Mein liebes, liebes Tagebuch, heute war ein Tag der Erleichterung, aber auch der Sorgen.

(Anm. d. A.: dieser Artikel entstand auf Basis eines Audio-Eintrags vom 12.07. in schriftlicher Form erst am 22.09. mit entsprechendem Abstand und weiteren Erfahrungen)

Ich war heute mit meiner Ex-Frau und ihrem Lebensgefährten verabredet. Ich hatte sie vor einigen Tagen um Ein Gespräch gebeten. Sie hatte auf meine etwas vage formulierte Anfrage sehr verunsichert reagiert, was sie mir auch prompt zum Vorwurf machte. Daher fuhr ich mit sehr gemischten Gefühlen zu ihr, da ich überhaupt nicht einschätzen konnte, wie sie auf meine Neuigkeiten reagieren würde.

Ich hatte tatsächlich große Angst davor, dass sie mich tobend aus dem Haus werfen und ein riesiger Konflikt daraus entstehen würde. Insofern wusste ich auch nicht so recht, wo ich anfangen sollte. Nach einer etwas längeren Einführung, während der meine Gegenüber bisweilen mit nervöser Schnappatmung reagierten, kam ich dann irgendwann zum Punkt und während ich die Worte sprach „…habe ich herausgefunden, dass ich transident bin…“ fühlte ich mich wie auf einem Gleis fahrend. Ganz automatisch gelenkt. Es war, als würde ein Film ablaufen und man spräche für mich. Ganz ruhig. Unaufgeregt. Und als hätte sich diese Ruhe auf meine Zuhörer übertragen fiel die Reaktion aus: gefasst. Vielleicht erstaunt, aber unaufgeregt. Damit hatte ich beim besten Willen nicht gerechnet und ich war und bin für diesen Verlauf unendlich dankbar.

Am Ende ergab sich daraus ein knapp zweistündiges konstruktives Gespräch, bei dem ich mich ernstgenommen und gesehen fühlte. Alle Angst war also vollkommen unbegründet gewesen.

Als ich später im Auto saß, brach die Erleichterung aus mir heraus. Ich konnte einfach nur noch heulen. Vor Freude, Dankbarkeit und Erleichterung. Das Gespräch, vor dem ich am meisten Angst gehabt hatte und es lieber gegen eine erneute Abiklausur hätte eintauschen wollen, war gemeistert. Trotz tränennassem Gesicht war ich aber doch recht stolz auf mich. Offenbar machte ich doch das eine oder andere richtig. In einer Phase mit doch immer mal wieder aufkommenden Zweifeln eine nicht zu unterschätzende Stärkung.

Da ich ja mit mir selbst und meinen eigenen Herausforderungen nicht unbedingt zimperlich umgehe, hatte ich mich für den selben Abend auch vorgenommen, meine Kinder einzuweihen. Denn ich merkte immer mehr, wie es mich einengte und leiden ließ, mich in ihrer Gegenwart verstellen zu müssen und ihnen noch nicht einmal meinen Fußnagellack zeigen zu können. Zudem bemerkte ich, wie blöd ich manchmal ihnen gegenüber reagierte, was ich überhaupt nicht wollte: denn ich hatte sonst nie Geheimnisse gegenüber meinen Kindern und so sollte es auch bleiben. Daher ließ ich sie beispielsweise auch gerne meine gelieferten Päckchen öffnen. Doch in den letzten Tagen hatte ich meine große Tochter unnötig heftig verbal davon abgehalten, da ich nicht wollte, dass sie mein neues Sommerkleid sieht und Fragen stellt. So konnte es nicht weitergehen! So wollte ich nicht zu ihr sein. Ich wollte mit den beiden gemeinsam meine Päckchen öffnen und mich mit ihnen über neue Kleidung freuen.

Kurzum: die Zeit war einfach gekommen, es ihnen zu sagen!

Nach dem Abendessen bei meiner Mutter war es dann soweit. Ich hatte mir überlegt, dass ich als kleinen Einstieg einen Videoclip von der Kindernachrichtensendung Logo zeige, den ich zufällig gefunden hatte. Nach dem ersten Durchlauf folgte lediglich die nüchterne Reaktion der beiden: „Papa, das kennen wir doch schon!“
Ok…Aufklärungsarbeit war hier nicht mehr zu leisten. Danke, Logo! 🙂

Dann spulte ich zur Stelle mit Transfrauen zurück und fragt die beiden, ob sie sich vorstellen könnten, warum ich ausgerechnet hier anhalte. Keine Idee. „Ich bin eine von diesen Transfrauen“, sagte ich und blickte sogleich in große Augen. „Willst du eine Frau sein?“ kam da die Rückfrage.

So war es. Naja, genau betrachtet war ich schon immer innerlich weiblich, aber vereinfacht gesagt hatten sie natürlich vollkommen Recht. Als diese Information so langsam sackte, brachen beide in Tränen aus. „Ich will nicht, dass du dich veränderst. Ich will nicht, dass du eine Frau wirst“, schluchzten die beiden. „Dann erkenne ich dich ja gar nicht mehr wieder, Papa!“

Die Trauer in ihren Worten nahm mich ziemlich mit. Was für ein Hammer musste das für sie sein!
In den nächsten Minuten versuchten meine Mutter und ich dann behutsam zu erklären, was das denn nun bedeuten würde. Dass ich noch immer der selbe Mensch sei. Dass ich auch genauso weiterhin für sie da sein werde. Und dass die äußerliche Veränderung ganz lange dauern würde. Das beruhigte die beiden nur wenig, so dass sich meine ältere Tochter irgendwann ihr Smartphone schnappte, „Ich will davon nichts mehr hören!“ herauspresste und auf der Toilette verschwand.

Die Kleine nahm das Ganze mit mehr Fassung auf und wandte sich dann nach einer ganzen Weile wieder den Holzbauklötzen zu.

Abends daheim passierte jedoch noch etwas Niedliches:

Meine große Tochter und ich waren im Wohnzimmer und die kleine rief durch die Wohnung: „Mädels!!! Wo seid ihr?!?“ Dann tappte sie ins Wohnzimmer und kicherte: „Papa, ich hab euch gerade ‚Mädels‘ gerufen…weil…du bist ja bald eine Frau.“ Noch jetzt beim Schreiben kommen mir die Tränen…wie süß das von ihr war!
Meine Große wehrte aber direkt ab: „Boah, hör auf damit! Ich will davon nichts hören!“

Fieber?

Doch neben all diesen emotionalen Ereignissen am heutigen Tage ging es mir körperlich eigentlich überhaupt nicht gut. Ich war heiß am Kopf, hatte Sorge, ich könnte Fieber haben. In diesen verrückten Corona-Zeiten sorgt das nicht gerade für Freudensprünge. Das Fieberthermometer zeigte aber konstant 36,9°C an. Kein Fieber.

Tage später äußerte jemand, möglicherweise hätten sich nach den ersten Outings einfach angestaute Energien in mir gelöst, die sich wie Fieber anfühlten. Nun bin ich zumindest ein wenig spirituell veranlagt und glaube durchaus aus an Energie als „Urstoff“ aller Existenz. Materie = Energie. Und somit finde ich diese Idee durchaus interessant, wenn auch nicht nachprüfbar.

Letztlich war es neben Kopfschmerzen und dem heißen Kopf einzig die Aufregung, die mich den Tag über Wasser hier. Erstaunlich, dass ich dann doch all diese Dinge tun konnte. Vielleicht, weil sie einfach notwendig waren.
Erschwerend kam aber noch hinzu, dass ich die Nächte vorher schlecht geschlafen hatte und körperlich total erschöpft war. Dennoch hatte ich es vormittags irgendwie fertig gebracht, weitere Therapeuten wegen eines Erstgesprächs anzuschreiben – allerdings ohne Antwort.

Veränderte Wahrnehmung

Heute fiel mir auch wiederholt auf, wie sich meine Wahrnehmung in Bezug auf andere Frauen geändert hat. Mit Interesse habe ich diese wunderbaren Wesen schon mein Leben lang beobachtet, jedoch ohne zu wissen, warum. Insbesondere ab der Pubertät schob ich das auf ein rein sexuelles Interesse. Doch heute wurde mir klar, dass es etwas anderes war: ich bin neidisch auf sie. Die eine hat eine hübsche Figur, ein zartes Gesicht, schöne Schuhe oder einen tollen Rock. Dinge, die ich auch immer haben wollte. Jetzt, wo mir klar wird, wer ich bin, sehe ich Frauen nochmals bewusster so an. Wie sie sich kleiden, bewegen und geben. Ich sauge alles auf, wie ein Schwamm. Wie ein Kind, das sich Sachen von anderen Menschen abschaut und lernt.

Ich habe das Gefühl, ich muss so unglaublich viel nachholen…

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