Oh. Mein. Gott. Ich habe es getan. Einen riesigen Schritt heraus aus meiner Komfortzone. Und der war alles andere als ein Selbstläufer.

Im Laufe des Tages reifte in mir der Entschluss, das erste Mal als Julia einkaufen zu gehen und sich damit einer größeren Öffentlichkeit auszusetzen. Mir war ganz schön mulmig bei dem Gedanken, mich so zu präsentieren und ich damit ungeschützt der Umwelt auszusetzen. Ohne Idee, ob ich nun mit Wohlwollen, Gleichgültigkeit oder Ablehnung behandelt werden würde.

Nachdem ich mich geschminkt und fertig gemacht hatte, fasste ich den lokalen REWE als Ziel ins Auge. Ein Laden, der wenig überlaufen ist und daher ein guter erster Start für mich.

Spannenderweise fiel mir der Weg aus der Haustür zum Auto schon bedeutend leichter als die letzten Male. Zwar hatte ich noch immer Sorge, von Nachbarn gesehen zu werden, aber am Ende war es mir dann doch egal. Irgendwann würden sie es eh sehen.

Beim Supermarkt angekommen legte ich den obligatorischen Mund-Nase-Schutz an, was angesichts der Perücke doch herausfordernder ist, als zunächst gedacht. Unschlagbarer Vorteil: die Maske deckt meinen restlichen Bartschatten ab und auch ein wenig meine Konturen.
Der Einkauf an sich verlief dann relativ unaufgeregt. Der Laden war beinahe leer und ich konnte mich frei durch die Gänge bewegen. Aufgeregt war ich dennoch, was ich dann auch dadurch zeigte, dass ich beim Griff zu den Füßlingen im Strumpfhosenregal eine viel zu kleine Schuhgröße kaufte.

Die nächste Herausforderung war die Bezahlung an der Kasse. Da musste ich zwangsläufig in menschlichen Kontakt treten und spätestens an meiner Stimme würde man erkennen, dass da keine Cis-Frau steht. Das war mir sehr unangenehm. Der Kassiervorgang verlief aber vollkommen normal, lediglich ein Schmunzeln der Kassiererin verriet, dass sie etwas gemerkt hatte. Mit hohem Puls sah ich zu, dass ich aus dem Laden kam, räumte die Sachen ins Auto und brauchte den Einkaufswagen weg.
Als wäre ich nicht schon gestresst genug gewesen, sprach mich dort ein Herr an und fragte, ob im Laden noch Wagenpflicht herrsche. Da ich ganz in Gedanken war, musste ich nochmals nachfragen, was er gesagt hatte. In meiner Überraschung ließ ich dann auch noch meinen Wagenchip fallen und sah nach einer knappen Antwort nur zu, dass ich in mein Auto kam, um durchzuatmen.

Fazit: das war nicht sonderlich souverän, aber dennoch bin ich unglaublich stolz, diesen Schritt gewagt zu haben! Nächstes Mal wird es sicherlich einfacher. Das war bei allem Stress ein großer Erfolg für mich!

Während ich diese Gedanken hier festhalte, empfinde ich aber komischerweise kein großes Glücksgefühl. Vielmehr ärgere ich mich ein wenig über mich selbst, dass ich so unsicher gewesen war. Das habe ich doch gar nicht nötig und es sollte mir vollkommen egal sein, was andere über mich denken. Ich denke, diese Unsicherheit kommt auch stark daher, dass ich mich noch immer etwas verkleidet vorkomme. Die Brüste sind künstlich, die Haare auch. Beides ist nicht natürlich gewachsen. Das macht mich unsicher und sorgt nicht unbedingt dafür, dass ich mich wohl in meiner Haut fühle. Spannenderweise merke ich aber, dass ich mich dennoch in Frauenkleidung generell anders verhalte, als mit Männerkleidung. Ich beobachte mich selbst und diesen Prozess mit großer Faszination.

Jetzt brauche ich wohl erst einmal ein paar Tage, um dieses Erlebnis zu verarbeiten und zu integrieren.

Übermorgen steht aber schon der nächste große Schritt an:
Meine Schwester wird aus UK hier her kommen und ich werde mich bei ihr outen…

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One Thought to “Julia geht einkaufen”

  1. […] ich schön fand war eine Moment, in dem ich ihr ein Foto von mir zeigte und sie mich erst nach mehrmaligem Hinsehen erkannte. Das freute mich total, denn […]

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