7 Monate Logopädie – ein Stimmvergleich

Frau gespiegelt

Anfang November 2020 begann ich mein Stimmtraining bei der Logopädie. Ein beschwerlicher Weg, wie ich ja schon oft berichtete. Heute möchte ich eine Zwischenbilanz ziehen und einen Stimmvergleich wagen.

Zum Vergleich habe ich mir den in der Logopädie häufig verwendeten Text „Nordwind und Sonne“ ausgesucht. Zunächst einmal meine mehr oder minder alte Stimme, soweit ich sie heute noch benutzen kann – da bin ich mir tatsächlich nicht ganz sicher. Dies ist weitgehend meine Stimme, wie ich sie im beruflichen Alltag nutze, da die dauerhafte Verwendung einer geänderten Stimme noch zu anstrengend ist und außerdem nicht so gut klingt, als dass ich mich damit wohlfühlen würde:

„Nordwind und Sonne“ mit meiner alten Stimme:

Und nun zum Vergleich meine aktuelle Stimme:

Meine persönliche Wahrnehmung ist, dass die aktuelle Stimme immer noch fürchterlich klingt und keinesfalls für den Alltag taugt. Denn für mich klingt sie noch viel zu künstlich. Aber es sei auch gesagt, dass es dennoch ein riesiger Schritt in die richtige Richtung ist. Es vereinen sich tatsächlich 7 Monate teils verzweifelter Übungen in Bezug auf die Tonhöhe, die Resonanz, die Lautstärke, das Formen des Tons (eher gehaucht vs. gequetscht), die Prosodie und so weiter. Es brauchte tatsächlich derart lange, um meine Stimmmuskulatur halbwegs in den Griff zu bekommen und damit das zu tun, was ich gerne hätte.

Doch selbst heute ist ein solcher Text noch eine Herausforderung und das hier verwendete Sample ist das beste von zahlreichen Aufnahmen.

Ich werte all dies aber dennoch als Erfolg. Warum?

Allein die Tatsache, dass ich mich traue, meine aktuellen Stimmfortschritt hier zu teilen, ist ein großes Zeichen. Bis vor wenigen Wochen hätte ich das um keinen Preis der Welt getan. Doch das kürzlich erworbene Voice Training mit seinen Videoübungen in Kombination mit den Logopädieterminen vor Ort waren ein Game Changer.

Nahm ich mir anfangs nur die Übungen 1 bis maximal 20 (von knapp 60) vor, habe ich diese Woche mit Übungen jenseits der 40 begonnen: das Sprechen und verschiedentliche Betonen von einzelnen Sätzen unter Berücksichtigung der vorangegangenen Übungen.

Halten wir mal fest, was mir an der aktuellen Aufnahme gefällt und wo ich noch Verbesserungspotential sehe (was nebenbei bemerkt auch meine Hausaufgabe für die Logopädie ist):

Positive Aspekte

  • Der Pitch (die Tonhöhe) ist genau da, wo ich ihn gern hätte. Im Durchschnitt bei 220 – 230 Hertz, also im unteren bis mittleren femininen Bereich.
  • Die Aussprache ist „abgerundeter“ als früher, es gelingt mir zunehmend, die Konsonanten weniger hart zu betonen.
  • Die Stimme ist insgesamt behauchter und wirkt dadurch sanfter.
  • Die Prosodie ist insgesamt ein kleines bisschen ausgeprägter als früher.
  • Das typisch männliche Brummen in der Stimme kann ich mittlerweile zum Großteil vermeiden. Zumindest so lange meine Stimme nicht überanstrengt ist.

Verbesserungspotential

  • Die Prosodie kann noch wesentlich ausgeprägter sein. Wenn ich spreche habe ich zwar das Gefühl, das Gesagte ausschweifend zu betonen, die Aufnahme zeigt dann aber, dass das bei Weitem noch nicht der Fall ist.
  • Die Mischung zwischen gehauchter und „gequetschter“ Stimme ist noch nicht optimal. Sie wirkt ein wenig kraftlos und damit laut und energiegeladen zu sprechen, fällt mir schwer.
  • Manchmal verliere ich am Satzende die Konzentration und die Stimme sackt ab.
  • Insgesamt wünsche ich mir mehr Lebendigkeit in der Stimme – das ist aber sicherlich zum Teil auch stimmungsabhängig. Bei der Aufnahme war ich schon recht müde.

Einiger diese Verbesserungspunkte sind zum Glück unmittelbarer Teil des Voice Trainings und auch bei der Logopädie gehen wir immer mehr in diese Richtung. Dort wird sicherlich vor allem auch die Prosodie zunehmend eine Rolle spielen. Ob dann später noch Mimik und Gestik dazu kommen, weiß ich nicht, aber das halte ich ebenfalls für sinnvoll. Das hört man bei der Aufnahme zwar nicht, aber im täglichen Umgang mit Menschen trägt das unmittelbar zu einem stimmigen Passing bei.

Fazit

Insgesamt ist das doch alles recht erfreulich. Endlich sehe, pardon, höre ich Ergebnisse. Das war sooo lange nicht der Fall. Die aufmerksamen Leser*innen werden sich erinnern, dass ich fürchterlich ungeduldig war und auch immer noch bin.

Ich möchte an dieser Stelle aber mal sowohl mit meinem Vergangenheits-Ich, als auch anderen Transgendern sprechen und ihnen etwas Mut machen: Stimmtraining braucht Zeit, aber es führt irgendwann zum Erfolg. Es war bis hier hin für mich viel Herumprobieren notwendig und ich habe viele Rückschläge und Sackgassen hinnehmen müssen. Das war mega frustrierend, ich berichtete. Auch liegt noch einiges an Arbeit vor mir, bis ich die Stimme gefunden habe und nutzen kann, die ich gerne hätte. Aber ich habe das Gefühl, endlich meinen Modus Operandi gefunden zu haben.

Und ganz ernsthaft? Wenn ich das hinbekommen habe, dann schafft das jede*r andere auch!

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2 Thoughts to “7 Monate Logopädie – ein Stimmvergleich”

  1. […] der Aufnahme meiner Stimmbeispiele macht mir meine Stimme etwas zu schaffen und ließ mich bei der heutigen Logopädie-Session in […]

  2. […] Vergleich sei hier noch einmal auf mein Beitrag von vor 7 Monaten […]

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