Tabuzone

Heute ist Ratezeit! Gesucht wird ein Begriff: es handelt sich dabei um ein sehr spezielles Fachgebiet. Dabei dreht sich alles um menschliche Organe in Kopf und Hals. Zu entsprechend ausgebildetem Personal gehen Menschen, die Hilfe bei der Wahrnehmung oder der Erzeugung von Schallwellen brauchen.

Na? Schon drauf gekommen? Richtig, es geht um die Logopädie.

Was dieser seltsame Titel und die Einleitung zu bedeuten haben?
Eifrige Gesellschaftsspielspieler*innen haben den Zusammenhang vielleicht schon erkannt. Für alle anderen: es geht um Tabu. Tabu ist ein Spiel, bei dem es darum geht, einen Begriff zu umschreiben, ohne bestimmte Schlüsselworte zu verwenden. Bei „Logopädie“ könnten das Schlüsselworte sein wie Stimme, Medizin, Sprechen, Hören oder Sprachtraining.

Und warum das alles? Ganz einfach: mit diesem Spiel verbringe ich seit letzter Woche meine Logopädiestunden und meine Übungen zu Hause. Wobei Tabu alleine vor dem Spiegel echt abgedreht ist…
Sinn und Zweck der Übung ist der schrittweise Übergang vom Vorlesen hin zum (teilweise) freien Sprechen. Das ist ein ziemlich großer Schritt und mit entsprechenden Anstrengungen der Stimmmuskulatur und Konzentration verbunden.

Streckenweise klappt das tatsächlich schon ganz gut und meine Logopädin ist zufrieden mit mir. Ich kann meinen Kehlkopf mittlerweile relativ sicher oben halten, ohne mich zu viel darauf konzentrieren zu müssen. Es wird etwas einfacher und selbstverständlicher. Ich merke aber auch, dass mir das Sprechen auf diese Weise speziell nach einem langen Arbeitstag schwer fällt. Meine Stimme wird rau und es schleicht sich schnell das unerwünschte Brummen ein.

Im Arbeitskontext sowie in weiten Teilen meines Alltags kommt insofern noch immer meine alte Stimme zum Einsatz, wobei ich mich in gerade in der Öffentlichkeit schon sehr darum bemühe, das Gelernte anzuwenden, um nicht falsch gegendert zu werden. Das scheint für einzelne Sätze soweit einigermaßen zu klappen, wenn ich die Reaktionen meiner Gegenüber richtig deute. Es gibt nämlich keine – also, keine auffällige, meine ich. Die Kommunikation ist vollkommen normal und unauffällig. So hatte ich mir das gewünscht, denn das ist unerlässlich für ein gutes Passing.

Wie gesagt, über längere Zeit klappt das noch nicht, dafür ist die bewusste Muskelnutzung dann doch zu anstrengend. Bei Tabu klappt das aber recht gut, da es hier meist um kurze Sätze geht, die sich im Vorfeld ein wenig „planen“ lassen. Es handelt sich also nur teilweise um Spontansprache. Das ist wirklich eine gute Übung, denn in manchen Situationen, in der spontane Reaktionen notwendig sind, überrumpelt mich dann doch wieder eiskalt die Gewohnheit, manchmal kommt dann ein komischer Mischmasch dabei raus, von dem ich nicht sicher bin, wie er nun vom Gegenüber wahrgenommen wird.

Finale?

Nähern wir uns also schon dem Finale der Logopädie?
Nein, ich glaube nicht. Zwar würde ich, ausgehend vom aktuellen Fortschritt, schon davon ausgehen, dass wir binnen der nächsten 4 Termine mehr und mehr in Richtung Spontansprache gehen werden und ich vielleicht dann sogar einigermaßen damit klar kommen werde. Was die Klangqualität anbelangt, liegt aber noch viel Arbeit vor mir. Wie ich sagte, ist meine Logopädin zwar zufrieden mit mir und äußert auch immer wieder, dass sie die gewählte Stimme angemessen findet. Meine eigenen Aufnahmen gefallen mir aber noch nicht, ich höre da noch keine Frau sprechen, wenn ich die Augen schließe und mir vorstelle, das wäre jemand am Telefon.

Doch das ist mein ultimatives Ziel: für mich selbst muss der Klang zunächst mal passen. Und in der letzten Ausbaustufe möchte ich irgendwo anrufen können und man spricht mich dann ausnahmslos als „Frau“ an.

Wie lange das noch dauern mag? Ihr seht mich achselzuckend. Vielleicht nur 6 Monate. Oder doch ein Jahr. Oder zwei. Keine Ahnung. Augenblicklich halte ich grob ein Jahr für durchaus realistisch. Dann wäre ich jetzt auf der Hälfte. Das erscheint mir machbar.

Sprechen wir über Komfortzonen! Der Anfang der Transition war von zahlreichen Schritten aus der selbigen geprägt und das hat sie wahnsinnige erweitert. Wie auch meinen persönlichen Horizont. Die vergangenen Wochen und sogar Monate konnte ich mich – bis auf wenige kaum nennenswerte Herausforderungen – wieder recht bequem in meiner Komfortzone tummeln. Doch das wird sich wohl bald wieder ändern. Und zwar mit Ansage. Mit Ansage meiner Logopädin!

Letzte Woche gewährte sie (okay, okay, wir gewährten gemeinsam) meiner Komfortzone noch eine Woche Schonfrist und mir entsprechend Zeit, mich mental auf nächste Schritte einzustellen. Ein für mich sehr wichtiger und angenehm rücksichtsvoller Schritt. Doch ab heute sollen meine Stimmübungen das Licht der Welt erblicken. Erst einmal in kleinem Rahmen mit der Family. Beim Tabu-Spielen, versteht sich.

Das alles kostet eine Menge Überwindung. Denn wenn ich mal meine Wahrnehmungen der letzten Woche reflektiere, ist es mir erst seit kurzem nicht mehr total peinlich und unangenehm, vor meiner Logopädin mal „aus der Rolle zu fallen“ und absichtlich mit meiner Stimme herumzuexperimentieren. Ganz locker und gelöst ist es noch immer nicht, aber es wird besser. Man stelle sich das mal vor. Ein Jahr hat das gedauert! Uff. Ich glaube, es hat tatsächlich derart lange gedauert, um das nötige tiefe Vertrauen in sie aufzubauen und damit für mich einen sicheren Rahmen zu schaffen.

Mehr Sensibilität

Ich muss gestehen, was derartige innere Prozesse anbelangt, bin ich im letzten halben Jahr deutlich sensibler geworden, vielleicht eine Nebenwirkung der Hormone. Ich nehme kleinste Veränderungen viel deutlicher wahr und vor allem auch meine damit verbundenen Bedürfnisse. Früher, noch ganz testosterongesteuert, bügelte ich über meine Bedürfnisse hinweg wie ein australischer Roadtrain über einen unachtsamen Hasen. Heute kann ich viel behutsamer mit mir selbst sein und mir zugestehen, dass Dinge Zeit brauchen und ich vielleicht hier und da noch etwas mehr Übung brauche, selbst wenn das Ziel damit etwas später erreicht wird. Dafür aber nachhaltiger.

Zeit. Das ist wirklich der Faktor bei der Transition. Diese Erkenntnis ist jetzt nicht neu, aber es wird mir immer und immer wieder vor Augen geführt. Und die Wahrnehmung ist dabei so dermaßen relativ. Erst kann alles nicht schnell genug gehen, dann entspannt sich alles wieder etwas. Dann kommt eine Phase, in der die Seele erst einmal wieder den Körper einholen muss. Und aktuell fühlt es sich an wie eine S-Bahn, die gerade anfährt. Kennt ihr dieses spezielle Ruckeln? Wenn der Zug noch nicht gleichmäßig rollt, sondern sich gerade erst alles langsam in Bewegung setzt? Genau so fühlt sich das gerade an.

Es ruckelt ein wenig und geht ganz gemächlich vorwärts. Irgendwie angenehm. Passt auch in die Jahres- und Vorweihnachtszeit. Als „irgendwie angenehm“ würde ich dabei auch durchaus diverse neuartige Körperempfindungen beschreiben. Es sind teilweise nur Augenblicke, die mir aber unmittelbar Schmetterlinge im Bauch hervorrufen.

Veränderte Körperwahrnehmung

So schüttelte ich dieser Tage aus irgend einem Grund den Kopf. Ich hatte einen Pferdeschwanz gebunden, ohne Perücke. Durch das Kopfschütteln flog der Pferdeschwanz nach vorne und traf meine Ohren und meine Wangen. So lang sind meine Haare schon…diese Banalität löste so ein krasses Glücksgefühl aus, ich hätte vor Freude heulen können.

Ähnliches geschah wiederholt bei beliebigen alltäglichen Armbewegungen. Für Cisfrauen mag es nichts Ungewöhnliches sein, mit dem Oberarm die eigene Brust zu streifen, für mich ist das alles noch ziemlich neu. Zwar zockelt das betreffende Wachstum weiterhin mehr als gemächlich vor sich hin, aber für derartige Berührungen und ein sich damit veränderndes Körpergefühl reicht es schon. Und das ist so wahnsinnig schön!!!

Das letzte Beispiel bildet das Thema Körperbehaarung. Wuaaaaahhh. Ein Gruselthema für mich. Ich hasse Körperbehaarung. Zumindest bei mir selbst. Und so bin ich ja stets bestrebt, dem lästigen Zeug mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln auf den Pelz (haha, unabsichtliches Wortspiel) zu rücken. Nun stellte ich aber kürzlich fest, dass sich das Wachstum, zumindest an Armen und Beinen, merklich verlangsamt hat. Noch vor nicht allzu langer Zeit strapazierte ich meine Haut fast täglich mit dem Epilierer. Jetzt? Vielleicht einmal in der Woche oder so.

So ganz traue ich dem Braten noch nicht, da ich nicht wieder ent-täuscht werden möchte. Aber es macht den Anschein, als würden die Hormone endlich, endlich, endlich ihren Job machen. Und ja, das würde durchaus ins Bild passen. Denn wie schon bei anderen Veränderungen musst ich lernen, dass mein Körper offenbar eine ganze Ecke länger braucht, als dass bei anderen Menschen der Fall ist.

Wenn der Zug dann aber einmal rollt, rollt er…

In diesem Sinne: Keep on rollin‘, baby! You know what time it is…

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