dgti Ergänzungsausweis

Ok, krasser Tag!!! Ich habe heute morgen, als ich mich müde aus dem Bett geschält habe, mit vielem gerechnet, aber nicht mit dem, was der heutige Tag an Geschenken für mich bereit hielt.

Zunächst schien dieser Donnerstag ein ganz normaler Wochentag zu werden. Meetings, eMails…Arbeit im HomeOffice eben. Der überraschende Wendepunkt kam gegen Mittag. Nachdem ich mit etwas Mühe versuchte, meine neuen Schminkkenntnisse von Montag anzuwenden und dabei immerhin wesentlich materialschonender vorgehen konnte, fuhr ich ohne große Themen im Gepäck zu meiner Einzeltherapie.

Auch dessen Anfang verlief erwartungsgemäß. Ich besprach ein paar Dinge, die mich gerade beschäftigen. Unter anderem der Umgang meiner größeren Tochter mit der ganzen Situation. Ich mache mir sehr große Sorgen um sie und stehe nun im Zwiespalt, meiner Transition und meinem Bauchgefühl zu folgen und ihr gleichzeitig Zeit zu geben, das zu verarbeiten. Zwei Gegensätze, die schwer vereinbar sind.

Doch der eigentliche Hammer kam, als ich meinen Therapeuten danach fragte ob es möglich wäre, jetzt schon mit der Logopädie zu beginnen. In den vergangenen Tagen ist dieser Wunsch und der damit verbundene Leidensdruck immer größer geworden, denn ich bin im Job viel in Telefonkonferenzen und finde meine Stimme überhaupt nicht mehr angemessen, zumal mein Name und Profilbild schon geändert sind.

Zu meiner Freude bejahte er meinen Wunsch sofort und wollte mir eine Überweisung zum HNO ausstellen (um von dort aus an die Logopädie überwiesen zu werden). Beinahe im selben Atemzug ließ er kurz die Info fallen, dass alle Kriterien erfüllt seien, mit der Hormontherapie zu beginnen…

BOOOOM!!!

Mir blieb innerlich kurz der Mund offen stehen. Damit hatte ich zum jetzigen Zeitpunkt und in meinen kühnsten Träumen nicht gerechnet! Frühestens Ende Oktober bei unserem nächsten Einzelgespräch. Dieses Angebot nahm ich natürlich ohne mit der Wimper zu zucken an und marschierte wenig später mit der Indikation zur Tür hinaus…

Nun sind seit diesem Ereignis schon ein paar Stunden vergangen, doch so richtig realisiert habe ich das alles noch immer nicht. Hallo?! Ich kann bald mit der Hormontherapie beginnen!!! Der Zeitpunkt, auf den ich sooo sehnsüchtig gewartet habe, rückt in greifbare Nähe! Ich bin noch immer überwältigt und wenn ich daran denke, kommen mir Tränen der Freude, Erleichterung und Dankbarkeit. Wow! Danke, Universum! 

Und als ob das noch nicht genug Geschenke für den heutigen Tag gewesen wären, schloss ich – zurück zu Hause – meinen Briefkasten auf und da…ganz hinten versteckt hinter anderer Post wartete ein Einwurfeinschreiben der DGTI auf mich. Mein Ergänzungsausweis war nach etwa 6 Wochen klammheimlich eingetroffen! Und er sieht so unfassbar gut aus! 🙂
Damit kann ich mich nun auch beispielsweise bei Verkehrskontrollen ausweisen und mit etwas Glück sogar schon mein Bankkonto auf meinen neuen Namen umstellen! Nochmal wow!

Ergänzungsausweis. Julia. Weiblich. Sie!

Unglaublich, dass das alles gerade passiert.

Als Kind habe ich mir so sehr gewünscht, ein Mädchen zu sein!
Ich stand vor den Hormontabletten meiner Mutter und war versucht, sie zu nehmen, weil ich endlich ein Mädchen sein wollte.
Ich stand vor dem Spiegel und überlegte, meine Genitalien abzuschneiden, weil sie offenkundig nicht zu mir gehörten.
Jeden Abend im Bett malte ich mir aus, wie es sein würde, ein Mädchen zu sein.

Und heute halte ich den Schlüssel dafür in meinen Händen!!!

30 Jahre später.

30 Jahre mit unerklärlichem Leid, Selbstzweifeln und der unaufhörlichen Suche nach mir selbst.

Sorry, liebes Tagebuch, ich muss das hier für heute abbrechen…ich kann vor Tränen nicht mehr richtig gucken und schreiben.

Bis morgen. :-*

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2 Thoughts to “30 Jahre später”

  1. […] Wir erinnern uns: im Oktober 2020 erhielt ich meinen Ergänzungsausweis des dgti. Bis dato hatte ich ihn nie gebraucht, alles ging entweder ohne Ausweis oder auf anderem Wege. […]

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