Esel

Eine Woche Urlaub liegt hinter mir. Das erste Vorgespräch zur GaOP auch. Die erwartete Erholung setzt allerdings nur sehr zögerlich ein. 

Es ist ein Urlaub, auf den ich lange hin gefiebert habe. Nicht zuletzt, da ich die beiden Termine für die Vorgespräche zur GaOP in dieser Zeit haben würde. Aber auch, weil nach den Monaten des Lockdowns endlich mal ein Tapetenwechsel freudig am Horizont winkte. Soweit ist das auch alles wunderbar. Dennoch waren die vergangenen Tage nur mäßig erholsam und so langsam setzt das Bewusstsein dafür ein, dass mein Akku doch leerer war als zunächst angenommen.

Da war es sicherlich wenig hilfreich, die ersten Tage hier vor Ort so viel unterwegs zu sein. Ich habe nicht das Gefühl, überhaupt im Urlaub angekommen zu sein, während die Zeit gefühlt rast und mich irgendwie abzuhängen droht. Da mein zweites Vorgespräch noch vor mir liegt, will die Entspannung auch nicht so recht einsetzen. Ich freue mich zwar sehr darauf, aber es ist und bleibt halt ein Termin, der mich im Hinterkopf beschäftigt.

Das erste Gespräch in München Bogenhausen verlief erstaunlich unspektakulär. Dr. Markovsky, seines Zeichens Urologe, machte einen ausgesprochen kompetenten Eindruck, erklärte mir den OP-Verlauf, zeigte mir Bilder und beantwortete geduldig meine Fragen. Dennoch bestätigte sich mein Bauchgefühl meine schon vorher bestehende Tendenz: er wird es vermutlich nicht werden. Ein Hauptgrund dafür ist der Umstand, dass es sich um ein 2-Schritt-Verfahren handelt, ich also nach frühestens 6 Monaten noch einmal zu einer Korrektur-OP nach München reisen müsste. Vom zeitlichen Aufwand mal abgesehen verdoppelt dies natürlich auch die mit OP’s im Allgemeinen verbundenen Risiken.

Die rein optischen Ergebnisse, die mir gezeigt wurden, waren „okay“. Sicherlich ein Ergebnis, mit dem ich leben könnte, aber ich habe von Dr. Taskov, bei dem ich noch vorsprechen werde, noch bessere Ergebnisse gesehen. Und ganz ehrlich? Wenn ich schon so einen großen Eingriff machen lasse, dann möchte ich das beste, was ich im Rahmen der Möglichkeiten bekommen kann. Immerhin werde ich den Rest meines Lebens damit verbringen und nichts wäre fataler, jeden Tag mit einem Ergebnis konfrontiert zu werden, das mich unglücklich macht.

Sagen wir also so: sollte beim Gespräch mit Dr. Taskov nichts wirklich dramatisches passieren, ist meine Wahl getroffen.

Lastenesel

Doch warum trägt dieser Artikel den Titel „Lastenesel“?

Zum Einen sicherlich, weil der Stress trotz Urlaub bislang nicht wie erhofft von mir abgefallen ist. Vielmehr falle ich gerade in ein energetisches Loch. Die üblichen Verpflichtungen sind ausgesetzt, die Anspannung ist weg und mein Körper fordert seine Ruhe ein. Nichts Ungewöhnliches, aber eine unangenehme Übergangsphase.

Und zum Anderen, weil mich (natürlich und logischerweise) die Transition auch in den Urlaub begleitet. Auf unsere Wanderungen, bei Einkäufen, jeden Morgen beim Schminken, jeden Abend beim Abschminken, einfach überall und immer. Das ist wenig überraschend, aber dennoch irgendwie belastend. Bei einer gestrigen Wanderung fiel mir der Kontrast zwischen schönen und weniger schönen Erfahrungen sehr deutlich auf. Wir hatten uns mit einer Freundin von mir verabredet und wiederum eine Freundin von ihr war auch dabei. Was mich wahnsinnig freute, war der vollkommen natürliche Umgang miteinander. Auch durchaus positiv war, dass sich im Grunde niemand (im positiven Sinne) für mich interessierte, solange ich einen Mund-Nase-Schutz trug. Eine Erfahrung, die ich schon öfter gemacht habe. Sie deckt meine für meine Begriffe viel zu männlichen Gesichtszüge gut ab und erleichtert mir das Passing ganz erheblich. Ein Grund, warum ich für die Maskenpflicht durchaus dankbar bin.

Die gegenteilige Erfahrung machte ich ohne Maske. Ich wurde oft angeschaut, länger als nötig. Die Gründe dafür blieben mir natürlich verborgen, liegen aber doch recht offensichtlich auf der Hand. Bei einem Restaurantbesuch in den vergangenen Tagen wurde meine Freundin seitens der Bedienung auch mit „die Dame“ angesprochen, ich hingegen ohne jeglichen Titel. Möglicherweise aus Unsicherheit, aber es wirkte auf mich wie eh und je bei einem Restaurantbesuch mit Mann und Frau.

Hinzu kamen uns beim Spaziergang durch München zwei Jungen auf Elektrorollern entgegen, denen ich mehr als rechtzeitig Platz machte. Dennoch schrie mir einer der beiden ein „Mach Platz, du Schwuchtel!“ hinterher.

Das sind natürlich alles nur subjektive Annahmen und Interpretationen meinerseits. Vielleicht war das ein dummer Spruch von präpubertären Kindern, den sie jedem anderen Menschen gegenüber auch geäußert hätten. Vielleicht auch nicht. Das werde ich wohl nie erfahren. Und so sehr ich bemüht bin, über solchen Dinge zu stehen, so schwer fällt es mir. Zumindest heute. Es gibt auch genauso Tage, da scheint meine „Self-Proudness“, wie es mein Therapeut nannte, so hell und strahlend, dass mir nichts und niemand auf der Welt etwas anhaben kann.

Einfluss von Hormonen?

Was mir in diesem Kontext vermehrt auffiel:

Durch die Anreise, Wanderungen und so weiter veränderte sich mein Tagesrhythmus und dadurch auch die Zeiten, wann ich meine Hormone nehme. Typischerweise am späten Nachmittag setzt dann ein Gefühl ein, das ich am besten mit „emotionaler Taubheit“ beschreiben kann. Oder mit „zu männlich“. Ich fühle mich in diesen Momenten tatsächlich irgendwie taub, meine Stimmung sackt ab, dysphorische Gedanken nehmen Überhand, ich fühle mich wieder zu männlich und die oben schon genannte „Self-Proudness“ geht in den Keller.

Wie ich mittlerweile gelernt habe, ein deutliches Warnzeichen dafür, dringend meine zweite Dosis Hormone zu nehmen, denn etwa 30 Minuten danach geht es mir wieder besser.

Zunächst hatte ich es für ein rein psychologisches Phänomen gehalten, da ich die Hormone bei unseren Touren allerdings komplett aus meinem Bewusstsein ausgeblendet hatte, war es tatsächlich das emotionale Empfinden, das mich wieder darauf aufmerksam machte. Also doch eher körperlich.

Ziemlich eindrucksvoll – oder wie meine Logopädin kürzlich sagte: „Hormone haben eine mächtige Wirkung.“ Teilweise tendiere ich dazu, diese zu unterschätzen, Situationen wie diese beweisen mir dann aber das Gegenteil und ermahnen mich, allein bei der Dosierung und dem Timing keinen Unsinn zu machen.

Ausblick

Morgen ist es soweit: der für mich wichtigste Meilenstein seit dem Beginn der Bartepilation steht unmittelbar vor der Tür.  Das Gespräch mit Dr. Taskov! 🙂 Da ich über seine OP-Methode schon recht viel gelesen habe, erwarte ich keine riesigen Neuigkeiten, die für mich eigentlich wichtigen Aspekte sind eher das persönliche Kennenlernen und ein möglicher OP-Termin.

Und danach?

Danach lege ich den offiziellen Teil der Reise zu den Akten und hoffe, dass dann innerlich langsam Ruhe einkehrt. Denn die tägliche Beschäftigung mit der Transition ist ermüdend. Ein paar Tage ohne Gedanken darüber würden mir wirklich mal gut tun – obgleich mir wahrscheinlich die meisten Transgender zustimmen werden, dass es in der Natur der Sache liegt, dass dies gar nicht möglich ist.

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