Frau schaut aus Fenster

Mein liebes Tagebuch. 2020 ist vorüber. 2021 hat begonnen. Zeit zurück und nach vorn zu blicken.

Zack, zack, zack…so schnell vergingen die letzten Wochen und Monate. Wenig zu merken von einem Corona-bedingten Lockdown. Die sozialen Kontakte waren zwar beschränkt, aber ansonsten ging es in unvermindertem Tempo weiter. Beruflich, wie privat. Insofern bin ich ganz froh, über Weihnachten und Neujahr mal ein paar Tage Urlaub gehabt zu haben und wieder etwas Boden unter die Füße zu bekommen. Aus heutiger Sicht merke ich doch, wie gestresst ich vor den Feiertagen war.

Puh!

Was war DAS für ein Jahr?!

Ich hätte jedem einen Vogel gezeigt, wenn man mir Ende 2019 erzählt hätte, wo wir heute als Gesellschaft stehen und vor allem, wo ich privat stehe. Ich kann ohne Übertreibung festhalten, dass 2020 für mich beruflich und privat trotz (oder gerade wegen) riesiger Verwerfungen das erfolgreichste Jahr meines bisherigen Lebens war.

Doch was passierte alles dieses Jahr?

Das erste Quartal stand ganz unter dem Zeichen eines beruflichen Projektes, das am Valentinstag 2020 seinen Höhepunkt in Form eines GoLives erreichte und für das wir später im Jahr eine Auszeichnung erhielten. Wie cool! Als Projektleiterin macht mich das natürlich stolz. Viel stolzer aber bin ich auf das Team und die Zusammenarbeit mit großartigen Menschen, ohne die das niemals möglich gewesen wäre. Ich bekomme noch immer ein Kribbeln im Bauch, wenn ich an die unglaublich intensive Zeit kurz vor dem GoLive zurück denke. Wow!

¡Una Corona por favor!

Ab März ging es dann aber Schlag auf Schlag mit Corona. In einem Projektbericht witzelte ich noch, wir seien das erste Projekt, dass durch Corona beeinträchtigt sei, da Dienstleister aus China wegen eines Lockdowns nicht arbeiten konnten. Wenige Wochen später saßen wir alle im HomeOffice und ich pendelte nur noch einmal pro Woche ins Büro. Ein Zustand, der sich später noch intensivierte. Auch heute sitze ich noch zu 100% im HomeOffice und kann normal arbeiten. Undenkbar vor einem Jahr. Organisatorisch wie technologisch.
Lediglich der soziale Kontakt fehlt mir bei Zeiten…das HomeOffice ist schon recht einsam dann und wann.

Etwas muss an die Oberfläche!

Im Mai und Juni ging es mir zunehmend schlechter. Meine Arbeitszeiten gingen projekt- und Corona-bedingt durch die Decke und erste Burnout-Symptome machten sich breit, so dass ich im Sinne meiner Gesundheit Anfang Juni gezwungen war, die Notbremse zu ziehen. Ich ließ mich krankschreiben, um wieder atmen zu können und mir über mögliche Lösungen klar zu werden. Eine Woche lang tat sich beinahe gar nichts, ich war zu erschöpft.

Doch an genau diesem Punkt machte nicht nur 2020 eine riesige Wende für mich, nein, mein ganzes Leben tat das! Wie hinreichend in diesem Blog beschrieben, sickerte die Erkenntnis in mein Bewusstsein, dass da etwas mit mir los war, das man irgendwo im LGBTQ-Spektrum einsortieren konnte.

WHUT?!?

Die Erkenntnis traf mich wie ein kalter Waschlappen ins Gesicht. Der Juni war einerseits brutal erfrischend und befreiend und gleichzeitig von massiven Ängsten geprägt. Ich musste selbst erst einmal verstehen und vor allem akzeptieren, was mit mir los war. Doch binnen 2 Wochen wurde mir klar, dass das, was ich mein Leben lang gefühlt hatte, einer Transidentität geschuldet war. Plötzlich ergab alles einen Sinn. Mein ganzes Leben ergab plötzlich ein vollständiges Bild, als hätte man das eine entscheidende Puzzle-Stück eingefügt. Das eine Stück, dass ich immer gesucht hatte, aber nie hatte greifen oder geschweige denn verstehen können. Auf diesem Auge war ich aus verschiedenen Gründen immer blind gewesen.

Nicht lang‘ schnacken…

Dann ging alles super schnell. Outings in der Familie, gefolgt von einigen Freunden. Urlaub zwischen den Stühlen. Erstes Beratungsgespräch, Therapeutensuche und Therapiebeginn im Juli. Viel Erklärarbeit in meinem Umfeld, aber noch mehr Rückhalt. Beantragung der Vornamens- und Personenstandsänderung. Dann irgendwann Outing im Job. Schon im Oktober der Beginn der HRT, 6 Monate früher als gedacht. Beginn der Logopädie im November – ein Thema für sich.

Und heute sitze ich hier vor meinem Monitor, feiere innerlich „3 Monate Hormontherapie“ und freue mich auf die Ergebnisse der Blutabnahme heute, die ich wohl in 14 Tagen erfahren werde. Dann entscheidet sich, ob die Hormondosis erhöht wird oder ob alles beim Alten bleibt. Bisher sieht mit der HRT jedenfalls alles positiv aus und so kann es in 2021 gerne weitergehen.

Was erwartet mich im kommenden Jahr?

Ich habe mir in den vergangenen Tagen viele Gedanken um meine Jahresziele gemacht, so sie sich denn überhaupt planen lassen. 90% davon drehen sich um meine Transition. Überraschung! Das Thema hat nun einmal  Prio 1 ohne Kompromisse. Berufliche Themen spielen natürlich auch eine Rolle, denn den Erfolg des vergangenen Jahres würde ich gerne fortsetzen.

Natürlich schaue ich weiterhin von Tag zu Tag (vgl. „Scrum for your life„), obwohl die Planungssicherheit bei der Transition deutlich zugenommen hat, die Änderungszyklen werden länger. Insofern stehen als nächstes Termine bei meinen Gutachtern für die Vornamens- und Personenstandsänderung an. Dann werden Ende Januar Vorgespräche für meine Nadelepilation stattfinden. Bis Ende März steht noch das Sammeln von allerhand Unterlagen auf dem Programm, um das MDK-Verfahren im April eröffnen zu können, was die Grundlage für die Bartepilation, die GaOP und alle weiteren medizinischen Maßnahmen sein wird.

GaOP

Insofern rechne ich mit einem Beginn der Bartepilation im Mai (puh, so lange noch!) und ja, zur gleichen Zeit werde ich mich mit konkreten Details zur GaOP befassen. Mein Traum für 2021 ist es, Weihnachten „post-OP“ zu verbringen, die GaOP also erfolgreich hinter mir gelassen zu haben. Ob das zeitlich und vor allem auch mental alles passt, muss sich natürlich noch zeigen, aber aktuell bin ich recht optimistisch, dass das klappen könnte. Bis dahin ist es zeitlich noch ein langer Weg. Und gleichzeitig auch wieder nicht.

Viel Arbeit liegt aber wahrscheinlich in Sachen Logopädie vor mir. Zwar gelingen mir meine aktuellen Basisübungen einigermaßen gut, die Tage sah ich aber ein Interview mit einer Transfrau, die über 2 Jahre zur Logopädie ging, bis sie ein für sie zufriedenstellendes Ergebnis erreicht hatte (sie hatte aber auch wirklich eine tolle feminine Stimme, da wurde ich ganz neidisch).

Ob das alles so kommen wird, wie ich es aktuell sehe? Sicherlich nicht. Denn nichts ist steter als der Wandel. Insofern habe ich zwar Leuchtturmziele für 2021, wann davon welches erreicht werden kann und ob es am Ende noch Relevanz haben wird, steht bekanntermaßen auf einem anderen Blatt.

Wir werden sehen.

Ach ja…zwei Projektideen stehen auch noch auf meiner Liste: ein Podcast über meine Transition / über Trans*Themen allgemein (angeregt durch eine Kollegin) und das Schreiben eines Buches über selbiges Thema.

Ob ich dazu die nötige Muße und Muse haben werde…schauen wir mal. Aktuell sei der Dokumentation meiner Reise mit diesem Blog genüge getan.

Und wie es mir sonst so geht?

Hormone: alles easy.

Brustwachstum: minimal sicht- und tagesweise deutlich spürbar. Jetzt nach 3 Monate soll es wohl erst richtig losgehen. Juhu!

Umfeld: meine ältere Tochter hat weiterhin so ihre Schwierigkeiten, mit der Situation klar zu kommen. Jedenfalls tageweise. Bei ihr scheint die Pubertät langsam auch wirklich Fahrt aufzunehmen, die Stimmungsschwankungen übertreffen meine bisweilen bei weitem.

Funfact: einen Tag in den Weihnachtsferien haben wir uns wie zwei Teenager gegenseitig „angezickt“ (unschönes, da despektierliches Wort, aber ihr wisst, was ich meine). Und so bekloppt das in der Situation auch war, so sehr hat es mich gefreut, weil es mir zeigt, dass die Hormone Wirkung zeigen…

Was ich noch süß und bemerkenswert fand: ein Freund schickte mir die Tage per WhatsApp ein Foto eines Werbeprospekts, in dem für ein IPL-Gerät geworben wurde. Recht günstig. Aufgrund schlechter Bewertungen werde ich davon zwar Abstand nehmen, aber solche kleine Gesten begleiten mich auch durch den Alltag und sind kleine Sonnenstrahlen in der sonst äußerlich so tristen Januar-Welt.

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