[Gastbeitrag] Ein Leben zwischen Erwartung und Wahrheit: Teil 3 – Zwischen Liebe, Familie und einem großen Geheimnis

Mit diesem dritten und letzten Teil von Tamilas Lebensgeschichte endet diese kleine Serie heute. In sehr deutlichen und teils düsteren Bildern beschreibt sie ihren inneren Kampf zwischen ihrer geliebten Familie und dem tiefen, ehrlichen Wunsch, endlich als sie selbst leben zu dürfen.

Ihr Lieben,

bevor ich euch in den letzten Teil von Tamilas Gedanken entlasse, möchte ich an dieser Stelle eine Trigger-Warnung aussprechen. Dieser Text aus dem Jahr 2021 enthält Beschreibungen von Suizidgedanken, tiefer Verzweiflung und Hilflosigkeit. Ich stehe gegenwärtig mit Tamila in Kontakt und versuche, bestmöglich für sie da zu sein. Trotz der schwierigen Umstände hat sie ihre Dankbarkeit darüber geäußert, dass ihre Geschichte hier veröffentlicht wird.

Doch lest gerne selbst…

Innere Zerrissenheit

Wir begannen ein altes Bauernhaus am Rande der Stadt Dresden, was von meinen Verwandten weitervererbt wurde, mühevoll, in die teure Wendezeit hinein, von Grund auf zu sanieren. Unter unsäglichen finanziellen Aufwendungen und vor allem Unterstützungen durch meine jetzigen Schwiegereltern gelang uns dieser Kraftakt. Meine Frau steckte ihre ganzen Ersparnisse dahinein, nahm klaglos hin, dass fast zwei Drittel meines schwer verdienten Lohnes nun 18 Jahre lang als Unterhalt an meine Kinder aus 1. Ehe ging.

Ich bin meiner lieben Ehefrau dankbar für alles, was sie für mich und an mir getan hat, das kann man mit Geld niemals aufwiegen. Deshalb fällt es mir so schwer, diesen endgültigen Schritt zur Frau zu wagen. Für mich bedeutet Frausein zu wollen und endlich aus diesem gehassten Körper zu kommen, endlich diesen unsäglichen Druck loszuwerden, alles. Aber noch viel mehr bedeutet mir, diesen lieben Menschen, der diesen Weg niemals mitgehen wird, zu enttäuschen und nach 32 glücklichen Ehejahren mit 62 Jahren erneut verlassen zu müssen. Ich bringe das weder für mich mit übers Herz, für meine geliebte Frau erst recht nicht. Es ist so schwer, diese endgültige und unumkehrbare Entscheidung zu fällen. Ob ich sie jemals fällen werde….ich weiß es leider immer noch nicht so richtig.

Der innere Ruf

Im Jahr 2000 erlitt ich massive Wirbelsäulenprobleme aufgrund meines jahrelangen schweren Berufs. Für mich begann nun eine berufliche Odyssee mit Neuorientierung, Hartz 4 Integrationsdiensten, etc. Ich klammere hier einmal die Jahre aus, die ich sehr glücklich, aber mit meiner anderen, wahren Identität im Hinterkopf, ein normales glückliches Eheleben hatte. Dies würde hier jetzt den Rahmen sprengen. Wir wohnen nun seit 1994 in unserem selbst geschaffenen kleinen Nest. Die Kinder sind seit dem Jahr 2013 aus dem Haus, haben beide studiert und einen gestandenen, verantwortungsvollen Job, sowie eigene Familie.

Ich hatte plötzlich seit meiner Wirbelsäulenerkrankung wieder mehr Zeit, die ich allein zu Hause verbringen musste und da war es wieder und stärker, vehementer durchströmte es mich als je zuvor. Meine weibliche Bekleidung versteckte ich jetzt in unserer geschaffenen Werkstatt hinter Kisten und Autoreifen. Sobald meine Frau aus dem Haus auf Arbeit war, zog ich mich um, schminkte mich etwas und lebte so mein weibliches Ich aus. Das Internet hielt verstärkter den je Einzug, die Informationen über meinen Zustand überschlugen sich. Ich holte mir alles an Informationen, was ich konnte.

Die Unterstützung von Ärzten und Psychologen hier in Dresden waren am Anfang noch ziemlich unbekannt. Erst nach intensiven Nachforschungen im Netz fand ich Frau Dipl. Psychologin S. Bei ihr bekam ich zeitnah einen ersten Termin und ich fuhr heimlich, ohne das Wissen meiner Frau, erst als Mann, später immer mehr und öfter als Frau zu ihr. Sie klärte mich über meine Situation und Zustand erstmals richtig auf. Zeigte mir Wege zu behandelnden Ärzten und gab Hinweise, wie dieser schwere Weg für mich gehen kann und sollte. Sie gab mir auch den Hinweis, dass Frau Dr. med. M. transidente Menschen (MzF) betreut und behandelt. Ich bekam die Indikation zur Hormontherapie nach über einjähriger Therapie von ihr.

Ich bedanke mich an dieser Stelle für die sehr gute Betreuung und Therapie von Frau Dipl Psych. S.

Heimliche Schritte und offene Ablehnung

Ich begann, über Frau Dr. med. M. heimlich, ohne Wissen meiner Frau, die Hormontherapie. Nun trieb ich, blind von meinem Gefühl getrieben, endlich Frau sein zu wollen, heimlich und ohne Wissen meiner Frau, den Antrag auf Personenstandsänderung voran. Meine Frau war bis dahin noch völlig unwissend über meine zweite, wahre Seele /Identität und dem ganzen heimlichen Tun darum. Glücklicherweise konnte ich die Post vom zuständigen Gericht immer rechtzeitig vor ihr aus dem Briefkasten holen.

Doch eines Tages, als ich mal kurz zum Einkauf im Baumarkt war und zurückkam, legte sie mir den von mir verfassten Antrag zur Personenstandsänderung auf den Tisch und meinte, dies hätte sie beim Entleeren des Papierkorbes in meinem kleinen Büro gefunden. Ein guter oder ein unheilvoller Tag??? Ich musste mich vor meiner Frau outen, erstmals musste ich mein so lang gehütetes Geheimnis jemanden mitteilen, jetzt war es raus. Ich legte alles auf den Tisch, samt meiner gesamten weiblichen Bekleidung. Für meine Frau brach eine Welt zusammen. Nach unzähligen und langen, tränenreichen Gesprächen konnte ich sie überzeugen, mit zu Frau Dipl. Psychologin S. und später auch mit zu Frau Dipl. Psychologin So. zu kommen. Leider ohne großes Verständnis meiner Ehefrau.

Kleinere Möglichkeiten, irgendwie doch mit ihr gemeinsam als Frau und Frau leben zu können, scheiterten.

Die Mitteilung zur Einnahme von weiblichen Hormonen begründete ich bei ihr erst damit, dass ich mich meiner Allgemeinärztin geöffnet habe und ihr von meiner Transidentität berichtet habe. Diese hätte mich an Frau Dr. med. M. verwiesen, da meine Allgemeinärztin im selben Haus wie Frau Dr. M. praktiziert. Ich erzählte anfangs meiner Frau, dass mir dann nach einem Bluttest Frau Dr. med. M. die Hormone zum Ausgleich und Beruhigung meines männlichen Hormonhaushaltes verschrieben hat. Mittlerweile, und nach sichtbaren körperlichen Veränderungen, hat meine Frau Kenntnis von der weiblichen Hormontherapie.

Tamila im Jahr 2019

Nachdem mich Frau Dipl. Psychologin S. an ihre Kollegin Frau Dipl. Psychologin So. überwiesen hatte, die sich mit dieser Problematik noch besser auskannte, habe ich meine Frau nochmals zu einer gemeinsamen Sprechstunde bei Frau Dipl Psychologin So. überreden können. Leider konnten die Argumente von Frau So. meine Frau in ihrer Haltung auch nicht ändern.

Das Recht auf ein wahrhaftiges Leben

Ich muss, wenn ich als Frau leben möchte, dies voll akzeptieren. Für mich, mit jetzt 62 Jahren, wird es nach der GaOP sicher ein glücklicher Befreiungsschlag werden, aber mein Leben wird nach dieser sehr glücklichen Ehe mit zwei wohlgeratenen Kindern, ein sehr einsames Leben werden. Leider habe ich nach Frau Dipl. Psychologin So.’s Ausscheiden aus dem Berufsleben keine psychologische Hilfe mehr und stehe mit meinen Probleme, Sehnsüchten und Gefühlen erneut ganz allein da! Meist komme ich mir vor, wie so ein Dampfkessel ohne Ablassventil.

Dieser (Leidens-)Druck ist kaum aushaltbar!
Bei uns überspannt eine gigantisch hohe Autobahnbrücke das malerische Tal, ich fand einen Weg (trotz Absperrungen) bis an eine leicht übersteigbare Stelle dahin. In Zeiten, wo der Druck fast unaushaltbar war und ist, treibt es mich immer wieder in deren Nähe. Nur meine Liebe zu meiner Frau und die Verantwortung um sie und unser kleines, wirklich bescheidenes Häuschen, lassen mich immer wieder umkehren.

Vielleicht bin ich dazu auch nur zu feige? Ich weiß es nicht. Aber habe ich nicht auch ein Recht auf das Leben, was ich wirklich bin, auch mit meiner lieben Ehefrau zusammen? Ich bin so ratlos und völlig machtlos stehe ich der Entscheidung und Haltung meiner lieben Ehefrau gegenüber. Ja, alles kann man nun mal nicht haben, aber es ist so verdammt schwer, dies zu akzeptieren, was ja aus ihrer Sicht völlig normal ist. Aber wer fragt nach meiner Sichtweise?

Ungewisse Zukunft

Hier endet mein sicher etwas durcheinander verfasster Lebenslauf zu meinem Transgenderweg.

Wie darin erwähnt, bin ich meiner lieben Ehefrau sehr dankbar, dass sie getreu unserem Hochzeitsschwur auch in schweren Zeiten bisher zu mir gehalten hat. Dass eine so selbstbewusste und intelligente, hübsche Frau, die mit beiden Beinen fest im Leben steht, mich als Mann geheiratet hat und nicht als Frau, muss ich schweren Herzens akzeptieren. Sollte ich mich in nächster Zeit zu der Vollendung meines Weges entschließen, entbindet sie alles von diesem unserem gemeinsamen Hochzeitsschwur. Ich habe ganz allein den Bruch dieses Schwurs dann begangen und zu verantworten.

Ich weiß und das hat meine Ehefrau erst kürzlich wieder zu mir gesagt: sie möchte so lange, wie es möglich ist, noch arbeiten gehen. Denn sie weiß ja bis heute nicht, so auch für die Zukunft, wie ich mich entscheide. Sie wüsste nicht, wie ich innerlich ticke. Diese Worte von meiner lieben Frau zu hören, tun unsagbar weh und machen mir eine endgültige Entscheidung noch schwerer. Es tut mir sehr leid, ihr mit meiner weiblichen Seele / Identität soviel Kummer zu bereiten.

Ich weiß nicht, wie ich ihr noch helfen könnte. Indem ich ihr Ehemann bleibe??? Dies wäre für sie sicher die einzige mögliche und machbare Lösung. Derzeitig lebe ich noch immer bzw. wieder in dieser für meine Ehefrau heimliche Grauzone. Wenn sie arbeiten geht, bin ich ganz Frau, auch in der Öffentlichkeit. Abends zu Hause und in der freien Zeit mit ihr, muss ich nach wie vor die gehasste Rolle meines Lebens spielen.

Ich bin der festen Überzeugung, damit stelle ich den hochdotiertesten Schauspieler / Schauspielerin in den Schatten.

Tamila H., Dresden, 11.02.2021

Hinweis zum Schluss

Diese Geschichte enthält sehr persönliche und auch möglicherweise belastende Erfahrungen. Vielleicht findest du dich in manchen Gedanken oder Gefühlen wieder. Wenn dich das berührt oder du selbst gerade in einer schwierigen Situation bist: Du musst damit nicht allein bleiben. Es gibt Menschen und Anlaufstellen, die zuhören und unterstützen – anonym, vertraulich und ohne Bewertung.

In Deutschland erreichst du z. B. die TelefonSeelsorge rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 oder online unter www.telefonseelsorge.de.

Wenn du dich mit deiner Geschlechtsidentität auseinandersetzt, können auch lokale Beratungsstellen oder Trans*-Selbsthilfegruppen ein geschützter Raum sein.

Und wenn du dir für deinen eigenen Weg einen geschützten, wertschätzenden Gesprächsraum wünschst: Ich begleite in meinem Coaching auch Menschen rund um Fragen von Identität, Selbstfindung und Transition: https://coaching.julia-kalder.de/

Und falls du einfach jemanden brauchst, der dir zuhört: Sprich mit einer Person deines Vertrauens. Du musst diesen Weg nicht allein gehen.

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