Trans-Medizin: Wie Transfrauen in Zukunft Kinder austragen könnten

Schwangere Frau

Eine Schlagzeile in meinem Facebook-Feed stach mir heute Abend nicht nur ins Auge, sondern auch ins Herz. Ein indischer Arzt plant die Transplantation von Gebärmüttern bei Transfrauen. 

In solchen Momenten bedauere ich es, nicht um einige Jahrzehnte später geboren worden zu sein und damit die Vorzüge moderner Medizin genießen zu können. Seit Beginn meiner Transition, speziell aber seit Beginn der HRT, keimt in schöner Regelmäßigkeit der Wunsch nach Schwangerschaft in mir auf und scheint auch keinerlei Anstalten zu machen, sich irgendwann mal zu verabschieden.

Natürlich sprechen so ziemlich alle Fakten gegen eine reale Umsetzung eines solchen Wunsches, dennoch zeigen Artikel wie der unten verlinkte, dass es Fortschritte im Bereich der Trans-Medizin gibt, die künftig einen solchen Wunsch erfüllen könnten. Noch ist all das experimentell und nach Austragung des Kindes müsste die Gebärmutter wieder entfernt werden…es wäre also eine beinahe unmenschliche Belastung für den Körper der Mutter. Aber dennoch. Hätte ich keine Kinder und wäre 20 Jahre jünger…ich würde es wahrscheinlich als Option in Betracht ziehen.

Doctor plans pioneering womb transplant that could let trans women carry children

Das mag für viele von euch vielleicht verrückt klingen, ich würde das aber neben all den Dysphorien, die wir Transfrauen so haben können, einfach mal „Schwangerschaftsdysphorie“ nennen. Denn dieser tiefe Wunsch, heranwachsendes Leben in sich spüren zu dürfen und wahrhaftig Leben zu schenken, wird jedes Mal jäh durch dessen gleichzeitige Unmöglichkeit zertrümmert.
Nun könnte man das Thema einfach zu den Akten legen, denn es belastet mich schließlich auch nicht, dass es mir wohl niemals möglich sein wird, zum Mars zu fliegen. Für mich hat Schwangerschaft aber sehr elementar etwas mit meiner eigenen Weiblichkeit zu tun. Ohne den religiösen Kontext zu bemühen, würde ich auch von Schöpfungskraft sprechen.

Es mag sein, dass ich das vor einiger Zeit hier schon einmal geäußert habe, ich möchte es jedoch wiederholen, weil es mir so sehr wichtig ist:
Schon lange vor meiner Transition, ach, bereits in meiner Kindheit wirbelte eine Kraft und ein Bedürfnis in mir, etwas Sinnvolles und etwas von Bedeutung und Dauer zu (er-)schaffen. Unspezifisch. Wie ein roter Faden ziehen sich Projekte, Projektideen und soziales Engagement durch meinen Leben. Ich habe immer versucht, diesem inneren Schaffenswunsch Ausdruck zu verleihen, merke aber selbst heute noch, dass am Ende immer ein fader Nachgeschmack bleibt. Egal wie grandios das Endergebnis ist und wie sehr ich damit zufrieden bin. Dieser Blog ist ein perfektes Beispiel dafür. Ich bin wirklich zufrieden mit all den Inhalten, die ich hier über die Monate und Jahre angesammelt habe und bin auch ein wenig stolz darauf, diesen reichhaltigen Erfahrungsschatz hier für die Welt und für mich konserviert zu haben. Am Ende ist es aber „nur“ der Versuch, mich auszudrücken, Dinge zu verarbeiten und – wie schon gesagt – etwas von Bedeutung zu erschaffen.
Nun unterstelle ich mal auf Basis eures sehr geschätzten Feedbacks, dass für einige diese Zeilen eine gewisse Bedeutung und manchen sogar wirklich geholfen haben. Das erfüllt mich mit Dankbarkeit und macht mich froh. Dieses Gefühl reicht jedoch nicht, diese große innere Lücke zu füllen, die mit dem Thema Schwangerschaft verbunden ist. Und je häufiger ich darüber nachdenke, umso deutlicher wird das für mich.

Spannend ist in diesem Kontext übrigens auch meine Berufswahl: früher schrieb ich Software, gründete sogar ein eigenes Unternehmen. Dann leitete ich jahrelang Projekte. Jetzt darf ich die Unternehmenskultur meines heutigen Arbeitgebers weiterentwickeln und etwas „von Bedeutung“ erschaffen. Ihr seht den Zusammenhang?! Alles hat mit (Wert-)Schöpfung zu tun. Und mit der Möglichkeit, mich auszudrücken. Denn jeder Programmcode ist individuell wie die Handschrift. Ein eigenes Unternehmen ist wie ein eigenes Baby. Projekte mitunter auch und meine Projektteams waren zeitweise wie eine kleine Familie für mich. Und nun darf ich mich mit meiner neuen Chefin freuen, da sie neues Leben unter ihrem Herzen trägt und das Wunder des Lebens erlebt. Ohne Ironie kann ich sagen, dass ich mich wirklich von Herzen für sie freue. Dennoch sticht es mir jedes Mal ins Herz, wenn ich werdende Mamas sehe, die liebevoll ihren Babybauch streicheln oder schwer stöhnend von ihrer Sitzgelegenheit aufstehen. Dieses Geschenk war mir nicht vergönnt und das schmerzt mitunter sehr.

Kurzum:
Kann es also sein, dass ich unterbewusst schon immer dieser Sehnsucht nach Schwangerschaft gefolgt bin, sie mangels biologischer Gegebenheiten aber missverstanden und anderweitig ersatzbefriedigt habe? Ich halte das nach allem, was ich in der Transition über mich gelernt habe, für mehr als wahrscheinlich.

Nun hilft kein Zaudern und Klagen, denn einer Gebärmuttertransplantation werde ich mich nicht unterziehen. Ich habe zwei gesunde Kinder und dafür bin ich total dankbar. Vielleicht kehrt eines Tages der innere Frieden bei mir ein, der mich mit meiner eigenen „Kinderlosigkeit“ versöhnt. Bis dahin könnte dieses Thema aber immer mal wieder in diesem Blog landen, denn es schreit an Tagen wie heute nach Ausdruck, Reflexion und auch der einen oder anderen Träne des Bedauerns.

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