Julia im ICE

Die letzten Tage läuft es in meinem Leben nicht so ganz rund. Missgeschicke und widrige Umstände blasen mir aus heiterem Himmel ins Gesicht wie ein solider Herbstwind. Und die Männerwelt hat an diesem Empfinden einen ordentlichen Anteil. Eine Chance für mich, meine Dating-Präferenzen zu überdenken…

Auf Amazon Music läuft meine Playlist auf voller Lautstärke, mein Herz pumpert schon recht ordentlich und mit einer Mischung aus Müdigkeit, Vorfreude und Angst vor dem Verlassen der eigenen Komfortzone laufe ich einigermaßen kopflos durch die Wohnung und versuche, mich auf den Abend vorzubereiten. Was ziehe ich an? Worin fühle ich mich wohl? Was könnte ihm gefallen? Ist das zu aufreizend? Oder zu zugeknöpft? Welchen Lippenstift nehme ich? Den dezenten, so dass er in meinen blaugrauen Augen versinken kann? Oder nehme ich doch lieber das kräftigere Rot und lenke seine Blicke auf meine Lippen? Was erwarte ich mir eigentlich von dem Abend? Eine schöne Zeit und entspanntes Kennenlernen? Auf jeden Fall. Mehr? Hm, ich weiß nicht…
Diese Fragenliste lässt sich noch eine ganze Weile fortführen.

Ihr ahnt es schon: ich habe mich nicht auf einen Spaziergang um den Block vorbereitet. Doch dazu komme ich gleich. Spannungsbogen und so.

Rewind

Spulen wir 4 Tage zurück und wechseln die Erzählperspektive.
Es ist 04:30 Uhr, eine völlig übermüdete Julia drückt die Snooze-Taste am Wecker. Es piept. 05:30 Uhr. Der zur Sicherheit auch noch um diese Uhrzeit gestellte Wecker reißt sie aus dem Schlaf. Erschrocken springt sie auf. Wo ist denn die Stunde hin?! Zum Glück hat sie den Koffer, den Rucksack und die Handtasche für die Berlinreise zu einer Schulung schon gestern so gut wie fertig gepackt. Aber der eingeplante Puffer ist nun dahin, Trödeln ist nicht. Der Puls steigt, der Schmuck fällt. Die Nerven!

Der Mascara gelingt heute zum Glück. Sie habe schöne Augen, wurde ihr schon oft gesagt. Das findet sie auch. Die Haare sind strubbeliger als geplant, aber für die Bahnfahrt und das Training wird es wohl reichen. Der Kulturbeutel fliegt in den Koffer, der Reißverschluss summt hochtönig, das Zahlenschloss im Werkszustand klickt. Eigentlich könnte sie sich das auch sparen.
Trapp, trapp, die Treppe hinab, Haustür auf…Regen. Kein Nieselregel. Richtig viel Regen. Gut, dass der Regenschirm griffbereit steht. Sie liegt in der Zeit und zieht ihren wohl gefüllten Koffer klackernd hinter sich her. 06:30 Uhr. Die armen Nachbarn. Aber zum Tragen ist er definitiv zu schwer. Frauen brauchen diesen ganzen Kram einfach. Echt jetzt!!!

Die Bushaltestelle liegt menschenleer vor ihr. Vereinzelte Autos rollen vorüber, ein Blick auf die App des örtlichen ÖPNV-Anbieters. Wo genau ist denn die Busverbindung hin, die gestern Abend noch angezeigt wurde? Ist sie zu spät? Nein. Ein Blick auf den Fahrplan neben ihr. 06:38 Uhr Abfahrt. Es wird 06:40 Uhr Dann 06:45 Uhr. Kein Bus. Der Puls steigt, die S-Bahn und vor allem der ICE nach Berlin warten nicht! Zwar hat sie auch hier wohlweislich einen Puffer eingeplant, aber dennoch. Die App blinkt. Die Busverbindung würde gerade wegen Baustellenarbeiten nicht befahren. Die nächste Verbindung liegt einen Kilometer entfernt. Ganz klasse! Ihren ICE könnte sie damit vergessen, wenn sie zu Fuß geht.

Genervt über die ständigen Ausfälle im ÖPNV macht der Tross aus Frau und Gepäck auf der Hacke kehrt und läuft zurück nach Hause. „Verlasse dich auf den ÖPNV und du bist verlassen„, flucht sie leise vor sich hin. Der Koffer rattert wieder über die Steine. Die armen Nachbarn. Mit einem Auge auf der App geht sie ihre Optionen durch: mit dem Auto zur S-Bahn fahren? Oder direkt zum ICE? Oder gar mit dem Auto nach Berlin? Letzteres ist der Notfallplan. Option 1 erscheint am sinnvollsten, erweist sich Tage später aber als finanziell gesehen unkluge Wahl.
In Gedanken dem Auto auf dem verlassenen Park & Ride Parkplatz alles Gute wünschend eilt sie auf das Bahngleis. Das Bahnticket fällt soeben aus dem Schacht, da rollt auch schon die S-Bahn ein. Keine Sekunde zu früh.

Gegen Mittag rattert Julias Koffer erneut über Steine. Diesmal aber in Berlin Mitte, pünktlich. Sie bleibt etwas ratlos vor den Türen des Gebäudes stehen. Rechterhand ein Kartenleser. Klingel Fehlanzeige. Was um Himmelswillen ist denn jetzt schon wieder schief gelaufen?! „Hallo?! Kann mir jemand öffnen?!“ Sie schreibt einem Kollegen und er lässt sie wissen, sie hätte eigentlich einen Zugangscode bekommen sollen. Hat sie aber nicht. Tolles Schließsystem. Nach einigem Hin und Her betritt sie dann endlich das modern eingerichtete Büro, in dem ein zarter StartUp-Wind weht. Cool. Sie fühlt sich wohl hier.

72 Stunden in Central City

Das Training nimmt seinen Lauf. Es folgen nette Abende mit Kollegen und Ausflüge in Berlins Nachtleben. Die Stadt pulsiert, quillt beinahe über vor Diversität. Düsseldorf erscheint daneben wie ein Provinznest. Es ist beeindruckend, doch von Tag zu Tag saugt die Stadt ihr mehr und mehr Energie aus. Sie schläft schlecht, fühlt sich ausgelaugt. Es ist zu laut hier. Zu voll. Einfach zu viel von allem. Und so steigt sie 3 Tage später erleichtert in den ICE nach Düsseldorf. Weg hier.
Ihr reservierter Platz ist belegt. Das Buchungssystem ist defekt und so verscheucht sie den durchaus attraktiven, aber viel zu jungen Mann auf einen benachbarten Sitz. Durchatmen. Kopfhörer auf und Hörbücher hören.

Langsam wird es vor den Fenstern grüner, offener. Sie kann wieder atmen.

Eine konfuse Durchsage erschallt aus den Lautsprechern. Ein Streckenabschnitt bei Bielefeld sei komplett gesperrt, der ICE müsse einen Umweg nehmen. Am Ende würde sich herausstellen, dass ein Zug entgleist war. Die Verspätung wächst auf satte 159 Minuten an und das Rennpferd ICE kriecht mit 80 km/h durch die Provinz und offenbarte Deutschlands schönste Nebenstrecken. Mitten im Nirgendwo stoppt der ICE, der Unterschied zu den 80 km/h ist kaum zu bemerken. Zum Glück halten die Akkus der Kopfhörer. Es werden Wasser, Gummibärchen, Schokolade und Formulare zur Fahrgastentschädigung verteilt. Die Stimmung im Zug schwankt zwischen entspannt und müde. Ein kleines Kind weint irgendwo im Wagen hinter ihr. Sie fühlt mit ihm. Eine Durchsage folgt. Im Regionalzug vor ihnen sei jemand umgekippt und müsse behandelt werden. Weiterfahrt unklar. Links Felder. Rechts Felder. Sonnenuntergang.

Dreiundzwanzig Uhr irgendwas. Ihr Po tut weh und die Augenlider werden langsam schwer, als Julia mit ein paar anderen verbliebenen Fahrgästen an der Wand neben der ICE-Tür lehnt. Draußen fliegen Lichter vorbei, Bahnsteige. Düsseldorf Flughafen. Und dann endlich: Hauptbahnhof. Sie steigt aus. Und fröstelt. „Es ist doch Juni„, denkt sie und schließt den Reißverschluss ihrer Jacke. Gestalten wandern über den Bahnsteig. Sie wünscht sich eine Blase, in der sie niemand erreichen kann. Sie fühlt sich unwohl, entspannt sich aber etwas, als sich eine andere Frau ein paar Meter weiter zu ihr gesellt. „Wir Mädels halten irgendwie unterbewusst zusammen„, fühlt sie. 20 Minuten in der Kälte warten. Der Magen knurrt.
Sie denkt an tausend Sachen. Die vergangenen Tage, das 9-Euro-Ticket, mit dem sie gleich fahren kann. Eigentlich eine coole Sache. Müsste es immer geben. Und sie denkt an morgen. Denn morgen treffen sie sich. Sie ist ein bisschen aufgeregt. Gestern hatten sie kurz telefoniert. Sein britischer Akzent und seine Stimme überraschten sie, aber gefielen ihr. Die Tage zuvor hatten sie ein wenig gechattet, dennoch wollte sie noch so viel über ihn wissen. Er war etwas mysteriös geblieben. Aber er schien es offenbar ernst zu meinen.

Die S-Bahn rollt im Schneckentempo in den Bahnhof, sie steigt ein und fühlt sich etwas wärmer. Kaum jemand ist um diese Zeit noch unterwegs. Glücklicherweise keine seltsamen Gestalten. Mit einem Klappern der Türen entlässt die Bahn sie mit ihrem treu hintendran trottenden Koffer in die Dunkelheit der Nacht. Eiligen Schrittes sucht sie ihr Auto, verstaut ihre Sachen und möchte gerade einsteigen, als sie etwas an der Frontscheibe sieht. Ein Kärtchen. In der Eile hatte sie Tage zuvor ihre Annahme, es handle sich um einen Park & Ride Parkplatz nicht näher geprüft und ihren Wagen abgestellt. Ein sattes Verwarngeld von 40€ warteten da auf sie. „Ihr Straßenräuber, hier ist sooo viel Platz und mein Auto hat sicher niemanden ernsthaft gestört.“ Sie schnaubt wie ein Drache, rollt die Augen, lässt sich ermattet ins Auto fallen und verriegelt die Türen. Sie fühlt sich wieder sicher, muss aber dringend etwas essen. Und ins Bett. Mehr geht heute nicht mehr. Innerlich noch immer aufgeputscht von diesen prall gefüllten Tagen, kann sie trotz der Müdigkeit kaum einschlafen. Wie üblich in solchen Momenten holt die Schlafapnoe zum Round House Kick aus und macht ein Einschlafen zum Horrortrip. 02:00 Uhr, die Uhr tickt…

Der Tag für das erste Mal

Als der Wecker um 06:00 Uhr klingelt, ringt sie kurz mit sich, ob sie sich krankmelden soll. Ihr Körper rebelliert und demonstriert eindrucksvoll, wie es sich anfühlen muss, von gestrigem ICE mit seinen 80 km/h langsam überrollt zu werden. Wie um Himmels Willen soll sie ihr heutiges Date überstehen, ohne konstant ihr Gegenüber anzugähnen?! Absagen mag sie aber nicht, immerhin ist der Herr extra angereist. Sagt er zumindest.

Immerhin verläuft der Arbeitstag recht ruhig. Freitag eben. Mit dem einen oder anderen Kaffee arbeitet sie zu ihrem eigenen Erstaunen recht fokussiert. Nur bisweilen unterbrochen von ihrem Date mit dem britischen Akzent. Erst ein Kaffee. Später ein nettes Abendessen. Das ist der solide und vielfach erprobte Plan. Zumindest so lange, bis sich langsam entfaltet, was offenbar unvermeidbar war:

Der britische Akzent schreibt, er sei gestern auf einem Geschäftsessen gewesen, habe etwas geraucht heute eine kratzige Stimme. Ob das bei der aktuellen Corona-Lage ein Problem sei. „Wie süß, dass er fragt und darüber nachdenkt„, denkt sie und merkt, wie ihr Puls langsam steigt. Sie hatten bei ihren Chats auch über Küssen gesprochen und beide waren etwas nervös, weil sie noch nie einen Mann geküsst hat. Das ist allerdings nicht ihr Ziel für diesen Abend – seines mutmaßlich schon. Und sogar mehr. Manche Andeutungen waren doch sehr deutlich. Männer.
Ihr wird etwas mulmig zu Mute. Wie würde das sein? Er wird es sicherlich versuchen zu forcieren und wenn alles stimmig ist, wäre sie dem nicht mal unbedingt abgeneigt. „Sei nicht so spießig„, hatte sie sich kurz zuvor von ihrere Freundin anhören müssen. „Er hat immerhin ein Hotelzimmer gebucht. Ich bin ja schon so gespannt, was du morgen erzählst!“ Ewwwww…das ginge dann doch etwas zu fix. „Kein Sex vor dem dritten Date„, predigte eine Kollegin bei einem Spaziergang über die Museumsinsel in Berlin.
Sie ist jedenfalls total aufgeregt. Schließlich möchte sie ja auch Erfahrungen sammeln. Aber wie würde es sich nun anfühlen, ihn zu küssen? Kratzig wahrscheinlich. Aber wäre das schön? Oder total furchtbar? Was, wenn es ihr nicht gefällt? Dann weiß sie zumindest, dass das Thema Männer vielleicht doch nichts für sie ist. Oder vielleicht wäre es total super und sie würden sich wild knutschend kaum mehr von einander lösen können. Wer weiß das schon?! Alles ist möglich.

Sie arbeitet weiter, doch ihre Gedanken driften immer wieder ab. Feierabend. Das führt doch zu nichts. Sie beginnt, sich etwas planlos fertig zu machen. Schnell noch die Beine rasieren, nochmal schnell duschen…Frau will ja schließlich wohl duftend erscheinen. Das Outfit findet sich zum Glück schnell, es soll eine Mischung aus feminin-dezentem Rock, schwarzer Strumpfhose und einem raffinierten Oberteil mit angemessenem Ausschnitt werden.
Gerade kramt sie ihr MakeUp-Arsenal aus dem Schrank, da meldet sich ihr Handy. Er. Ein Foto. Genauer: das Foto eines positiven Corona-Tests. Er sei nach gestern sicher gehen wollen und habe sich getestet. Es tue ihm leid, aber das Date würde nicht stattfinden können.Sie hatte schon so etwas geahnt und ist nun insofern froh, mit dem MakeUp noch nicht begonnen zu haben. Halb angezogen setzt sie sich auf den Rand der Badewanne, studiert seine Nachricht erneut und runzelt die Stirn. Verarscht er sie? Hat er kalte Füße bekommen? Oder sagt er wirklich die Wahrheit? Im Grunde hat er keinen Anlass dazu, sie vorsätzlich zu versetzen. Er lässt sich zwar schwer in die Karten schauen, aber er scheint aufrichtig gewesen zu sein. Und immerhin besitzt er den Anstand, ihr rechtzeitig Bescheid zu sagen, anstatt sie erst anreisen zu lassen.

So recht ergibt das Ganze aber dennoch keinen Sinn. Ein Corona-Test wird nicht von heute auf morgen positiv, die Inkubationszeit ist viel länger. Aber möglicherweise hat er sich schon früher angesteckt?! Dennoch keimen Zweifel in ihr und sie ärgert sich darüber. So nervös sie auch gewesen war, sie hatte sich auf den Abend gefreut und sich wirklich viele Gedanken dazu gemacht. „Vergiss den„, rät ihr ihre Freundin bei einem kurzen Krisentelefonat. „Was für ein Idiot! Der verarscht dich doch nur. Wahrscheinlich ist der nicht mal in Düsseldorf.“ 

Ernüchtert tauscht Julia Rock und Strumpfhose gegen ihre kuschelige Lieblings-Zuhause-Hose, räumt das MakeUp weg und beschließt, den Abend für sich mit Pizza und einem Glas gutem Wein ausklingen zu lassen. Der Typ kann sie mal kreuzweise. Ob er nun ehrlich ist oder ihr etwas vormacht…das spielt keine Rolle. Er hat sich zwar entschuldigt, aber hätte er ernsthaftes Interesse, sie kennen zu lernen, hätte er ihr einen neuen Termin vorgeschlagen. Der bleibt aus und sie denkt ja nicht im Leben daran, ihn danach zu fragen. Dafür gibt es genug andere Typen da draußen. Auf solche Spielchen hat sie nun wirklich keine Lust. Goodbye, Mister!

Immerhin etwas draus gelernt…

Spulen wir wieder vor in die Gegenwart. „Männer sind Schweine„, sangen Die Ärzte irgendwann vor Jahren. Damals lehnte ich das Lied ab, weil mein Personalausweis mich ja nun einmal als männlich abstempelte und ich die im Song beschriebenen Verhaltensweisen in keiner Weise auf mich beziehen konnte. So war ich nicht. Stattdessen nahm ich aber die weibliche Sicht der Dinge ein. Heute – mehr denn je – fühle ich jede Zeile des Songs.

Vielleicht sollte ich ja doch besser Mädels daten…?!

Jedenfalls ist es Zeit, dass wir Frauen aufstehen und den Laden hier endlich wieder rocken! The future is feminine. 🙂
Dazu fand ich am Berliner Hauptbahnhof übrigens ein tolles Buch von Andrea Lindau, gibt’s auch beim Amazon (und natürlich eurem lokalen Buch-Dealer um die Ecke):

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