Nach der heftigen vergangenen Woche brauchte ich ein ruhiges Wochenende. Zeit ganz allein. Kommunikationspause. Und körperliches Fallenlassen.

Das halbe Wochenende ist nun vergangen. Den Großteil des Tages habe ich im oder auf meinem Bett verbracht – zum Großteil auch meiner zweiten Corona-Impfung geschuldet. Das BioNTech-Präparat beschert mir vergleichsweise starke Schmerzen an der Impfstelle, Kopfschmerzen, zeitweise Hitzewallungen (Fieber?) und manchmal auch Bauchweh. Was gibt es da also besseres, als sich ins Bett zu kuscheln, den Wind draußen wehen zu lassen und Coldplay zu hören?!

Dabei gingen mir natürlich allerhand Dinge durch den Kopf. Vordergründig nicht  bezogen auf die Transition, eher Nachwehen des Gespräches mit meinem Therapeuten am Donnerstag. Er sprach vom Loslassen, das Wort „Perfektionismus“ fiel nicht, aber überzogene Leistungsansprüche an mich selbst deuten doch genau in diese Richtung.
Das ist durchaus bemerkenswert, weil ich mich niemals in meinem Leben für perfektionistisch gehalten habe. Und in vielen Bereichen denke ich das weiterhin. Ich bin eher eine Anhängerin des Paretoprinzips. 80% sind in der Regel gut genug, die restlichen 20% kosten hingegen so viel Zeit und Kraft wie der ersten 80% und lohnen sich nur selten. In Bezug auf meine Transition trifft das allerdings nicht zu.

Lebt da eine Perfektionistin in mir?

Doch warum ist das so, das habe ich mich gefragt?! Zunächst wollte ich erstmal wissen, ob ich nun wirklich eine Perfektionistin bin oder nicht. Verschiedene Persönlichkeitstests brachten vollkommen unterschiedliche Ergebnisse hervor – was vollkommen logisch ist, da sie verschiedene Aspekte des Lebens betrachteten. In den meisten Bereichen des Lebens bin ich definitiv keine Perfektionistin, in wenigen aber schon.

Aha, an der Stelle wollte ich mehr wissen: warum??? Nun braucht mal keine Raketenwissenschaften studiert zu haben, um allein aus der Tatsache, dass ich Online-Tests verwendet habe, eine gewisse Unsicherheit zu erkennen. Unsicherheit darüber, wer ich überhaupt bin. Diese Frage begleitete mich schon mein ganzes Leben, manchmal denke ich, es verstanden zu haben und einige Jahre später merke ich, wie naiv dieser Gedanke war. Verbunden mit dieser Unsicherheit würde ich gar mit einem stark angeknacksten Selbstwertgefühl sprechen. Denn genau das ist das Thema hinter Perfektionismus. Der bewusste oder unbewusste Glaube daran, als Mensch nur wertvoll zu sein, wenn Leistung erbracht wird oder man gewisse Erwartungen erfüllt.

Alles Themen, die mich ebenfalls mein Leben lang begleitet haben. Nichts neues. Oder, korrekterweise müsste ich sagen: seit der Schulzeit. Denn ab diesem Zeitpunkt begann die Hölle der Schulzeit für mich, in der mein Selbstwert 10 Jahre lang mit Füßen getreten wurde, weil ich anders war. Das hat Spuren hinterlassen. Bis heute. Meistens komme ich damit gut klar, vergangene Woche nicht. Überhaupt nicht.

Denn etwas hat mir die Transition nicht zum ersten Mal gezeigt: sie hält mir gnadenlos alle Themen vor’s Gesicht, die noch nicht vollständig bewältigt sind. Alte Wunden reißen wieder auf. Mechanismen, die bislang ganz gut funktionierten, um meinen zerbrochenen und wieder gekitteten Kern schützten, versagen ganz plötzlich. Und wie ich schon früher schrieb: es sind nicht mehr die Menschen von damals, die ihre Angriffe auf mich starten, das bin ausnahmslos ich selbst.

Durch mein „Versagen“ in Bezug auf die Logopädie – ja, es fühlt und fühlte sich wie eine massive Niederlage an – krabbelten all diese Dämonen wieder aus ihren Löchern. Ob die Hormontherapie dabei noch ein wenig emotionale Schützenhilfe lieferte, sei mal dahingestellt. Ist im Grunde aber auch unerheblich. Diese Dämonen rissen mein fragiles Selbstbild als junge Frau mühelos in Kleinteile und wenn ich genau hinhöre, sprechen da die Bullys von damals.

Andere Perspektiven

Nach dem Gespräch mit meinem Therapeuten und einigen lieben Menschen in meinem Umfeld geschah aber etwas interessantes mit mir: ich fühlte mich ein stückweit erlöst von diesen Dämonen. Eine Bekannte schrieb mir zum Beispiel das hier:

(…) voice I think is the smallest thing, if you want an outsider view. It’s not like you have such a manly voice and it doesn’t fit with how you look. I don’t know if it will help but for me there is nothing bothering about your voice matching your look.

Frei übersetzt heißt das soviel wie:

(…) Deine Stimme ist meiner Meinung nach die kleinste Sache, um die du dir Sorgen machen musst, wenn du die Meinung eines Außenstehenden haben möchtest. Es ist ja nicht so, dass du eine allzu männliche Stimme hast und sie nicht zu deinem Aussehen passt. Ich weiß nicht, ob es hilft, aber für mich ist es nicht störend (…)

Ähnliches formulierte auch meine Mama und eine Freundin merkte auch deutliche Veränderungen an. Diese Bemerkung sowie der Rat, mein „Stimmproblem“ erst einmal loszulassen, erleichterten mich wahnsinnig. Wie ich auch schon schrieb, war und ist meine Stimme ein großer Leidensfaktor für mich, weil sie für mich nicht ansatzweise weiblich klingt. Umso überraschender, von meinem Umfeld eine ganz andere Sichtweise gespiegelt zu bekommen. Wie betriebsblind ich doch wahr. Das ärgert mich dann auch irgendwie wieder. Wie kann ich mich selbst als reflektierten Menschen bezeichnen, wenn ich in solche dummen Fallen tappe?! Hallo, Perfektionistin, da bist du ja, my dear!

Es ist nicht so, dass das plötzlich keine Rolle mehr für mich spielen würde, absolut nicht. Aber all diese Aussagen wirkten wie eine Art Erlaubnis, keine perfekt weibliche Stimme haben zu müssen. Warum ich diese Erlaubnis überhaupt gebraucht habe, ist dann natürlich die nächste Frage und da schließt sich wiederum der Kreis zum angeknacksten Selbstwertgefühl in meinem neuen Leben als Frau. Was genau es braucht, um dieses Gefühl weiter zu stärken, kann ich im Augenblick gar nicht genau sagen, aber ich merke, dass authentische positive Erfahrungen, die explizit mit meiner Rolle als Frau zu tun haben, mir sehr helfen. Siehe Freibad. Ich wage also mal die These, dass sich Schritt für Schritt Besserung einstellen wird, je weiter Dinge wie Bartepilation, Haartransplantation, GaOP und andere Maßnahmen voranschreiten werden.

Tagtraum

Im Laufe des Tages breitete sich für einige Augenblicke ein Tagtraum und Gefühl in mir aus: ich war mit all diesen Maßnahmen fertig, gefiel mir selbst, fühlte mich in der eigenen Haut richtig wohl und vernahm etwas, das ich einfach nur mit einem „JA“ beschreiben kann. Ein Gefühl von innerem Frieden. Nur für diesen einen Augenblick…innerer Frieden. Unbeschreiblich…ein Gefühl, das ich leider noch nie wirklich spüren durfte. Wenn es das ist, was Cis-Personen üblicherweise fühlen, dann kann ich euch alle nur beglückwünschen. Was für ein Geschenk! Ich wünsche mir für mich selbst, genau dieses Gefühl eines Tages auch fühlen zu dürfen…ein „JA“ zu mir und meinem Körper.

Ich habe zweifelsfrei schon wahnsinnig viel erreicht in den letzten 12 Monaten. Und vieles ging unheimlich schnell. Es kam mir aber nie zu schnell vor, ich denke maßgeblich dem Umstand geschuldet, dass es irgendwie 40 Jahre im falschen Körper zu kompensieren gilt. Dass das nicht geht, weiß ich auch. Aber der Drang danach ist groß. Daher bin ich oft aus meiner Komfortzone getreten, zuletzt durch den Besuch des Freibads im Urlaub und mein Entschluss, doch irgendwann meine Klamotten an den Nagel zu hängen und im Badeanzug mit meiner Tochter den örtlichen DLRG-Schwimmer aufzusuchen und ihr das Bronzeabzeichen abnehmen zu lassen. Das kostetet zwar wahnsinnig viel Überwindung, aber es ging gut. Erstaunlich gut sogar. Also eigentlich alles Erlebnisse, die mich stolz und selbstbewusst machen sollten.

Und ja, heute geht es mir schon wieder eine ganze Ecke besser als vergangenen Mittwoch. Etwas hat sich verändert und ich kann derlei Dinge wieder positiver sehen.

Warum all dies nun plötzlich geschah, werde ich wohl nie mit Gewissheit erfahren. Ich erhoffe mir weitere Erkenntnisse aus meiner Perioden-App und den Hormonwerten nächste Woche. Wie gesagt, ich rechne mit zu hohen Östrogenwerten und zu niedrigen Testosteronwerten, was die Anpassung meiner Dosierung bedeuten würde – was ich allerdings wenig erfreulich fände, da gerade in Sachen körperlicher Veränderung endlich mal langsam etwas passiert. Wir werden sehen…

Eine Anmerkung noch zur Stimme:

Schon mit dem Beginn meines Voice Trainings über das damals erworbene Video Training stellte ich fest, dass mir die Feminisierung meiner Stimme im Englischen wesentlich leichter fällt als im Deutschen. Das mag an einer ohnehin anderen Intonation liegen, die im Englischen verwendet wird. Jedenfalls bestätigte genau das nun eine gute Freundin und ihr Mann, mit denen ich üblicherweise Englisch spreche. Was ich mit dieser Information nun anfange, weiß ich noch nicht, aber es zeigt mir zumindest, dass offenbar noch nicht alles verloren ist.

Und um diesen Blogbeitrag nach diesem Gefühlschaos mal wieder mit etwas Positivem enden zu lassen, halte ich es mit Coldplay, deren Song „Magic“ hier gerade läuft:

And if you were to ask me
After all that we’ve been through
„Still believe in magic?“
Oh, yes, I do…
Übersetzt:

Und wenn du mich fragen würdest
Nach all dem, was wir durchgemacht haben
„Glaubst du noch an Magie?“
Oh, ja, das tue ich…

close

NEWSLETTER

Abonniere und erhalte alle neuen Blogeinträge bequem per eMail in dein Postfach. So verpasst du kein Update mehr.

Ich sende dir keinen Spam! Versprochen. :-)

Kommentar verfassen