[Kurzgeschichte] Der Weg im Nebel

Nebliger Waldweg

Nachts kommen mir bekanntlich die besten Ideen. Und wenn es mir emotional schlecht geht. Daraus entstand heute Nacht diese kleine fiktionale Geschichte, die aber einen gewissen Realitätsbezug nicht verleugnen kann. Nehmt euch eine heiße Tasse Tee, zieht euch die Wollsocken und eine warme Decke über – es wird frostig.
By the way: mit meiner Transition hat das ausnahmsweise nichts zu tun. 

Kalter Nebel hängt bleiern in der Luft und hüllt den lichten Waldpfad in trübes Licht. Tau bedeckt die Gräser ringsum. Die Vögel, die beim letzten Sonnenschein noch munter geträllert hatten, sind verstummt. Lediglich das leise Rauschen der Bäume im zarten Wind des frühen Morgens ist zu hören. Und das Knacken und Knistern unter ihren Schuhen.

Sie zieht sich die Kapuze ihrer Winterjacke tiefer ins Gesicht und nestelt frierend an ihrem Wollschal herum. Sie wusste selbst nicht, warum sie ihn überhaupt noch anzog. Ihre Ex-Schwiegermutter hatte ihn vor Jahren gestrickt. Damals bildete sie sich noch ein, ihr Leben sei irgendwie im Lot. Wie falsch sie doch gelegen hatte.

Es war, als würde die Stimmung des Waldes das Innere der jungen Frau ausdrücken. Oder war es doch umgekehrt? Einzelne Tränen rannen ihr über das Gesicht, während sie einigen Schnecken auswich und etwas stockend die kalte Herbstluft einatmete. Eigentlich würde sie jetzt gerne auf der Stelle umfallen und für immer hier im Gras liegen bleiben. Dass sie es bis hier in den Wald geschafft hatte, glich bereits einem Wunder. Ihre inneren Akkus waren leer, sie hatte noch nicht einmal mehr Kraft, um herzzerreißend zu weinen. Das hatte sie an jedem einzelnen Tag der vergangenen Woche getan. Zwischendurch schrie sie in ihr Kissen. Ließ sich wie ein Rinnsal aus Wasser auf den Fußboden sinken und kauerte sich dort zusammen. Die Knie dicht ans ich gedrückt lag sie dann dort. Minuten. Stunden. Sie verlor jedes Zeitgefühl.

Einem undefinierbaren Impuls folgend hatte sie sich irgendwann umständlich aufgerappelt und ihren schwarzen Rock fahrig gerichtet. Mascara klebte auf dem Ärmel ihrer Bluse, doch das kümmerte sie nicht mehr. Sie hatte diesen Schmerz vergessen wollen. Diesen Schmerz, der ihr seit Tagen das Herz aus der Brust riss. Dann war sie wie in Trance durch den dunklen Flur gestolpert und hatte es irgendwie geschafft, sich eine Jacke überzustreifen und in ihre gefütterten Winterstiefel zu schlüpfen. Dabei hatte ihr leerer Blick kurz den Spiegel gestreift und ein verheultes Etwas hatte sie angeglotzt. Jeder Funke von Lebensfreude war aus diesen Augen gewichen, das konnte sie sehen. Und es war ihr egal.

Sie hatte den Gedanken über ihr Äußeres schnell wieder verworfen, nach dem kalten Türgriff getastet und war in die Dunkelheit des frühen Morgens getreten. Warum, wusste sie selbst nicht so genau. Aber für irgend etwas würde es wohl schon gut sein. Immerhin war sie irgendwie am Leben. Pah, Leben. Was war das für ein Leben?! Sie war ein biologischer Organismus, der auf Standby lief, dessen Zentrale sich jedoch im Ausnahmezustand befand.

Nun starrte sie den geraden Waldweg entlang, der schon in kurzer Entfernung im Nebel versank. Niemand war hier. Nur sie. Und dieses riesige Loch in ihrem Herzen. Egal wieviele Bäume, Grashalme und Pilze sie an sich vorbei ziehen ließ, das Loch ließ sich einfach nicht abschütteln oder gar füllen.
Wie im Traum erschien ein bekanntes Gesicht vor ihrem inneren Auge und sie blinzelte kurz, um es zu vertreiben. Es war sie gewesen. Sie. Die Liebe ihres Lebens. Und gleichsam die unmöglichste Liebe aller Zeiten.

Wie dumm sie gewesen war. Wie hatte sie damals annehmen können, dass jemals etwas daraus erwachsen würde, was Bestand hatte. Sie hatten sich vor Jahren kennengelernt. Sie hatten sich verliebt. Sie hatten sich geküsst. Und beinahe auch mehr. Und dann zerbrach es. “Die Umstände. Die verdammten Umstände“, schoss es ihr durch den Kopf. „Hätten wir uns 15 Jahre eher getroffen…”, schallte es zum eintausendsten Mal durch ihren Kopf. Hatten sie aber nicht, also war es müßig, weiter darüber zu grübeln. Und dennoch kreisten ihre Gedanken um all das.

Wut keimte erneut in ihr auf. Wut über das Stillschweigen, mit dem ihr jetzt begegnet wurde. Sie hatte sich vor einigen Wochen ein Herz gefasst und ihr alles gestanden. Sie hatte das wacklige Bild einer normalen Freundschaft in den Grundfesten erschüttert und ihre endlose Liebe gestanden. Sie hatten in einem Park auf einer Bank gesessen. An einem Teich. Mit Enten. Sie waren in ihrer Bubble versunken. Wie immer. Es war Liebe. Noch immer. Trotz allem.

Und nun schwieg ihre Liebe. Sie wusste, dass es ihr schlecht ging. Antworten auf Fragen nach dem Befinden blieben jedoch unbeantwortet. Wut. Unverständnis. Enttäuschung. Nein, eine normale Freundschaft konnte das niemals sein. Mehr so alles oder nichts.

Hier im Wald war es eher Nichts. Und beim Gedanken daran wurde ihr schlecht. Ihr Herz verkrampfte sich und das Atmen fiel ihr plötzlich schwer. Ein aufgebrachter Specht kreuzte wild schimpfend den Weg und verschwand zwischen den Bäumen. Sie blieb stehen. Nun quollen doch wieder dicke Tränen aus ihren Augen, kullerten ihre kalten Wangen entlang und tropften wie tonnenschwere Steine in eine Pfütze vor ihr. Mit einem leisen Plopp breiteten sich Kreise im schlammigen Wasser der Pfütze aus und verzerrten das Grau in Grau des Himmels. Ihr Bauch verkrampfte sich und ein erstickter Schrei entsprang ihrer Kehle. Schwer atmend krümmte sie sich zusammen und ihre wuscheligen braunen Haare fielen ihr chaotisch ins Gesicht. Die Strähnen beiseite schiebend hielt sie sich die Hände schließlich vor die Augen, doch das half nicht. Das Gesicht wurde nur noch deutlicher. Ihr Gesicht.
Also wischte sie sich erneut die Tränen fort, straffte ihren Rücken und atmete einige Male tief durch. Sie merkte, wie sie den tiefen Schmerz ihres gebrochenen Herzens in sich hinein atmete und damit beiseite schob. Ja, sie verdrängte ihn. Denn er überwältigte sie und drohte sie zu zerreißen. Das konnte sie nicht zulassen.

Sie hielt sich grundsätzlich für eine starke Frau, doch heute fühlte sie sich wie ein hilfloses kleines Mädchen, das einsam und verlassen in der grauen Welt der düsteren Emotionen stand, ohne Hoffnung darauf, dass sie jemand bei der Hand nahm und ihr wieder die Sonne zeigte.

Sie ließ sich ins nasse Gras sinken. Und fröstelte. Aber das war ihr egal. Sie würde hier bleiben. Für immer.
Sie hatte ihr Herz verschenkt, doch das Schicksal hatte bestimmt, dass dies ein sinnloses Geschenk hatte sein sollen – und ihr damit das kleine Herzchen gebrochen.

Sie würde hier bleiben. Für immer.
Sie legte sich hin, schloss die Augen und fühlte die Wassertropfen unter ihren Fingerspitzen. Das Rauschen der Bäume wirkte so friedlich. Hier und da hörte sie einen Wassertropfen zu Boden fallen. Der Specht schimpfte wieder in der Ferne. Es war…perfekt.

„Egal was war: Ich liebe dich! Für immer.“

Sie sendete diesen letzten Gedanken ins Universum. Dann atmete sie noch einmal tief die würzige Waldluft ein, entließ sie langsam aus ihren Lungen zurück in die Welt – und – fand endlich Frieden.

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