Hinter dem heutigen Türchen wartet Teil 2 der Septemberblume auf euch. Viel Freude beim Lesen!

Septemberblume – Teil 2

Nachdem er durch frisch aufgehäufte Blätterhaufen und bunte Baumwipfel gesaust war, drehte er noch die eine oder andere Runde um die Windmühlen der Menschen und erfreute sich an dem geschäftigen Treiben auf den Straßen. Doch dann sehnte er sich nach etwas, das ihm fremd und vertraut zugleich vorkam. Was war es? Ein Gefühl von Vertrautheit und Verständnis stieg in ihm auf und sogleich fiel ihm die wunderschöne Blume von seiner gestrigen Reise ein. Was für eine Blume war sie eigentlich? Er würde sie heute fragen, beschloss er.

Und wie er es erhofft hatte, traf er am Rande des Kornfeldes wieder auf seine Blume. „Du bist so wunderschön und so freundlich, ich wollte Dich gern wiedersehen“, gestand der Wind etwas nervös. Und so freundeten sich die beiden an. Tag um Tag besuchte sie der Wind, nachdem er seiner anstrengenden Beschäftigung nachgegangen war und die Welt kräftig durchgepustet hatte. Sie unterhielten sich über dies und das, vor allem aber über des Windes Sorgen.

„Wisse, wer Du bist und habe Mut. Ich glaube an Dich. Du kannst das!“, sagte die Blume eines Abends mit sanfter Stimme zum Abschied, nachdem sie sich lange über die Sonne unterhalten hatten. Mit einem wissenden Lächeln entließ ihn die Blume in die Nacht.

Lange wehte der Herbstwind umher ohne Ziel und mit vielen Sorgen im Gepäck. Er drehte sich mal im Kreis, ließ trockene Blätter und achtlos fortgeworfene Papiertüten in der Luft einen munteren Tanz aufführen – ohne es zu merken.

Als er plötzlich empor sah, staunte er nicht schlecht. Er war bis in die Berge geweht. Weit nach oben, dort wo
schon der erste Schnee lag. Die kalte Luft gefiel ihm, das war sein Element und so ließ er sich nieder. Einen Tag, eine Woche, einen Monat. In den Zeitungen der Menschen fragte man sich bereits, was wohl mit dem Wind los sei und sorgte sich.

Doch eines Tages atmete der nicht mehr ganz so junge Herbstwind tief ein und wieder aus. Der Schnee flog auf, die letzten Blätter fielen von den Bäumen und die Menschenfrau, die eben noch mit ihrem schmucken Hut über die Dorfstraße flaniert war, hielt diesen plötzlich fest und suchte einen sicheren Unterstand.

Den Herbstwind durchströmte neue Kraft. Sein Geist war klarer als je zuvor, er spürte eine unbändige Kraft in sich aufsteigen und wusste plötzlich, wer er war und warum er Jahr für Jahr über die Erde wehte. Voller Dankbarkeit dachte er an die kleine Blume, die ihn erst auf diesen Pfad gebracht hatte und die er mehr als alles andere vermisste. Er würde sie heute besuchen. Sie war ihm stets ein Rätsel geblieben, diese kleine, blaue, stolze Blume. Er hatte ihr all seine Sorgen erzählt und sie hatte einfach nur zugehört. Wer sie war, wusste er hingegen nicht und beschloss, diesen Umstand schnellstmöglich zu ändern.

Plötzlich zuckte er zusammen. Die ersten Sonnenstrahlen des Tages durchrissen die dünne Wolkendecke und der Herbstwind ahnte nichts Gutes. Reflexartig wollte er sich weiter in die Berge zurückziehen, doch das Bild seiner Blume und die innere Kraft schoben ihn an.

„Wo Verzweiflung zu groß wird, wird Mut geboren“, hatte die Blume einmal gesagt.

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