spielt eben das Leben.

Ganz im Sinne der Agilität:

Leben heißt Veränderung. Heiße sie mit offenen Armen willkommen!

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