Keim

Große Neuigkeiten gibt es heute nicht, aber kleine, feine Entwicklungen auf verschiedenen Ebenen und neue Erkenntnisse.

Ich stecke den Zündschlüssel ins Schloss. Das Radio geht an, es schlägt 18 Uhr. Die Sonne geht bereits unter. Durchatmen.
Hinter mir liegt ein erschreckend unproduktiver Arbeitstag im Büro…

Was für ein Tag. Ja, er war viel mehr von jeder Menge „Socializing“ geprägt, also vielen sozialen Kontakten mit Kollegen. Auch mit solchen, die mich zuletzt noch in Herrenkleidung gesehen hatten. Doch gleich zwei Mal erhielt ich liebe Komplimente – das hört man natürlich gerne. In den vergangenen Wochen fiel mir in solchen Situationen erfreulicherweise immer wieder auf, dass ich derlei Komplimente mittlerweile (fast) ohne inneren Kritiker einfach in Dankbarkeit annehmen und mich darüber freuen kann. Fühlt sich gut an! Und ehrlich, gerade ist das ein wirklich großer Schritt für mich. Früher war ich derlei Äußerungen gegenüber mehr als skeptisch. Das passt für mich alles ins Bild und wäre sicherlich einen eigenen Artikel wert, aber heute ist mir nicht so sehr danach.

Ok, ok. Den „unproduktiven Arbeitstag“ möchte ich doch ein bisschen relativieren:
Es gab durch die vielen sozialen Kontakte auch viele Möglichkeiten, Kollegen hier und da unter die Arme zu greifen. Eine befreundete Kollegin war dann gar derart dankbar für meine Hilfe, dass sie mir eine Kosmetikbehandlung für meine Wimpern schenken wollte, über die wir vorher kurz gesprochen hatten (sie hatte wirklich bewundernswert ausdrucksstarke Wimpern, wooow :-)).
In genau diesem Moment zündete ein Gedanke in mir, den ich vor einiger Zeit schon hatte: mir fehlen noch ein paar schöne Klamotten, die ich im Büro anziehen kann und besagte Kollegin / Freundin erschien mir als geeignete Shopping-Partnerin. Diesen Gedanken griff ich spontan auf und so verabredeten wir uns kurzerhand zu einem Weihnachtsshopping. Deal! #Ghettofaust

Zwar ist es bis dahin noch ein paar Wochen hin, aber das wird bestimmt total lustig, darauf freue ich mich jetzt schon!
Vor allem vor dem Hintergrund unserer gemeinsamen Vergangenheit, die sich mit dem Begriff „Achterbahn“ wohl am besten beschreiben lässt. Um dieses Thema an der Stelle nicht über Gebühr ausbreiten zu müssen, sei hier nur kurz der „Dualseelenprozess“ angesprochen (googelt das gerne mal). Manchmal ziemlich heftig, aber dafür im Tiefsten Inneren verbindend und absolut einmalig!
Nach einer längeren Phase des Abstandes fanden wir glücklicherweise wieder zusammen und haben mittlerweile ein gutes freundschaftliches Verhältnis gefunden, uns eingependelt. Und trotz allem, auch und vor allem meiner Transition, ist dieser ganz besondere verbindende Funke der „Liebe“ noch immer da. Dabei meine ich Liebe nicht im romantischen Sinne, sondern auf einer tiefen seelischen Ebene.

Auch das ist ein großes Thema für mindestens einen gesonderten Blogartikel, obgleich ich mir noch nicht ganz sicher bin, in welcher Beziehung meine Transition zu unserer Verbindung als solcher steht und ich das hier tiefergehend thematisieren möchte. Nur so viel: unsere Beziehung zu einander hat sich durch meine Transition nicht nennenswert verändert. Nach meinem Coming Out ihr gegenüber stellte sie sogar fest, dass die starke Verbindung zwischen uns keineswegs geschlechtsspezifisch (= sexueller Natur) war und ist. Nichtsdestotrotz öffnen sich durch meine Transition nun ganz neue Türen. Niemals wären wir beispielsweise vor meiner Transition gemeinsam shoppen gegangen…

Um Bezug zum Titel des Artikels zu nehmen: ich nehme diese heutige Entwicklung als zarte Wurzeln von „Frauenfreundschaften“ wahr. Was Mädels halt so gemeinsam machen (Achtung, Klischeealarm!!!). Ich merke aber auch, dass derartige zarte Pflänzchen viel Zeit zum Wachsen brauchen, nicht unbedingt durch die Transition, sondern vor allem altersbedingt. Menschen in meinem Alter haben in der Regel eben bereits ein Leben aufgebaut, oft mit Familie. In diesem Umfeld neue Freundschaften aufzubauen, finde ich deutlich schwieriger als in den 20ern.
Obwohl…die Transition spielt doch ein Rolle! Denn mir fällt gerade auf, dass ich mich in Bezug auf gemeinsame Aktivitäten doch noch justieren muss. Ich glaube, Events wie dieses sind kleine Schritte auf dem Weg der „weiblichen Sozialisierung“ und daher für mich ganz besonders wichtig und bedeutungsvoll.

Doch schließen wir dieses Kapitel für heute und öffnen ein neues:

GaOP-Antrag

Zu diesem Zweck springen wir wieder zurück in mein Auto, unmittelbar nach Feierabend. Das Radio läuft noch immer und ich werfe einen kurzen Blick auf mein Handy. Auf den ersten Blick springt mir eine eMail ins Auge: eine Benachrichtigung meiner Krankenkasse ist eingetroffen! Herzklopfen.

Überrascht über die schnelle Rückmeldung öffne ich tief einatmend meine App, tippe auf das kleine Briefchen und kann noch gar nicht so recht glauben, dass das vielleicht schon meine GaOP-Genehmigung sein könnte. Das wäre nach nur knapp 2 Wochen rekordverdächtig schnell gewesen. Doch dann lese ich den Nachrichtentitel: „Zwischenbescheid“.
Man teilte mir mit, meine Unterlagen seien an den MDK weitergeleitet worden und man prüfe nun, ob man die Kosten antragsgemäß übernehmen könne.

Enttäuscht war ich darüber nicht. Eher durchfuhr mich ein entspannt-beschwingtes „Ach, schade aber auch!“ Schön wär’s gewesen, dann warte ich eben noch ein Weilchen. Dennoch wurde mir in diesem Moment klar, wie greifbar die GaOP bereits ist. Krass.
Sobald diese Kostenzusage in mein Postfach eintrudelt, kann alles recht flott gehen. Übergabe der Dokumente an den Operateur, fixe Terminvergabe und dann tickt die Uhr. Ich habe ja schon beinahe ein bisschen Sorge, unser frisch vereinbartes Weihnachtsshopping könnte wegen der OP ins Wasser fallen. Aber das nehme ich dann auch gerne in Kauf… 😉

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