Zwischen Wasserfalltränen und Schmetterlingen im Bauch

Liebes Tagebuch,

der gestrige Tag hängt mir noch nach. Diese großartige Reaktion meiner Tante und meines Onkels.
„Das fühlt sich für mich total stimmig an.“ Wow.
Julia darf jetzt sein. Schritt für Schritt.

Meine Freundin hat mir gerade noch einen Insta-Account empfohlen. Von einer anderen Transfrau, heißt zufällig auch Julia. Voll süß, mit Locken und so. So weiblich möchte ich auch gerne später aussehen. Großartig! Genau so ist es richtig!

Heute Abend bin ich bei meinem Vater zum Abendessen eingeladen. Mal sehen, was er zu meinen Nägeln sagt. Ich werde es heute noch etwas runter kochen…dass wir das am Wochenende gemeinsam mit den Kindern gemacht haben. Ich hatte versucht, meine Mutter ebenfalls zu dem Abendessen dazu zu holen, sie kann leider nicht.

Sie kommen aber morgen Abend zu mir. Dann sage ich es ihnen. Ich habe etwas Bammel davor, weil ich überhaupt keine Idee habe, wie sie reagieren werden. Papa wird es vermutlich nicht verstehen, Mama vielleicht schon. Wer weiß?

Ich werde jedenfalls versuchen es so zu vermitteln, dass es endlich eine Befreiung nach 39 Jahren Unterdrückung ist und ich endlich ganz werden möchte. Ich möchte mich nicht mehr verstecken, ich möchte ich sein.

Julias Zeit ist gekommen.

Dieser „Tobias“ hat seine Rolle gespielt. Mit vielen Schmerzen und einem steinigen Weg verbunden. Auch der Trans-Weg wird sicher nicht einfach, aber zumindest meine ersten Erfahrungen in den letzten Tagen sind durchweg positiv.

Mutmaßlich wird das nicht so bleiben, aber das ist dann so. Wenn mir irgendwas in meinem Leben jemals wichtig war, dann das. Julia hat Morgenluft geschnuppert, jetzt geht es nur noch nach vorne.

Angefangen mit einem Beratungsgespräch nach dem Sommerurlaub. Ich weiß noch nicht, was das Ergebnis sein wird. Aber ich erhoffe mir weitere Kontakt zu Psychologen und am liebsten auch eine positive Bestätigung der Beraterin, dass meine Wahrnehmung ganz klar transsexuell / transident sind. Letztlich ist es natürlich meine Entscheidung, die kann mir keiner abnehmen. Ich glaube, ich habe die Entscheidung aber schon lange getroffen. Ich suche nur Sicherheit im Außen, um mir genügend Rückhalt zu verschaffen, diesen Weg gehen zu können.

Witziger weise ist das Jobthema seit gestern in den Hintergrund getreten. Wenn ich endlich zu meiner Identität stehen kann, kann ich das vielleicht auch im Job. Was dann auch ein vergleichsweise kleiner Schritt ist.

Ich bin jedenfalls gerade weitaus emotionaler als sonst. Mal breche ich in Tränen aus, dann könnte ich wieder die Welt umarmen. Aber das gehört vermutlich zum Prozess.

Nachtrag 23:25 Uhr:

Ich war vorhin bei Papa zum Abendessen. Ich bin sicher, er hat meine Fingernägel gesehen, hat aber mit keinem Wort etwas dazu gesagt. Aber er wirkte eine ganze Weile total verunsichert, schaute mich kaum an. War etwas seltsam.

Dann wollte er aber doch wissen, was ich denn da morgen zu verkünden hätte. Ich sagte nur lachend, da müsse er schon auf morgen warten, weil ich es Mama und ihm gleichzeitig sagen wolle. Danach war auch gut, er bohrte nicht weiter nach.

Ich habe vorhin auch meine Brust- und Bauchbehaarung nicht mehr ausgehalten. Auch meinen Bart nicht. Also habe ich mich rasiert und fast eine Stunde mit dem Epilierer meinen Oberkörper beackert. Meinen unteren Bauch habe ich, wenn auch unter Schmerzen, einigermaßen hinbekommen. Beim Rest habe ich aufgegeben und am Ende rasiert. Das ist am oberen Bauch und Brust einfach zu schmerzhaft. Vielleicht geht das bei nachwachsenden Haaren besser, aber beim initialen Entfernen ging das eindeutig nicht.

Nun sieht meine Haut arg gereizt aus und wegen des Rasierens auch nicht perfekt glatt, aber trotzdem…ich gefalle mir selbst so unglaublich viel besser ohne Haare. Ich liebe es und kann eine Hormontherapie fast nicht abwarten, so dass auch das Haarwachstum nachlässt.

Am liebsten würde ich Arme und Beine auch direkt machen. Vielleicht morgen. Erstmal möchte ich das Gespräch mit Mama und Papa über die Bühne bringen. Ich will sie nicht gleich verschrecken, wenn alle Haare an den Armen und Beinen weg sind. Der Nagellack reicht wohl erstmal für den Einstieg. 🙂

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