[Gastbeitrag] Ein Leben zwischen Erwartung und Wahrheit: Teil 2 – Jahre des Versteckens

Im zweiten Teil von Tamilas Lebensgeschichte beschreibt sie in diesem Artikel berührend nah das Versteckspiel ihrer Identität in der damaligen DDR, die familiären Wirrungen und schmerzlichen Erlebnisse, die sie bis heute prägen.

Bevor wir in den zweiten Teil von Tamilas Lebensgeschichte eintauchen, möchte ich auf Tamilas Anregung hin noch einen Gedanken voranstellen: Heute gibt es zumindest mehr Worte, mehr Sichtbarkeit und mehr Möglichkeiten, über transidente Erfahrungen zu sprechen. In der damaligen DDR hingegen herrschte über dieses Thema fast vollständiges Schweigen. In Lexika fand sich, wenn überhaupt, nur eine knappe und entmenschlichende Beschreibung. Wirkliche Aufklärung war für Betroffene kaum zugänglich. Und selbst der Gedanke, psychologische Hilfe zu suchen, war damals aus Sorge vor negativen Folgen oft mit Angst verbunden statt mit Hoffnung.

Wer damals spürte, dass die eigene innere Wahrheit nicht zu den Erwartungen der Außenwelt passte, blieb damit oft erschreckend allein. Vielleicht hilft genau dieses Wissen, die folgenden Zeilen noch einmal bewusster zu lesen: als Geschichte eines Menschen, der sich selbst über viele Jahre verstecken musste -i n einer Zeit, in der Anderssein nicht nur unverstanden, sondern auch gefährlich war.

Zurück in den Salon

Nach Entfernen der Lockenwickler wurden meine Haare erstmals wieder seit meiner NVA Zeit geschnitten, es wurde toupiert, gelegt und zum Schluss mit Haarlack fixiert. Ich hatte eine richtig schicke weibliche Frisur, ich konnte mich schon im Autospiegel gar nicht sattsehen. Bei meinen Eltern erzählte ich die Geschichte mit einer Wette und auf Arbeit ebenso, wobei ich dort schon unter harten Männern spießrutengelaufen bin und mir tagelang so einige Bemerkungen anhören musste.

Ganz berauscht von diesem Erlebnis, unternahm ich einen weiteren Versuch. Ebenfalls mit der Vorgabe, es ginge um eine Wette, ich würde mir gern ein richtiges Abend Make-up machen lassen, besorgte mir einen Termin in einem Kosmetiksalon. Dieses Mal ging ich schon vollständig als Frau gekleidet dorthin, bekam sogar Komplimente und wurde für meinen Mut bewundert. Nach umfangreicher Kosmetikbehandlung bekam ich mein Abendmakeup, aber vorsichtigerweise ohne gefärbte Wimpern und Augenbrauen. So konnte ich alles, ohne Spuren zu hinterlassen, wieder entfernen.

Meine Dauerwelle war zu dieser Zeit schon lange herausgewachsen. Ich besorgte mir erneut einen Termin für eine Dauerwelle, allerdings hatte die Friseuse von meinem letzten Termin aufgehört und eine andere wollte dies nicht machen. So musste ich bei den wenigen größeren Friseur PGHs in Dresden herum telefonieren, eh ich wieder eine nette Friseuse fand, die sich dazu bereit erklärte. Dieses Mal wollte ich zur Dauerwelle gleich noch eine Färbung haben, am besten von blond auf einen rötlichen Kastanienton.

Um Schädigung der Haare vorzubeugen, wurde es dann nur eine Tönung, die aber auch sehr intensiv und langanhaltend in Verbindung mit der Dauerwelle war. Fast 3 Stunden unter Frauen. Ich war in diesen 3 Stunden sehr glücklich. Alles, was mich danach erwartete, Erklärung bei meinen Eltern, auf Arbeit, bei Freunden, blendete ich in dieser Zeit völlig aus. Die nächsten Tage mit frischen Locken und der frischen, mich völlig veränderten Haarfarbe waren die Hölle. Ich erspare mir hier jede weitere Erklärungen.

Die Geburt des ersten Sohnes

Natürlich fragte ich mich immer wieder, ob ich noch normal wäre und was mit mir los ist? Dachte immer wieder, das wird vergehen. Ich versuchte dies abzuändern, so schrieb ich auf Kontaktanzeigen und lernte meine 1. Frau kennen. Ich war erneut sehr glücklich, aber irgendwie ganz anders. Ich entsorgte sofort meine gesamte, damals schon sehr teuer gekaufte weibliche Bekleidung und hoffte nun als vollständiger Mann weiter leben zu können.

Als unserer 1. Sohn sich ankündigte, war ich überglücklich. Aber schon bei den ersten Schwangerschaftsuntersuchungen meiner Frau war das Gefühl wieder da: „Warum darf sie dorthin gehen und ich muss hier als Mann auf dem Bau malochen?“ Ein unbändiger Neid kam in mir auf. Ich schaffte es glücklicherweise einmal zu einer Vorsorgeuntersuchung mitzugehen und durfte so den Herztönen unseres ungeborenen Kindes zuhören.

Der Neid war auch hierbei präsent: „Warum darf ich nicht dort liegen, warum darf ich das Kind nicht austragen?“ Trotzdem hielt ich mich tapfer und gab den harten Mann. Es war das Jahr 1985, als unser Sohn geboren wurde und nach unsäglichen großen Bemühungen bei den Ärzten, durfte ich im Diakonissenkrankenhaus Dresden bei der Geburt unseres Sohnes dabei sein.

Es war für mich ein so schönes, glückliches, aber zugleich auch leidvolles Erlebnis in meinem Leben. Ich war als Vater stolz und glücklich, habe aber während des Geburtsvorganges, sicher auf andere Weise wie meine damalige Frau, sehr gelitten. Warum nicht ich ein Kind zur Welt bringen durfte/darf??? Meine 1. Ehefrau hat nie von meiner Transsexualität erfahren, warum sie heimlich und so sehr unfair aus der Ehe, für mich und alle Verwandten und Bekannten ausbrach ist bis heute völlig unklar? Es liegt sicher in ihrer Familie begründet, wobei meine damalige Schwiegermutter, die nach einem Besuch von Bekannten in der damaligen BRD nicht mehr zurück gekehrt war.

Meinen Exschwiegervater hatte sie unter fadenscheinigen Umständen nachgeholt, obwohl gegen ihn ein Strafverfahren wegen Scheckbetruges und Urkundenfälschung an meinem privaten Konto vorlag. Meine damalige Frau hat ihm Schecks von mir gegeben, wo er die Unterschrift von mir gefälscht hat und so mein DDR Konto geleert hatte. Als ich mit meiner Firma auf Montage war, zog meine damalige Frau heimlich aus der gemeinsamen Wohnung aus und verschwand ebenfalls mit meinem Sohn in die damalige BRD.

Scheidung und ungeklärte Fragen

Ich war als kleiner Handwerker nie in einer Partei, musste zwangsweise bei der NVA in die FDJ eintreten, war so politisch völlig uninteressiert und hatte mit Behörden oder damaliger Staatssicherheit nie Probleme. Warum Sie diesen Weg wählte, ist mir bis heute völlig unklar. Ich hatte 7 Scheidungsverhandlungen, wozu meine Exfrau schwanger extra mit ihrer Rechtsanwältin (ebenfalls einer ehemaligen sogenannten damaligen Republikflüchtige) aus der BRD anreißen musste. Schwanger von wem? Das war und bleibt bis heute meine große Unbekannte. Ein auf Pergamentpapier gedrucktes Blutgruppengutachten, komischer Weise damals an der Universitätsklinik Greifswald untersucht und dokumentiert, bezeugt mich bis heute als leiblichen Vater.

Dies, obwohl meine damalige Frau regelmäßig die Pille als Verhütung einnahm. Das Kind – ein Mädchen – kam mit einer leichten geistigen Behinderung zur Welt. Auch war ich der festen Überzeugung, dass in ihrem Nothilfepass als Krankenschwester und im Mutterpass eine andere Blutgruppe stand, als auf dem Blutgruppengutachten der Universitätsklinik Greifswald. Leider kann ich das heute und schon damals nicht mehr nachprüfen.

Ich bekam einen Rechtsanwalt vom Gericht gestellt, weil mein guter Verdienst als Dachdecker so langsam aber sicher Unterhalts- und Gerichtskosten auffraß. Noch während der politischen Wende habe ich herausbekommen, dass dieser Anwalt ein Anwalt der Staatssicherheit war. Auf Grund meiner Recherchen und Unterstützung eines autorisierten Rechtsanwaltes, den mein Vater bezahlte, wurde dem Anwalt die Konzession entzogen und er durfte nie wieder als Rechtsanwalt oder ähnlichem tätig werden. Leider steht in meiner Akte für Staatssicherheit nichts über diesen Scheidungsablauf oder Ehe drin.

Das finsterste Kapitel meines Lebens

Dies ist das finsterste und schwärzeste Kapitel meines Lebens. Trotz dieses schlimmen Einschnitts in meinem Leben, und vielleicht gerade deshalb, flammte mein Begehren eine Frau sein zu wollen, erneut und verstärkt auf. Ich konnte jetzt etwas frei, aber mit weniger Geld in der Tasche, mir neue weibliche Bekleidung kaufen. Leider setzte nun so langsam ein kleiner, bei Männern bedingter Haarausfall ein, mit Dauerwellen die nun schon so viele Männerköpfe erreicht hatten, war es für mich vorbei.

Mit einer etwas billigen Perücke, von der damals schon in Dresden Strießen ansässigen Drogerie und Perückenstudio Herrich, beschränkte ich mich jetzt auf die etwas mehr werdenden Kosmetiksalons, lebte mein Frausein in meiner kleinen Wohnung einsam für mich aus. Ich fühlte mich ziemlich allein und einsam und sehnte mich endlich nach einem Menschen, der mich richtig liebt und versteht. In der Zwischenzeit war mein Leben geprägt von Arbeit und unzähligen Gaststättenbesuchen und viel, viel Alkoholkonsum. Damals, für mich unbekannt, lebte ich lange Zeit irgendwie in einem psychischem Delirium oder geistiger Abwesenheit. Um nicht ganz unterzugehen, wagte ich erneut einen Versuch und schrieb auf ein Partnerinserrat.

Raus aus dem schwarzen Loch

Es war die letzte und kleinste Anzeige in der Sächsischen Zeitung. Wiederum erhielt ich nach geraumer Zeit Antwort von einer Frau aus Pirna. Wir trafen uns und nach einer gewissen Zeit zündete ein richtiger Funke, der auf uns beide übersprang. Es wurde meine jetzige Frau. Sie holte mich aus diesem großen schwarzen Loch wieder heraus. Gab mir Halt und baute mein Selbstbewusstsein beständig an mir auf! Ich bin der festen Überzeugung, ohne Sie gäbe es mich heute nicht mehr! Sie brachte Ordnung in mein Leben, in meine Unterlagen und arbeitete akribisch meine Unterhaltsangelegenheiten von meiner Exfrau auf. Regelte sämtliche Unterhaltsforderungen mit Rechtsanwälten und Jugendämtern in Worms, wo meine Exfrau jetzt wohnt. Sie verweigerte ja vom ersten Tag an jeglichem Umgang mit meinen Kindern.

1988 heirateten wir im kleinsten Kreise und meine Frau erwartete unseres 1. gemeinsames Kind. Ich versteckte derweil meine weibliche Kleidung in meiner Garage, die ich ein paar Häuser weiter von unserer Wohnung gepachtet hatte. Es gab eine lange Zeit, in der ich meine nun für mich bekannte Transsexualität völlig ausblenden konnte/wollte oder besser, musste.

Es gab auch keine Möglichkeit, diese jetzt irgendwie heimlich auszuleben, aber sie war beständig bei und in mir. Spätestens bei den erneute Vorsorgeuntersuchungen in der Schwangerschaft meiner Frau lebte dieses Gefühl, endlich Frau sein zu wollen, erneut und immer verstärkter auf. So auch bei der Geburt unseres Sohnes und Tochter. Ich war und bin ein stolzer und glücklicher Vater unserer Kinder, würde aber viel lieber die Mutter sein.

Weiter geht es nächste Woche mit Teil 3: „Zwischen Liebe, Familie und einem großen Geheimnis“.

Hinweis zum Schluss

Diese Geschichte enthält sehr persönliche und auch möglicherweise belastende Erfahrungen. Vielleicht findest du dich in manchen Gedanken oder Gefühlen wieder. Wenn dich das berührt oder du selbst gerade in einer schwierigen Situation bist: Du musst damit nicht allein bleiben. Es gibt Menschen und Anlaufstellen, die zuhören und unterstützen – anonym, vertraulich und ohne Bewertung.

In Deutschland erreichst du z. B. die TelefonSeelsorge rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 oder online unter www.telefonseelsorge.de.

Wenn du dich mit deiner Geschlechtsidentität auseinandersetzt, können auch lokale Beratungsstellen oder Trans*-Selbsthilfegruppen ein geschützter Raum sein.

Und wenn du dir für deinen eigenen Weg einen geschützten, wertschätzenden Gesprächsraum wünschst: Ich begleite in meinem Coaching auch Menschen rund um Fragen von Identität, Selbstfindung und Transition: https://coaching.julia-kalder.de/

Und falls du einfach jemanden brauchst, der dir zuhört: Sprich mit einer Person deines Vertrauens. Du musst diesen Weg nicht allein gehen.

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