Gestern hörte ich „Stark“ von Ich & Ich. Darin heißt es: „(…) Und du glaubst, ich bin stark und ich kenn‘ den Weg. Du bildest dir ein, ich weiß wie alles geht. Du denkst, ich hab alles im Griff und kontrollier‘ was geschieht. Aber ich steh‘ nur hier oben und sing‘ ein Lied.“ Diese Textzeilen sagen sehr viel über das aus, was ich gerade empfinde.

In den vergangenen Tagen habe ich immer mal wieder starke emotionale Schübe, so auch gerade in diesem Augenblick. Noch vor einer Minute durchdrang mich eine unbändige Wut und ließ meinen Bauch förmlich brennen. Und das ohne offenkundigen Grund. Wie schon in einer Phase vor einigen Monaten gestalten sich meine letzten Tage recht leidvoll, nur unterbrochen von einem großartigen 4-stündigen Telefonat mit einem ganz lieben Menschen, den ich vor Kurzem kennenlernen durfte.
Wenige Stunden danach fiel ich jedoch wieder in ein emotionales Loch, Selbstzweifel schlichen sich in meine Gedanken. Eine schwer zu beschreibende Taubheit trage ich seit Tagen in mir, ich kann mich auf nichts wirklich konzentrieren und eine tiefe Unsicherheit bezüglich meines gesamten augenblicklichen Lebens erfüllt mich immer mal wieder. Keine Spur von „ich bin stark und kenne den Weg“.

Im krassen Gegensatz dazu stehen die Rückmeldungen, die ich von Freunden, Kollegen und meiner Familie immer wieder erhalte. Meine Transition wird von außen als sehr zielgerichtet, klar und unbeirrt wahrgenommen. Möglicherweise ist das objektiv betrachtet auch so, aber mein inneres Empfinden ist eben ein gänzlich anderes.

Immer wieder fühle ich mich zerrissen, zwischen den Stühlen. Eine Mitpatientin beschrieb es mal als „weder Fisch noch Fleisch“. Ich frage mich, ob ich wirklich das richtige tue. Und was, wenn nicht?! Doch dann sehe ich mein männliches Äußeres im Spiegel und empfinde tiefe Ablehnung und Ernüchterung und dann wird mir klar, dass der Weg der richtige ist – allerdings ist es  ein sehr langer Weg.

Vieles erscheint mir so unendlich mühsam. Ich kann mich nicht mehr einfach in meine Klamotten schmeißen und vor die Tür gehen. Stattdessen „muss“ ich genau timen, wann ich mich rasiere, damit der Bart beim Rausgehen nicht schon wieder nachgewachsen ist. Und 2x am Tag rasieren verkraftet meine Haut nicht. Dann bedarf es noch eines obligatorischen Makeups, um den Bartschatten halbwegs zu verdecken und mein Gesicht etwas femininer aussehen zu lassen. Anders fühle ich mich überhaupt nicht mehr wohl. Auch meine Haaren taugen noch lange nicht dazu, damit in weiblicher Form vor die Tür treten zu können. 3-4 Jahre Wachstumszeit wurden mir prognostiziert, um auf die von mir gewünschte Länge zu kommen. Ganz toll…

Bei dem Gedanken an diesen Zwischenstand verkrampft sich mein Magen. Ich will das nicht mehr! Warum konnte ich nicht einfach als Mädchen geboren werden?! Ich hatte mir das alles etwas einfacher vorgestellt. Vor allem nach Beginn der HRT. Stattdessen ist das alles emotional unglaublich belastend.

Es ist mir natürlich bewusst, dass manche Prozesse (z.B. die HRT) einfach Zeit brauchen. Aber in diesem Punkt war Geduld noch nie meine Stärke und es ist bisweilen kaum auszuhalten, noch so lange warten zu müssen. Und die Hormone scheinen dieses Gefühl gerade deutlich zu verstärken.

Apropos Emotionen: vorhin telefonierte ich noch mit einem guten Kollegen. Er war ganz lieb und lenkte meinen Fokus auf das, was ich in den vergangenen Monaten schon alles erreicht habe. Er hat natürlich Recht. Allein durch diesen kleinen Hinweis hatte ich Tränen in den Augen…heute bin ich wirklich sehr, sehr nah am Wasser gebaut und von innerer Stärke spüre ich gerade nicht viel. Auch wenn die Außenwelt das so wahrzunehmen scheint, fühle ich mich gerade eher klein und verletzlich.

Dennoch ist mein Ziel weiterhin glasklar und hat sich auch nicht geändert, trotz (oder gerade wegen?) der Zweifel. Ist das die Stärke und Klarheit, die mir attestiert wird? Versteht man das unter Stärke? Trotz zwischenzeitlicher Rückschläge unbeirrt den richtigen Kurs zu halten? Vielleicht, ja.

Also was bleibt mir übrig? Ich kann die Situation nur annehmen wie sie ist. Denn es scheint, als würden die Hormone nach knapp einem Monat HRT jetzt plötzlich sehr deutlich anschlagen. Also mache ich irgendwie das beste daraus, gönne mir einen heißen Kaffee, eine warme Decke und schöne Musik.

Ein wenig menschliche Wärme wäre jetzt auch irgendwie ganz schön…

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