Liebes Tagebuch, mit einer gewissen Anstrengung bringe ich heute diese Zeilen zu Protokoll. Warum? Ich bin müde. Sehr, sehr müde.

Das liegt aber nicht an einer zu kurzen Nacht heute. Viel mehr beobachte ich nun schon einige Wochen, dass ich recht zuverlässig am Nachmittag körperlich ein extremes Formtief bekomme. Wie eine Lawine rollt die Müdigkeit und Erschöpfung präzise wie ein Uhrwerk zwischen 17 und 18 Uhr über mich und es fällt mir schwer, ihr aus dem Weg zu gehen.

Zwar lässt sie sich ein wenig hinauszögern, indem ich schlicht unterwegs bin, bei der Logopädie beispielsweise. Da werde ich gefordert und die Müdigkeit zieht sich abwartend in eine Ecke zurück. Doch nachdem die regulären Verpflichtungen des Tages erledigt sind, hilft nur eins: schlafen.

So auch heute. Nachdem ich Feierabend gemacht hatte, wollte ich mich eigentlich noch mit einem Interview befassen, um das mich ein Freund aus der Slowakei gebeten hat. Er selbst ist Transmann und verfasst einen Artikel für ein LQBTQ-Magazin dort. Doch es war schlicht unmöglich, binnen Minuten schlief ich ein – für gut 3 Stunden. Nun bin ich zwar wieder etwas fitter, aber die Konsequenz ist klar: ich werde wieder lange wach bleiben, da der akute Schlafdruck weg ist.

Also, was soll das alles und woher kommt das?

Da sich ansonsten die äußeren Faktoren nicht groß geändert haben, habe ich (mal wieder) die Hormone im Verdacht. Laut der letzten Blutuntersuchung sind die Werte ja deutlich gestiegen und das Testosteron um etwa 50% gesunken. Das kann definitiv ein Grund sein, wobei irgendwann eine Stabilisierung zu erwarten ist, nach allem was ich gelesen habe. Sprich: die Müdigkeit sollte aufhören. Wann? Keine Ahnung.

So blöd das Ganze für meinen Tagesrhythmus ist, so werte ich es doch als etwas einigermaßen Positives, denn Müdigkeit bedeutet auch, dass mein Körper die Energie offenbar für etwas anderes braucht – die körperliche Transition. Zwar bemerke ich äußerlich weiterhin keine Unterschiede (was WIRKLICH frustrierend ist), aber wer weiß schon, was innerlich alles passiert? Die letzten Tage hatte ich wieder vereinzelt ein Ziehen im Brustbereich, üblicherweise ein Zeichen für Wachstum. Und auch das wäre ein positives Zeichen.

Verwaltung des Mangels

Unterm Strich heißt das aber für mich im Augenblick, dass ich mir meine Kräfte sehr gut einteilen muss. Alles, was potenziell wichtig ist, sollte am Vormittag oder frühen Nachmittag erledigt werden, denn abends wird daraus unter Garantie nichts mehr. Im Alltag bedeutet das: 99% meiner Energie fließt in die Arbeit. Gut für die Arbeit, schlecht für alles andere. Denn zum Kochen, Papierkram für die Transition machen, etc. muss ich mich dann wirklich treten, um neben der Arbeit überhaupt noch etwas anderes außer Schlafen zu machen. Es bedeutet auch, dass ich wichtige private Dinge mittlerweile versuche, in die Mittagspause zu verlegen. Wenigstens das funktioniert einigermaßen gut. Dinge wie mein YouTube-Kanal bleiben da leider aktuell auf der Strecke, denn die Recherche der Themen kostet viel Konzentration, die ich zusätzlich einfach nicht aufzubringen vermag.

Was mir an der Situation explizit nicht gefällt ist, dass es mir schwer fällt, die Zeit mit meinen Kindern wach und energiegeladen zu genießen. Durch die intensiv verbrachte Zeit mit den beiden scheint mein Energiepegel noch viel schneller zu sinken, so dass ich im Grunde gegen 15 Uhr schon die Segel streichen könnte, obwohl wir am Wochenende deutlich länger schlafen, als unter der Woche. Das funktioniert natürlich nicht und führt am Ende dazu, dass ich nach einem entsprechenden Wochenende eigentlich zwei weitere Tage brauchen könnte, um meinen Schlafakku wieder aufzufüllen.

Was auch temporär hilft, sind lange Spaziergänge in der Natur. Jedenfalls hilft es, während ich mich bewege. Komme ich wieder zur Ruhe, setzt schlagartig die Müdigkeit ein. Da hilft auch kein Kaffee mehr.

Logopädie

Letzten Endes wirkt sich das alles natürlich auch auf meine Logopädieübungen aus. Die stehen zwar grundsätzlich in meiner Mittagspause an, oft genug bleiben sie aber liegen, da wie gesagt wichtiger Papierkram ansteht oder ich tatsächlich einfach mal nur eine Pause brauche und ggf. sogar in der Mittagspause schlafe. Blöd für den Fortschritt mit meiner Stimme.

Obwohl es durchaus Stück für Stück vorwärts geht. Ich berichtete ja schon, dass ich die für mich richtige Stimmhöhe mittlerweile recht zuverlässig treffe (irgendwo zwischen 210 und 240 Hz, alles über 200 Hz gilt als feminines Spektrum) und wir dazu übergegangen sind, an der Prosodie und der Resonanz zu arbeiten.

Beide Faktoren empfinde ich als ausnehmend herausfordernd und selbst auf entsprechenden Übungsblätter ist zu lesen, dass diese Übungen als „schwer“ zu bewerten sind. Erfreulich, dass mir meine Logopädin sie mir schon zutraut, denn meine Selbsteinschätzung ist regelmäßig wesentlich kritischer als ihre. Ihr gefallen oft Betonungen und Aussprachen meinerseits, bei denen ich mir aber denke: „Nein, das ist es noch lange nicht!“ Was sich für sie vielleicht schon feminin anhört, erzeugt bei mir beim wiederholten Anhören noch kein stimmiges Bild, wenn ich mir vorstelle, dass diese Worte von einer Frau kommen sollten. Vereinzelt funktioniert das aber dann doch schon, was mich immer super happy macht. Einzelne Worte, manchmal auch nur Wortteile, bei denen mir die Betonung gefällt. Immerhin. Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen.

Der gestrige Termin kostete allerdings einiges an Kraft, durchaus auf im muskulären Sinne zu verstehen. Am Ende war es gar notwendig, meinen Hals und Kehlkopf mit einem speziellen Massagegerät zu bearbeiten, um die Stimme wieder zu entspannen. Denn nach nur 10 Minuten intensiver Übung verabschiedete sich plötzlich meine Stimme und mein Hals fühlte sich an, als habe ich 3 Stunden am Stück geredet. Selbst heute noch fühle ich etwas, was sich mit leichtem Muskelkater vergleichen lässt. Rechts und links ein Stück oberhalb des Kehlkopfes. Seltsames Gefühl.

Wirklich verwunderlich ist dieser Umstand allerdings nicht, denn die betreffende Übung war eine Kombination aus vielen Aspekten, die wir in den letzten Wochen erarbeitet haben. Pitch (Stimmhöhe), Twang (wir sagen dazu immer „die Ziege“), die Verlagerung des Tons hoch in den Kopf (wir nennen es „die alte Gräfin“) und eine gewisse Sanftheit (da wird die Ziege zur „lieben Ziege“) in der Stimme sind die Kernaspekte, die ich versuche, zeitlich in feminin klingende Worte oder Laute zu verpacken. Das Ganze ist ähnlich herausfordernd, wie das erste Mal am Steuer eines Autos zu sitzen und keine Ahnung zu haben, was um alles in der Welt man nun zu erst und in welcher Reihenfolge tun soll.

Als hilfreich hat sich dabei erwiesen, wenn meine Logopädin mir die Dinge vorsagt. In diesem Bereich scheine ich also deutlich audio-affiner zu sein. Das pure Ablesen vom Arbeitsblatt fällt mir sehr viel schwerer – was zu Hause natürlich blöd ist, hier habe ich keine Logopädin, der ich Dinge nachsprechen kann. 😀

Wieder müde

So, liebes Tagebuch. Nun fallen mir doch schon wieder die Augen zu, nach nur einer Stunde…uff. Dabei wartet doch das Interview noch auf mich…

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