Nachdem ich in den letzten Tagen begonnen habe, meine Kleidung langsam aber sicher umzustellen, war heute der Tag gekommen, Dinge zu entsorgen.

Zaghaft, ja. Meine Herrenunterwäsche musste dran glauben und landete gut in einem Karton verstaut in einer Ecke, wo ich sie mir nicht täglich unter die Augen treten. Ich war unsicher, ob dieser Schritt zu früh war, doch fest steht: ich halte diese Art von Kleidung nicht mehr aus! Und Damenunterwäsche fühlt sich schlicht und ergreifend „richtig“ an. Wie könnte dieser Schritt also zu früh gewesen sein?

Das Wegräumen des Kartons fühlte sich jedenfalls schon nach einem großen Schritt an. Wie ein kleiner Abschied. Als würde ich den Mann „Tobias“ Schritt für Schritt zu Grabe tragen. Denn bis hier hin war er sehr hilfreich und hat mir, Julia, den Weg geebnet. Mit viel Kraft und unter großem Leid. Doch seine Bestimmung ist erfüllt. Sein Leben ist weitgehend gelebt und meines hat soeben erst begonnen.

Doch dieser an Tod und Wiedergeburt erinnernde Prozess geht nicht spurlos an mir vorbei. Ich habe massive Stimmungsschwankungen, als wäre ich auf Drogen oder Hormonen oder sonst was. So etwas kenne ich von mir sonst überhaupt nicht. Diese Zeilen entstehen mit Tränen der Erleichterung in meinen Augen, denn vermeintlich banale Dinge wie etwa eine rasierte Brust erfüllen mich mit großer Freude und Erleichterung. Ich kann meinen Körper wieder besser im Spiegel sehen als früher. Ich konnte mir in die Augen schauen. Ein „Hi Julia“ flüsterten meine Lippen und lächelten dabei. Lachfältchen an meinen Augen waren zu sehen…die waren mir noch nie aufgefallen.

Mit einer Hand strich ich mir über’s Gesicht, um mich selbst zu fühlen. Meine frisch lackierten Nägel – Blasen werfend von der noch falschen Technik – bewegten sich über eine von Rasur, Bartwuchs und Jahren beanspruchte Haut, die ich viel zu lange vernachlässigt hatte. Denn tief im Inneren war mir mein männlicher Körper egal. Nur ein Werkzeug, ein Gefäß für mich, das aber hinten und vorne nicht passte.

Doch Minuten später kippte meine Stimmung schon wieder und die eben noch vorhandene Sicherheit verkehrte sich ins Gegenteil. Auslöser hierfür war der sogenannte Alltagstest, von dem ich im Forum gelesen hatte. Wie um alles in der Welt soll ich jetzt sofort 24/7 als Frau leben? Das geht so spontan doch überhaupt nicht. Der Gedanke, ohne jegliche medizinische Behandlung für 1 Jahr als Frau zu leben, macht mir Angst und ich kann mir nicht vorstellen, wie das in der jetzigen Situation überhaupt gehen soll. In meiner Wohnung mag das gehen. Aber auf der Arbeit? In meiner Familie?

Was, wenn doch nun alles äußerlich so bliebe wie es war?
Was, wenn ich mir das alles nur einbilde und einem Hirngespinst nachlaufe?

Ich denke, ich kann mich mir selbst nur Schritt für Schritt nähern. Anders geht es gar nicht. Doch im Moment ist das alles noch so weit weg und überfordert mich einfach nur. Und das Betäuben meiner Ängste mit Alkohol, Essen oder sonstigen Ablenkungen funktioniert nicht mehr. Jahrelang ging das. Jetzt nicht mehr. Spannender weise ist mein Verlangen nach Alkohol in den vergangenen Tagen auf Null gesunken. Ich esse viel weniger. Es gibt nichts mehr, was es zu betäuben gäbe.

Neben all dem hat sich eine spannende Idee manifestiert:
Meine Freundin J. bot an, wir könnten mal einen Mädelsabend in Köln machen. Rausgehen, sich zeigen. Noch macht mir das etwas Angst, aber ich merke, dass ich das gerne machen möchte und irgendwie freue ich mich drauf.

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