Die Lebenswege von uns Menschen sind so einzigartig, wie unser Fingerabdruck. Und das gilt selbstverständlich auch für die Biografien transidenter Menschen. Dennoch: wann immer ich die bewegende Geschichte einer Transition höre, erkenne ich wiederkehrende Muster. Sie erzählen von Scham, Angst, Ablehnung. Und gleichzeitig von unendlicher Hoffnung auf ein Leben als wir selbst. Eine solche Biografie hat Leserin Tamila mit mir geteilt und ich darf sie euch als Mini-Serie in den kommenden Wochen anvertrauen. Teil 1 wirft einen Blick zurück: auf das Gefühl des „anders seins“.
Ihr Lieben,
bevor wir in Tamilas Geschichte eintauschen, möchte ich ihr an dieser Stelle von ganzem Herzen für ihr Vertrauen danken, mir ihre sehr persönliche Geschichte anzuvertrauen. Sie hat mir ausdrücklich erlaubt, ihren Lebensbericht zu veröffentlichen, um anderen Menschen Mut zu machen. Aus Rücksicht auf ihre Situation wurden einzelne Details anonymisiert. Der Text selbst bleibt unverändert.
Dresden
Wer bin ich, was bin ich? Ein Mensch geboren und gefangen in einer männlichen Hülle. Ich bin eine Frau!
Mein bisheriger Weg… vielleicht etwas durcheinander und stark gekürzt aber es ist mein Weg, der mit Aufstiegen auf 4.000ter Gipfel und mit ebenso tiefen Abstürzen gleichzusetzen ist.
Alles begann damit, dass ich so ca. mit 19 Jahren einen Traum hatte.
Ich war fest eingeschlossen in einen großen Stein. Aus diesem konnte ich aber hinausschauen, es erschien außerhalb des Steines eine bildhübsche, junge Frau, sie wollte mir die Hand reichen und sprach immer wieder zu mir “komm mit mir mit“ aber ich war ja in diesem Stein fest eingeschlossen. Mehrmals noch sprach sie die Worte, dann verschwand sie und ich wachte mit einer Erektion auf.
Seither lebte ich in und mit der Phantasie endlich auch selbst so eine schöne Frau sein zu können. Ich flüchtete mich immer mehr in diese Phantasie und mich erregte diese Vorstellung eine Frau sein zu dürfen immer mehr. Da ich ja leider und nach dem Gesetz im Dezember 1958 mit einem männlichen Geschlecht geboren wurde, eröffnete mir erst das moderne Internet Zugang zu näheren Informationen/Recherchen meiner Problematik. Mir wurde damit immer mehr bewußt (was mir bisher total verborgen geblieben ist), dass ich mit einem weiblichen Gehirn deren Denk- und Gefühlswelt geboren wurde.
Zurück zur Vergangenheit
Somit erfüllte ich alle Normen die man von einem Jungen, später Mann, erwartete. Ich schloss die mittlere Reife (damals zu DDR-Zeiten 10. Klasse Oberschule) mit einem befriedigend (3) ab und erlernte den harten Beruf eines Dachdeckergesellen, mein Haupthobby war aktiv in einem Verein
Fußball spielen. Das der Beruf eines Dachdeckers zu DDR Zeiten zwar ein geachteter Handwerksberuf war aber von der beruflichen Härte her, fast gleichgesetzt mit dem eines Bergmanns unter Tage war.
Täglich schleppten wir Tonnen Trepp ab und Trepp auf auf unserem Rücken, balancierten auf morschen, schmalen Laufstegen ohne jegliche Gerüste oder moderner Sicherheitsvorrichtungen. Dies bewirkte im Jahr 2000, dass mich meine behandelnde Orthopädin mit erheblichen Rücken- und Hüftproblemen aus den Beruf nahm und ich seit 2005 erst eine Teilerwerbsminderungsrente und seit 2017 eine volle Berufsunfähigkeitsrente erhalte. Ein beim Sozialgericht verhandeltes Verfahren auf Schwerbehinderung scheiterte, es blieb ein Behinderungsgrad von 40.
Eine Frau war für mich nie ein sexuelles Begierdeobjekt. Wenn meine Kollegen vom wackligen Gerüsten einer hübschen Frau hinterher pfiffen, hatte ich die Phantasie, wie in eben so bezeichneten Filmen, in sie hineinschlüpfen zu können und wieder heraus. Die Vorstellung, eine Frau sein zu
wollen, erhärtete sich immer mehr. Da ich gut verdiente, kaufte ich unter allen möglichen Vorwänden Schuhe und Damenkonfektionsstücke, auch Unterwäsche und Mieder, was zu DDR-Zeiten ja sehr ungewöhnlich für einen Mann war.
Erst wohnte ich noch bei meinen Eltern in meinem früheren Kinderzimmer und es war sehr schwer die Bekleidungsstücke vor meinen Eltern zu verstecken. Dann erhielt ich in der DDR-Wohnungsnot durch viel Glück eine Wohnung im elterlichen Dreifamilienhaus. Allerdings musste ich diese mit damals üblichen, aber einer sehr netten älteren (Rentnerin) Untermieterin teilen. Dann kam der Glücksumstand dazu, dass mir ein Onkel im damaligen Westberlin einen Trabant über die damalige Handelsgesellschaft Genex samt Finanzierung und sofortiger Absolvierung der Fahrerlaubnis schenkte. Jetzt war ich flexibel und konnte im Kofferraum des Trabants meine gesamten weiblichen Utensilien verstecken.
Der Traum, eine Frau sein zu wollen war ständig präsent, selbst bei schwierigsten Arbeiten und Bedingungen auf dem Dach. Es war mein von mir entwickelter eigener Schutz, gegen das für mich geradezu abstoßende und immer mehr als aufgezwungen empfundene, männliche Dasein. Ich beneidete schon damals und noch heute jede Frau. Ich beneide Sie, dass Sie fast alles an Konfektion tragen können und dürfen in einer Vielfalt an Schnitten und Materialien. Ich beneide Sie darum, dass Sie sich schön machen lassen können. Ob Haut oder Haarpflege, um Ihre Hormone, dass
Sie keine oder kaum Körperbehaarung haben, viele unterschiedliche Frisuren haben dürfen.
Da wäre ich bei meinem immer heimlich gewünschten Beruf eines Friseurs oder besser Friseuse. Aber erstens benötigte man zu DDR-Zeiten, um den Ausbildungsberuf zu erlernen, viel Beziehungen und top Zensurendurchschnitt im Abschluss der 10. Klasse. Es war schlechthin der Traumberuf eines jeden jungen Mädchens zu DDR-Zeiten. Als Mann Friseur zu erlernen, oh welch Not, da wurde man ja gleich in die Schmuddelecke verbannt und als schwul verschrien. Also erfüllte ich zwar innerlich total abweisend, aber treu und brav, meine mir angeborenen Rollenvorgaben.
Pflichtmillitärzeit
Kurz sei meine anderthalbjährige Pflichtmillitärzeit zu DDR-Zeiten erwähnt. Auch die war für mich die Hölle, nur immer unter Männern, dass im Grau in Grau der NVA Uniformen. Aber mit viel innerlichen Humor und mit männlich aufgesetztem Gebaren überstand ich auch diese Zeit. Dabei
half mir vor allem Nachts oder beim Wache gehen, meine Gedankenflucht, endlich eine Frau sein zu dürfen. Natürlich entwickelte sich dabei eine immer größerer Abneigung gegen meine männliche Rolle und Körper. Ein gewisser, aber niemals bösartiger, eher bewunderter Neid auf Frauen
blieb dabei nicht aus und fortan bestehen.
Mich zogen Friseur-/Kosmetiksalons zu DDR-Zeiten magisch an, das war für mich so der Inbegriff, wo Frau ganz Frau sein konnte und sich schick und schön machen ließ. Da ich damals noch volle, lange und naturblonde Haare hatte, entschloss ich manchmal in einem Damenfriseursalon,
der ja damals noch streng getrennt zwischen Mann und Frau war, anzurufen. Ich gab vor, eine Wette abgeschlossen zu haben, mir eine richtig schicke Damenfrisur machen zu lassen. Oftmals wurde sofort aufgelegt, andere hatten keinen Termin frei. Doch eines Tages gelang es mir bei einem Friseursalon meinen Wunsch näher zu kommen.
Ich wurde gefragt, was ich denn machen lassen wollte, Lockwelle, Dauerwelle (die zu DDR-Zeiten auch als Kaltwelle bezeichnet wurde)? Ich sagte ohne jegliche Kenntnis, ich möchte eine Dauerwelle haben. So erhielt ich an einem Nachmittag einen Termin und ich fuhr nach Arbeit dorthin. Vorher zog ich mir noch meine weibliche Unterwäsche darunter um wenigstens etwas das Gefühl von Weiblichkeit zu haben, mehr getraute ich mir damals noch nicht.
In dem Salon wurde ich schon von der Friseuse erwartet und mich empfing der für mich wohlige Geruch von chemischen Dauerwelle- und Färbemitteln, gepaart mit dem Geruch von wohl riechenden Haarlack etc. Ich durfte auf einem Stuhl vor einem Waschbecken Platz nehmen, wo aber zu jedem weiteren Frisierplatz diese mit kleinen Trennwänden zum anderen Platz versehen waren. Ich wurde gefragt, ob ich schon einmal eine Kaltwelle machen lassen habe, was ich verneinte. Kurze Beratung über Frisur und Schnitt und schon ging es los, meine damals schulterlangen blonden Haare wurden auf unzählige kleine Wickler gedreht was ich sichtlich genoss.
Dann kam, für mich völlig unbekannt, die Kaltwellflüssigkeit auf die Wickler und nach Abschluss verschwand alles unter einer Plastikhaube
und einem Handtuch. Ich genoss jede Minute in dem Friseursalon. Nach ca. einer halben Stunde kam eine schaumartige Fixierflüssigkeit darauf die wiederum einwirken musste. Dann wurde alles abgespült und auf größere Lockenwickler gedreht. Ich fühlte mich zusehens mehr als Frau und
war dabei sehr glücklich. Der Höhepunkt: ich durfte in einem Raum unter eine Trockenhaube Platz nehmen und saß mitten zwischen Frauen, die zwar etwas ungläubig schauten aber sich daran nicht weiter zu stören fanden. Ich war überglücklich und fühlte mich für diese kurze Zeit wie eine richtige Frau.
Ich glaube, lange bevor die Mode auch in der DDR aufkam, dass sich Männer Dauerwellen machen ließen, war ich der 1. Mann in der gesamten DDR, ausgenommen vielleicht Künstler, die eine Dauerwelle samt gelegter Lockwelle trugen?
Weiter geht es nächste Woche mit Teil 2: „Das Leben, das andere für mich vorgesehen hatten“.
Alles Liebe,
eure Julia
Hinweis zum Schluss
Diese Geschichte enthält sehr persönliche und auch möglicherweise belastende Erfahrungen. Vielleicht findest du dich in manchen Gedanken oder Gefühlen wieder. Wenn dich das berührt oder du selbst gerade in einer schwierigen Situation bist: Du musst damit nicht allein bleiben. Es gibt Menschen und Anlaufstellen, die zuhören und unterstützen – anonym, vertraulich und ohne Bewertung.
In Deutschland erreichst du z. B. die TelefonSeelsorge rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 oder online unter www.telefonseelsorge.de.
Wenn du dich mit deiner Geschlechtsidentität auseinandersetzt, können auch lokale Beratungsstellen oder Trans*-Selbsthilfegruppen ein geschützter Raum sein.
Und wenn du dir für deinen eigenen Weg einen geschützten, wertschätzenden Gesprächsraum wünschst: Ich begleite in meinem Coaching auch Menschen rund um Fragen von Identität, Selbstfindung und Transition: https://coaching.julia-kalder.de/
Und falls du einfach jemanden brauchst, der dir zuhört: Sprich mit einer Person deines Vertrauens. Du musst diesen Weg nicht allein gehen.

