Ich komme gerade von der Logopädie. Und es geht mir schlecht. Richtig mies.

Jedoch ohne sagen zu können, warum. Was zur Hölle ist los mit mir?! Ich mag nicht immer alles auf die Hormone schieben, das wäre zu einfach. Nein, dieses komische Bauchgefühl kommt mir bekannt vor, dennoch weiß ich es nicht richtig einzuordnen. Und doch habe ich eine grobe Ahnung. Dieses Gefühl taucht mit Vorliebe dann auf, wenn ich mich (vor allem beruflich) überfordert fühle, weil ich nicht genug Klarheit habe, um eine Aufgabe bewältigen zu können. Und keinen Anhaltspunkt habe, wie ich das Problem am besten anpacke. Das passiert nicht sehr oft – zum Glück, aber es kommt eben vor.

Spontan fallen mir dazu die Begriffe „Hilflosigkeit“ und „Überforderung“ ein. Siehst du, Tagebuch? Im oberen Absatz wusste ich es nicht zu benennen. Und jetzt fallen mir doch plötzlich Begriffe ein. Wie gut, dass es dich gibt…

Doch woher rührt diese Überforderung und was hat sie mit der Logopädie zu tun?

Zunächst einmal fühle ich mich super unsicher. Meine Stimme in Gegenwart anderer Menschen zu verstellen oder umzustellen war mir schon immer unangenehm. Obwohl meine Therapeutin total nett ist und ich mich dort generell gut aufgehoben fühle, sind mir manche Dinge schlicht peinlich. Dafür besteht objektiv betrachtet kein Grund, aber vor allem während der Stimmübungen fällt es mir schwer, Blickkontakt zu halten und mache lieber die Augen zu. Das rede ich mir dann gerne damit schön, dass ich mich dann besser auf die Stimme konzentrieren kann, das ist aber glatt gelogen.

Vielmehr zeigt sich hier gerade eine tiefe Unsicherheit, die ich eigentlich weitgehend für überwunden hielt. War wohl nix. Die Logopädie an sich ist nicht das Problem, sie legt nur den Finger in eine sehr, sehr alte Wunde. Ich hielt das Rausgehen als Frau für die größtmögliche Herausforderung, doch da habe ich mich leider geirrt. Als hochgradig identitätsstiftendes Element stellt mich der Umgang und das Finden meiner Stimme vor eine gewaltige Herausforderung, mit der ich nicht gerechnet hatte.

Fun Fact: Anfang der Woche fand ein OpenCircle statt (ein offener Kreis lieber Menschen, in dem wir uns ganz offen über alles austauschen, was uns bewegt) und ich lud aufgrund meiner durch die Übungen angeschlagenen Stimme eben diese als Qualität für den Abend ein und verlegte mich weitgehend auf’s Zuhören.
Eine andere Teilnehmerin spiegelte meine Aussage später und verlieh ihr eine etwas tiefere Aussage: „Ich möchte mehr zuhören, um meine Stimme zu finden.“ Die Stimme nicht nur im wortwörtlichen Sinn.
Und vor allem, wem möchte ich (wieder mehr) zuhören? Vor allem mir selbst. Meinem Bauchgefühl, denn es leitet mich recht zuverlässig.

Und dieses Bauchgefühl veranlasste mich gerade dazu, mir mal wieder den guten Bosse mit seinem Song „Steine“ anzuhören, denn es geht um Aufarbeitung alter Themen. Steine.

Ich grabe im Geröll mit beiden Händen
Meine Finger taub, die Augen brennen
Baue mir Berge aus Schmerz und Fragen
Sollen sie mich unter sich begraben
Ich geh mit dem Hammer in zerfurchte Felsen
Mache keine Pause, muss Jahre wälzen
Haue Löcher in die Angst, in mein Gewissen
Erste Brocken sind aus Kindheit und Vermissen

Und dann sitz ich auf’m Bett und esse Steine
Deine, meine, große, kleine
Beiß mir die Zähne aus, wenn ich sie zermalme
Ich denk nur so geht es vorbei
Und so sitz ich auf’m Bett und esse Steine
Alte, schwere, spitze, feine
Bis ich fertig damit bin lasst mich alleine
Ich denk nur so geht es vorbei
Zu Stein um Stein
Stein um Stein
(..)

Und neben „Hilflosigkeit“ und „Überforderung“ sind da noch so sehr viel mehr Steine, die herumliegen. Hohe Erwartungen  an mich selbst in Bezug auf meine Stimme. Ungeduld. Abscheu gegenüber meinem männlichen Körper. Angst davor zu versagen und am Ende keine schöne, weibliche Stimme zu haben.

SELBSTVERTRAUEN.

Das war im Übrigen das Kernthema des OpenCircles. Selbst. Vertrauen. Trauen. Selbst.

Ja. Dieses Vertrauen in mich selbst und darauf, dass schon alles gut werden wird, fehlt mir heute Abend.

Ach, was weiß ich…vielleicht sind’s doch die Hormone…denn normalerweise bin ich nicht derart verzagt…

Pfff!!!

Da helfen nur: Spaghetti. Badewanne. Kerzen. Und Netflix. Dann wird das schon wieder.

Oder um es mit Akis Worten zu sagen:

Und irgendwann
Unter den letzten Steinen
Ein erster Glanz
Ein erstes Scheinen
Von neuem Leben, neuem Licht.

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One Thought to “Steine”

  1. […] Tage ging es emotional ja gerne mal bergauf und bergab bei mir. Insbesondere nach der Logopädie. Naja, ihr wisst schon. Nach vielen Überlegungen, angefangenen Textergüssen in Foren, niemals abgeschickten […]

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