Mir fallen zwar nach einer sehr kurzen Nacht beinahe die Augen zu beim Schreiben, aber die heutigen Eindrücke möchte ich dennoch gerne festhalten, bevor mein Körper seinen Tribut für eine Nachtschicht fordert.

Nachtschicht? Ja. Um es kurz zu machen: ein Projekt, dessen Projektleiterin ich vergangenes Jahr war, hat den „We make a difference“-Award gewonnen, eine durchaus bedeutende unternehmensinterne Auszeichnung. Um das Projekt kurz im heutigen globalen Call mit über 700 Leuten vorzustellen, entschieden wir uns im Team für einen kurzen Film, in dem wir unsere Story erzählten. Das Ergebnis aus unserer Kollaboration ist der Hammer (aus Datenschutzgründen kann ich das hier leider nicht teilen), aber es kostete mich zwei Nachtschichten, um die finale Version dann heute Nacht einzureichen.

Aber: das war es wert. Ich bin super stolz auf „mein“ Team, das Projekt und nicht zuletzt das Video. 🙂

In Bezug auf meine Transition hatte das Video aber auch eine gewisse Relevanz für mich. Einen Abschnitt bildet eine interview-artige Einblendung von mir, in dem ich etwas über die Projekt Management Methode und das Team erzähle. Mich in diesem Business-Kontext in meiner wahren Identität zu sehen, war irgendwie besonders. Es fühlte sich vollkommen richtig an, obgleich mich meine (alte) Stimme stark befremdet hat – sie passt einfach nicht zum Äußeren.
Dennoch war ich erstaunlich wenig aufgeregt darüber, dass dieses Video einer weltweiten Community von mehreren hundert Leuten gezeigt wurde. Ich war eher stolz drauf und habe gemerkt, dass ich absolut zu mir selbst stehen kann (vgl. „Selfproudness“ von letztens). Da ist eine Projektmanagerin zu sehen, die überzeugt von ihrem Projekt spricht. Fertig.

Auf einem früheren Video, in dem ich zusammen mit einem Kollegen eine Präsentation auf einer Konferenz gehalten hatte, befremdet mich viel, viel mehr. Beim Zusehen steigt in mir die Scham auf. Beim heutigen Video nicht – eine sehr spannende Beobachtung und Entwicklung, wie ich finde.

„Kleinigkeiten“ wie diese zeigen mir auch immer wieder, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Es sind kleine Poller am Straßenrand, die mir als Fahrerin immer wieder innere Gewissheit geben: Baby, du bist auf dem richtigen Weg!

Echte Menschen

Die vergangenen Monate habe ich ja dank Corona durchgängig im HomeOffice verbracht. Doch heute durfte ich dann kurz ins Büro fahren, um meine Post und Weihnachtspakete zu holen(ja, „durfte“, ich brauchte eine Genehmigung). Ein komisches Gefühl. Ich war so lange nicht dort, es kam mir beinahe wie eine Reise in die Vergangenheit vor, als ich das überwiegend verlassene Bürogebäude betrat. So leer war es früher erst ab 21 Uhr, wenn schon die Notbeleuchtung automatisch eingeschaltet wurde.

Ein schöner Seiteneffekt des Besuchs: ich konnte einen Kollegen treffen, den ich seit fast 6 Monaten nicht mehr real gesehen habe. Das war großartig! Wir tranken Kaffee zusammen (mit Abstand, versteht sich) und quatschten einfach etwas über die Arbeit. Dinge, die früher selbstverständlich waren und für Zusammenhalt gesorgt haben. Dinge die es erlaubten, kleinere Themen auch mal ohne Meeting kurz durchzusprechen. So etwas fehlt mir tatsächlich. Umso schöner, dass sich diese Gelegenheit heute bot.

Bislang gab es Corona-bedingt ja nur eine einzige Gelegenheit für mich, im Büro als „ich selbst“ aufzutreten, das war irgendwann vergangenes Jahr. Dementsprechend war das heute erst das zweite Mal, der Unterschied zu damals war aber immens! Nicht nur, dass ich mich optisch seit dem stark verändert habe (Kleidung, Perücke, MakeUp-Skills, etc.), insgesamt fühle ich mich verglichen zu damals viel, viel sicherer in meiner Identität. Damals war ich total aufgeregt ins Büro gefahren. Heute? Ein völlig normaler Trip ins Außen. Keine Aufregung. Selbstverständlichkeit.

Schön fand ich auch, wie mein Kollege reagierte: wir legten beide nach einem Termin eine „Bio Pause“ ein und wie selbstverständlich wies er mir den Weg zum Damen-WC, während er zum Herren-WC abbog. Das fühlte sich einfach sooo natürlich an. Ganz unaufgeregt, respektvoll. Toll! Diesen gemeinsamen, völlig selbstverständlichen Umgang wünsche ich allen Menschen, die sich als LGBTIQ verstehen.

Ich merke durch solche Events dann auch immer wieder, wie sich Dinge rückkoppeln. So wie ich zunehmend sicherer werde und weiter in mir selbst ankomme, umso selbstverständlicher geht mein Umfeld damit um. Und das wirkt sich wiederum auf mich aus und macht meine besondere Situation zu etwas Normalem. Und mehr will ich auch gar nicht.

Hilfestellung

An dieser Stelle geht ein herzlicher Gruß unbekannterweise an eine weitere Trans*person, auf die mich heute ein Arbeitskollege ansprach. Mit einem privaten Anliegen wandte er sich an mich und fragte mich um Rat und meine Erfahrung. Weiter möchte ich hier gar nicht ins Detail gehen, das gehört hier auch gar nicht hin. Was ich schön finde ist, dass das Thema Transidentität mehr an Visibilität gewinnt (bei meinem Arbeitgeber auch stark geprägt durch mein Coming Out) und Menschen mit Fragen auf mich zukommen.

In Situationen wie heute merke ich, wie weit ich schon gekommen bin und wie viel Tipps und Hilfestellungen ich weitergeben kann, obwohl seit meiner Selbsterkenntnis erst knapp 9 Monate vergangen sind. Und diese Hilfestellungen gebe ich natürlich liebend gerne weiter. Das Thema liegt mir sehr am Herzen und weiß aus eigener Erfahrung, wie leidvoll und schmerzhaft der Weg sein kann. Und wenn ich anderen betroffenen helfen kann, ihren eigenen Weg zu finden, dann möchte ich das gerne tun.

Message an euch da draußen: ihr seid nicht alleine!

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